18. Januar 2018

Baumeister virtueller Welten

Emily und Sylvain Joly tüfteln an der Unterhaltungswelt der Zukunft. Mit ihrer Firma Apelab kreieren sie in Genf Spiele und Filme für Smartphones und VR-Brillen und wurden damit auch schon ans Sundance Festival in den USA eingeladen. Ihr neuestes Werk präsentieren sie diese Woche an den Solothurner Filmtagen.

Apelab-Team
Verspieltes Team: Sylvain Joly (35, l.) und seine Frau Emily (33, sitzend) mit ihren Mitarbeitern in den Räumen von Apelab in Genf

Ein Paar sind sie schon seit zwölf ­Jahren, der Comicfan und die Filmspezialistin. Zusammen studierten Sylvain und Emily Joly Kunst und Design an der Universität Genf, zusammen entdeckten sie die Nische, interaktive Geschichten für das Smartphone und in der virtuellen Realität (VR) zu erzählen. 2014 kombinierten sie ihre Passionen mit denen zweier Studienkollegen und gründeten ihre eigene Firma Apelab , «Affenlabor».

Geht das gut, so pausenlos zusammen zu sein, privat und im Job? Die zwei schauen sich kurz an und lachen. «Wir haben uns daran gewöhnt und sind einfach ein gutes Team», sagt Emily Joly. Mit einer Leidenschaft für Technologie und Geschichten, die offensichtlich zusammenschweisst.

Ihr neuestes Spiel heisst «Ko’Ko’s Curse» . Alles, was es dafür braucht, ist ein modernes Smartphone mit Kopfhörern – und schon steht da mitten im eigenen Wohnzimmer ein kahler, hohler Baum, in dem niedliche kleine Eulen sitzen und einen mit grossen Augen ansehen.

Das Verfahren heisst «Augmented Reality» (AR), also erweiterte Realität. Wo eigentlich nur ein Parkettboden mit Sofa ist, ergänzt der Smartphonebildschirm die Wirklichkeit, indem er Pflanzen und Tiere einblendet, mit denen man in den eigenen vier Wänden interagieren kann. Diese AR-Spiele gelten seit dem «Pokémon Go» - Massenphänomen im Sommer 2016 als Unterhaltung mit Potenzial.

Damals jagten auf der ganzen Welt Zigtausende mehr oder weniger junge Spieler mit ihren Smartphones nach Pokémons, kleinen japanischen Animationskreaturen, die es zu fangen galt und die irgendwo in der eigenen Umgebung sitzen konnten, auf einem Baum, am Flussufer, im Imbiss um die Ecke – zu sehen natürlich nur via Smartphone und mit der entsprechenden App.

Pioniere auch auf internationaler Ebene

Das gleiche Verfahren nutzt auch «Ko’Ko’s Curse», das Apelab in Coproduktion mit RTS Digial Lab & SRG SSR entwickelt hat und diese Woche an den Solothurner Filmtagen vorstellen wird. Dort setzt man sich unter dem Titel «Future Lab» erstmals intensiver mit dem Potenzial von AR und VR auseinander und wie sich das aufs Filmemachen auswirkt. Auch wenn die Interaktivität dieser Verfahren sich eher für Spiele eignet als für den klassischen Kinofilm.

«Future Lab» wird unter anderem vom Migros-Kulturprozent unterstützt (siehe Kasten unten). Neben weiteren AR/VR-­Spielen wird man auch «Ko’Ko’s Curse» ­ausprobieren können, spätestens Anfang März soll die App fürs allgemeine Publikum zum Download zur Verfügung stehen. Die Entwicklung des Spiels dauerte rund fünf Monate, erzählt Emilie Joly, «doch als wir uns zu Beginn auf AR und VR spezialisieren wollten, hatten wir erst mal ein Problem: Die Technik zur Entwicklung qualitativ hochwertiger Spiele in diesem Bereich existierte schlicht noch nicht».

So programmierten sie einfach selbst eine Plattform, SpatialStories , die ihnen auf einen Schlag internationale Aufmerksamkeit bescherte. Sie wird heute auch von den meisten Game-Designern verwendet, die AR- oder VR-Geschichten erzählen möchten.

Den nächsten Erfolg feierten die Jolys und ihr sechsköpfiges Team mit dem Pilotfilm zu ihrer interaktiven VR-Serie «Sequenced» . Nicht nur räumten sie damit an diversen Festivals Preise ab, die Schweizer Pioniere wurden 2016 sogar an die renommierten Filmfestivals Sundance und Toronto eingeladen, wo sie viele wertvolle Kontakte mit Hollywood-Exponenten knüpfen konnten. Schon 2015 eröffneten sie ein zweites Büro in Los Angeles, und im Lauf des Jahres wird das Paar auch selbst in die USA übersiedeln. «Wenn Trump uns reinlässt», scherzt Emily Joly und rollt mit den Augen.

Der Standort in Genf wird aber für die technische Entwicklung erhalten bleiben. «Die Schweiz ist ein fruchtbarer Boden für gute Talente», sagt Joly, «und sie hat international einen exzellenten Ruf für hohe Qualität, der auch uns zugute kommt.» Doch was die Unterhaltungsindustrie angeht, spiele die Musik in den USA, auch die Finanzierung neuer Projekte lasse sich dort leichter und unbürokratischer realisieren.

Brainstorming für neue VR- und AR-Ideen.

Neben der Technik ist auch der Storybau eines interaktiven VR- oder AR-Spiels eine Herausforderung. «Da der Spieler an verschiedenen Stellen der Handlung selbst entscheiden kann, ob die Geschichte so oder so weitergeht, muss man sämtliche möglichen Szenarien berücksichtigen», erklärt Sylvain Joly. Manchmal müsse man den Spieler auch dazu bringen, etwas Bestimmtes zu tun, damit er weiterkomme. «Und das möglichst diskret, aber doch so, dass er es schafft. Es braucht also eine subtile Balance aus Freiheit und Zwang.» Ob das funktioniert oder nicht, muss laufend mit immer anderen Spielern getestet werden.

Weil der Markt für diese interaktiven virtuellen Welten noch relativ klein ist, hält sich die Konkurrenz in Grenzen. «Wir sind viel unterwegs an Festivals und treffen überall auf dieselben paar Leute», sagt Emilie Joly und lacht. Neben den USA und Europa sind auch Japan und vor allem China wichtig. 2018 allerdings könnte entscheidend werden: Laut dem Beratungsunternehmen Deloitte wird es das Jahr sein, in dem AR seinen Durchbruch erlebt, weil weltweit inzwischen rund 800 Millionen AR-fähige Smartphones im Umlauf sind. Deloitte erwartet für 2018 einen Umsatz von 100 Millionen Dollar im AR-Bereich.

«Das Potenzial ist enorm», glauben auch die Jolys. Und mit ihrer Vorarbeit rechnen sie sich gute Chancen aus, im neuen Unterhaltungszeitalter vorne mit dabei zu sein. «Es sind derzeit viele Geräte in Entwicklung, die AR und VR leichter zugänglich machen werden», sagt Emily Joly. «Und wir liefern die Inhalte für sie.» Wo wird das am Ende hinführen? Werden wir uns bald alle in täuschend echt wirkenden virtuellen Welten bewegen können? Die Jolys sind überzeugt, dass das nicht mehr lange dauern wird. Und die Vorfreude darauf ist ihnen deutlich anzusehen.

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