30. Januar 2017

Bangkok mit Kick

Nach Thailand kann frau sehr gut allein reisen. Ein Besuch in der Metropole Bangkok mit Kickboxen, Kochen und auf einem schwimmenden Markt.

Händlerin auf dem schwimmenden Markt
Mobil mit schaukelndem Ladentisch: Händlerin auf dem schwimmenden Markt Damnoen Saduak.

Zack, ein Schlag mit der rechten Faust. Dann ein Haken mit der Linken und ein Hieb mit dem Ellenbogen, bevor ich ihm mein gestrecktes Bein in die Lende ramme. Der junge Mann, dem ich das antue, lächelt anerkennend und sagt: «Aahh – very good!» Gestern wusste ich noch nicht, dass mit Muay Thai Thaiboxen gemeint ist. Noch weniger hatte ich eine Vorstellung davon, wie viel Spass diese schweisstreibende Prügelei mit Händen und Füssen machen würde.

Muay Thai: Thai-Kickboxen ist auch ein Frauensport
Muay Thai: Thai-Kickboxen ist auch ein Frauensport. Sogar Europäerinnen reisen eigens zum Training nach Bangkok.

Zusammen mit acht anderen Schweizer Frauen bekomme ich im Fighting Spirit Gym, einer Boxschule an der Silom Road in Bangkok, meine erste Lektion im hiesigen Volkssport, aus dem sich in der westlichen Welt das Kickboxen entwickelt hat. Dankbar für die kleinen Pausen zwischendurch, suchen wir immer wieder die Nähe eines Ventilators – es sind feuchtheisse 38 Grad – und beobachten wie eine zarte Thailänderin und eine kräftig gebaute Engländerin ambitioniert auf die herumhängenden Boxsäcke eindreschen.
Nach weniger als einer Stunde ist unsere Kondition aufgebraucht. Erschöpft und glücklich über die neue Erfahrung in Sachen Selbstverteidigung, entspannen wir uns im Anschluss bei einer Thai-Massage. Und fühlen uns pudelwohl.

Zum Berufsstart in eine unbekannte Stadt

Zum Abendessen besuchen wir das «Above Eleven» im 33. Stock an der Sukhumvit Soi 11. In der Welthauptstadt der Rooftoprestaurants ist es nur eines von unzähligen auf einem der Hochhausdächer, die ein kulinarisches und optisches Erlebnis gleichzeitig bieten. Hier treffen wir Aline Tschäppät.

Seit sieben Jahren lebt die 32-Jährige aus Münchenbuchsee BE in der Zehn-Millionen-Metropole. Eigentlich wollte sie nach dem Abschluss der Hotelfachschule in Luzern nach Hongkong oder Schanghai. Doch als ihr ein Job in Bangkok angeboten wurde, griff sie ohne zu zögern zu, obwohl sie noch nie zuvor in der Stadt war. «Ich dachte mir, ich kann es ja mal versuchen. Wenn es nicht stimmt, bin ich wenigstens schon mal in Asien, und von dort aus wird es einfacher sein, etwas anderes zu finden», erzählt die aufgestellte junge Frau. Offenbar hat es bestens geklappt, denn sie arbeitet seither erfolgreich für eine Hotelmanagementgruppe und ist unter anderem für die Überwachung von Hotelneubauten in ganz Asien verantwortlich.

Für den Job ging Aline Tschäppät nach Bangkok
Für den Job ging Aline Tschäppät nach Bangkok und hat den Schritt ins Unbekannte bisher nicht bereut.

«Bangkok hat mich von Anfang an positiv überrascht», schwärmt sie «es funktioniert alles hier auf seine eigene, besondere Weise. Die Stadt ist sehr international, die Menschen sind unglaublich freundlich und sehr offen. Man lernt sich schnell kennen und freundet sich an. Ich hatte nie das Gefühl ein Aussenseiter zu sein oder als Frau nicht akzeptiert zu werden.» Dann lacht sie und sagt: «Aber die Leute hier können einfach nicht pünktlich sein.» Auch nach sieben Jahren noch tauchten ihre Freunde, darunter Thailänder, Franzosen und Brasilianer oft erst eine halbe Stunde später auf, als abgemacht. Daran müsse man sich erst gewöhnen, wenn man aus der Schweiz komme.

Alles, was Frauen wollen

Ob sie manchmal Angst habe in dieser Megacity, fragen wir. «Nein, die hatte ich noch nie, auch keine Probleme oder je ein negatives Erlebnis. Ich finde, Bangkok ist eine sichere Stadt. Obwohl alle paar Jahre etwas Schockierendes passiert, wie das Bombenattentat vorletztes Jahr. Aber ich habe den Eindruck, die Stadt erhole sich schnell von solchen Zwischenfällen.» Wie sich allerdings der Tod von König Bhumibol Adulyadej im letzten Oktober auf die politische Stabilität des Landes auswirken wird, bleibt vorerst abzuwarten. Dieses Ereignis versetzte nicht nur seinen Untertanen, sondern auch dem Tourismus einen Schock.

Ungeachtet dessen arbeitet Kobkarn Wattanavrangkul, die Ministerin für Tourismus und Sport, weiter an ihrer Mission, ihr Land zu einer bevorzugten Destination für Frauen zu machen. Die attraktive 56-Jährige ist eine von drei Frauen im 21-köpfigen thailändischen Kabinett. Thailand sei ein sicheres Reiseland für Frauen jeden Alters, erzählt sie uns bei einer persönlichen Audienz.

Es gibt Taxis und Busse nur für Frauen und ganze Reisearrangements, die speziell für Frauen massgeschneidert sind. Die beinhalten nicht nur Shoppingtouren und Kochkurse, sondern auch Meditation, Wellness oder Thaiboxen. Wer nach so einem Programm für Körper und Geist wieder heimkehrt, fühlt sich gut und sieht besser aus, davon ist die charmante Politikerin überzeugt.

Frau Garnele lehrt uns das Kochen

Am nächsten Morgen sind wir auf dem Markt verabredet. Hier sollen frische Zutaten für unseren Kochkurs eingekauft werden. Jeder bekommt ein Körbchen und obendrein eine fachmännische Einführung in die thailändische Kräuter- und Gewürzkunde. Koong heisst unsere quirlige Kochlehrerin, was übersetzt Garnele heisst.

Mit dem Tuk-Tuk bringen wir unsere duftenden Einkäufe sodann zur Kochschule in einem traditionellen Haus im Silomviertel. Dort weichen wir Tamerinde ein, lernen Kokosnussmilch herzustellen und schnippeln geduldig Unmengen Gemüse und Kräuter. «Vergesst nicht, es mit viel Liebe zu tun», ermahnt uns Koong immer wieder. «Wenn es am Schluss nicht schmeckt, ist keine Liebe drin.» Sie kichert und presst gekonnt eine Limettenhälfte mit einem Messer aus.

Kochlehrerin Koong präsentiert Tipps und Tricks aus ihrer Küche
Kochlehrerin Koong präsentiert Tipps und Tricks aus ihrer Küche.

Früher wurde das Kochen von der Mutter zur Tochter weitergegeben, erzählt sie uns. Wer nicht kochen konnte, wurde von niemandem gemocht. Heute bliebe vielen kaum noch Zeit zum Kochen, deshalb gäbe es so viele Garküchen. Weit über die Hälfte der thailändischen Frauen sind berufstätig. Seit 1995 ist die Gleichberechtigung im Gesetz verankert.

«Thaifood ist Fast Food» so Koong. Die Vorbereitungen dauern lange, aber das eigentliche Kochen ist Minutensache. Nach kurzem und heftigem Brutzeln auf höchster Flamme ist zuerst unser Tom Yam Kung und später unser Red Curry fertig. Ganz wichtig ist laut Koong vor dem Servieren – Dekorieren! «Damit es teuer aussieht», zwinkert sie uns zu und verteilt eine Orchideenblüte auf jeden Teller.

Es schmeckt vorzüglich. Ob das an den Zutaten oder der grossen Portion Liebe liegt, mit der wir heute gekocht haben, lässt sich schwer beurteilen.

Balance halten zwischen Ruhe und Action


Gelassenheit, die Kunst, den Geist zu beruhigen und die Aufmerksamkeit auf den Moment zu richten, üben wir am Nachmittag unter fachkundiger Anleitung von Phra Maha Nonq. Er ist einer der Mönche im Tempel Wat Yannawa, einer Oase der Stille im Stadtteil Bangrak. Weiss gewandet sitzen wir um ihn und lauschen den Anweisungen, um gedanklich zur Ruhe zu kommen. Das klappt besser als gedacht, und nach der zweistündigen Vipassana Meditation fühlen wir uns entspannt und erfrischt.

Am nächsten Tag brechen wir im Morgengrauen auf und fahren mit dem Minibus Richtung Südwesten. Zwei Stunden später gondeln wir mit traditionellen Langbooten durch Kanäle über den schwimmenden Markt Damnoen Saduak. Danach heisst es umsteigen, aufs Velo. Durch schattige Palmenhaine und kleine Dörfer führt unsere Tour. Unser Guide Ai, eigentlich Shutima, führt uns zu einer Kokosnussplantage, wo wir die Früchte frisch vom Baum verkosten.

«Ich bin ein Tomboy», also ein Mädchen, das sich wie ein Junge kleidet, erklärt uns währenddessen Ai. Die aufgeschlossene, sympathische 22-Jährige mit den raspelkurzen Haaren löst damit das Rätsel um ihr Geschlecht. Sie spricht mehrere Sprachen fliessend und erzählt uns, dass sie auch Velotouren direkt in Bangkok begleitet. Als wir am frühen Abend aus der ländlichen Idylle dorthin zurückkehren, geniessen wir im Vertigo Grill und seiner Moonbar den Sonnenuntergang und eine spektakuläre Aussicht: Bei einem köstlichen Menü unter freiem Himmel verabschieden wir uns dort, rund 60 Stockwerke über dem Boden, von der Stadt – dankbar für den spannenden Austausch mit einheimischen Frauen, der weit über gemeinsames Kochen und Thaiboxen hinausging. 

Die Reise wurde unterstützt von Thai Airways und dem thailändischen Fremdenverkehrsamt.

Bilder: Jacqueline Vinzelberg

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