13. Oktober 2017

Auszug ohne Kind

Mütter, die ohne das Kind zu Hause ausziehen? Ein Tabuthema: Schnell haftet ihnen das Etikett Rabenmutter an. Drei betroffene Frauen berichten von der heftigen Kritik und dem neuen Lebensgefühl, nachdem sie den Schritt gewagt haben.

Maura Stocker
Maura Stocker: «Ich hatte das Gefühl zu ertrinken, und niemand hörte mich schreien.»
Lesezeit 7 Minuten

Dezember 2015: Auf der Terrasse läutet das Samichlaus-Glöckchen, durch den Hof dringen Kindergelächter und Stimmengewirr. Maura Stocker sitzt im vollgepackten Auto und drückt zögernd aufs Gaspedal. Sie weiss: Das gehört für sie jetzt nicht mehr dazu. Langsam fährt sie davon, während ihre Kinder feiern.

«Ich fühlte mich so ohnmächtig», erzählt die Gründerin des Netzwerks «Networking Moms» heute. Maura Stocker (34) ist eine Frau, die ein Tabu gebrochen hat: Sie hat ihre Familie verlassen. An ihrem 33. Geburtstag entschied sie zu gehen. Ihre Kinder waren acht, sechs und zwei Jahre alt. Sie ging nicht, wie vielfach angenommen, wegen eines anderen Mannes. Sie ging, weil sie nicht mehr konnte. «Ich habe die Machete genommen und mich von allen Verantwortungen abgetrennt», sagt sie.

Mit 24 Jahren war sie Mutter geworden. Ihre erste Tochter weinte oft und brauchte viel Aufmerksamkeit. Nach dem Höhenflug der Schwangerschaft kam die harte Bodenlandung. «Ich war völlig in dieser Mami- Kind-Blase gefangen, hatte einfach keinen Schnauf mehr.» Die zwei jüngeren Kinder waren pflegeleichter, auch ihr Partner war sehr unterstützend. Trotzdem waren die Ansprüche hoch. Denn Maura Stocker wollte alles selber machen und eine erfüllte Zeit mit ihrem Nachwuchs verbringen. Deshalb waren die Kinder auch nicht in der Kita. Die Hilfe der Grosseltern oder Freundinnen habe sie viel zu selten in Anspruch genommen, sagt sie im Rückblick.

Das hatte Folgen: «Kaum waren die Kinder im Bett, war ich ein Häufchen Elend.» Im Mai 2015 landete sie mit einem Burn-out in einer ambulanten Klinik. Doch ihr Zustand wurde nicht besser. «Ich hatte das Gefühl zu ertrinken, und niemand hörte mich schreien.» Also trat sie auf die Notbremse und zog aus der Familienwohnung aus. Liess die Kinder beim Vater, beendete die Beziehung. Ihr Mann fiel aus allen Wolken. Doch da er selbständig tätig und flexibel war, konnten die Kinder bei ihm bleiben. Die ersten Wochen nach der Trennung seien ein Albtraum gewesen. «Ich liess sogar meine Pflanzen verkümmern», sagt Maura Stocker.

Bekannte wechselten die Strassenseite

Auch Zaklina Djuricic (30) traf die Entscheidung, vorerst ohne ihr Kind zu leben. Als sie vor zehn Jahren schwanger wurde, war sie bereits nicht mehr mit dem Kindsvater zusammen. Fünf Jahre lang lebte ihr Sohn Leandro bei ihr – der Entschluss, ihn beim Vater zu lassen, fiel jobbedingt: Nachdem sie nach ihrer Ausbildung keine Anstellung gefunden hatte, erhielt sie unverhofft das Angebot, drei Monate lang als Model in Mailand zu arbeiten. Sie besprach die Option mit ihrem Fünfjährigen. Der hatte schon öfters den Wunsch geäussert, beim Vater zu wohnen, und war ganz angetan. «Es war schlimm für mich, ihn zurücklassen zu müssen. Aber mir war klar, dass ich ihn nicht mitschleppen konnte. Ein Kind braucht einen stabilen Alltag.» Seit vier Jahren lebt Leandro nun bei dem Vater und dessen neuer Frau, drei Wochenenden pro Monat verbringt er bei der Mutter.

Zaklina Djuricic
Zaklina Djuricic: «Ich liebe meinen Sohn über alles, aber ich habe auch ein eigenes Leben.

Die Kritik von aussen liess indes nicht lange auf sich warten: «Die Gesellschaft sieht es nun mal so, dass das Kind bei seiner Mutter sein sollte», sagt Zaklina Djuricic. Auch Maura Stockers Entscheidung hatte schwere Folgen: Gemeinsame Freunde kehrten ihr den Rücken zu, einige Bekannte wechselten sogar die Strassenseite.

«Nach meiner Version hat sich kaum jemand erkundigt», sagt Maura Stocker. Viele hätten ihre Entscheidung als verantwortungslos verurteilt, dabei sehe Verantwortung doch genau so aus: «Ich musste mich retten, um wieder eine gute Mutter sein zu können.» Noch heute müsse sie sich rechtfertigen, wenn sie ohne Kinder unterwegs sei. Erzählt sie, dass die Kinder beim Vater sind, hebt das Gegenüber die Augenbrauen. «Das könnte ich ja nie», heisse es oft. An schlechten Tagen verletzen sie solche Aussagen und die mitschwingenden Vorwürfe. Die massive Kritik, die Müttern entgegenschlägt, kennt auch die deutsche Journalistin Lisa Frieda Cossham (38). Nachdem sie sich wegen eines anderen Mannes von ihrem Mann getrennt hatte, blieben ihre beiden Töchter Martha und Louise beim Vater. Obwohl sie mit ihrem Expartner ein gleichberechtigtes Erziehungsmodell vereinbart hatte und sich in einer modernen Gesellschaft wähnte, schlug ihr die Entrüstung anderer Mütter entgegen.

Ihre Erfahrungen als «Teilzeitmutter» hat Cossham in 52 Kolumnen für das Magazin der «Süddeutschen Zeitung» verarbeitet. Keine andere Kolumne wurde jemals so harsch kritisiert. Cossham wurde als «spassbefreite Heulboje», als abschreckendes Negativbeispiel, Jammermama und Egoistin bezeichnet. In ihrem Buch «Plötzlich Rabenmutter», einer Sammlung ihrer Kolumnen, analysiert sie ihr neues Familienmodell und stellt fest: Hadern mit der Mutterrolle wird von Kritikern als Luxusproblem bezeichnet.

Lisa Frieda Cossham
Lisa Frieda Cossham wurde wegen ihrer Kolumne zum Thema heftig angefeindet.

Zaklina Djuricic zweifelte immer wieder an ihrer Entscheidung, den Sohn beim Vater zu lassen. «Ich fragte mich, ob ich mir das schöngeredet hatte.» Doch sie gibt zu bedenken, dass sie bewusst so lange gewartet habe, bis Leandro alt genug war, damit sie mit ihm über die Wohnsituation sprechen konnte.

Maura Stocker sagt: «Meine Kinder haben die Mutter ja nicht verloren.» Sie sei immer noch Teil der Familie, lebe nur ausserhalb. Ihre Kinder hätten ihr die Entscheidung nie übelgenommen, finden es sogar toll, mit dem neuen Partner einen zweiten Papi zu haben. Zu 30 Prozent leben die Kinder heute bei ihr, an den anderen Tagen beim Vater. Der Beziehung zu ihren Kindern hat die Distanz gutgetan: «Wir kuscheln jetzt sehr viel. Vorher konnte ich die Nähe nicht mehr ertragen.»

Woher kommt es, dass die Gesellschaft derart heftig reagiert, wenn Mütter die Familienwohnung verlassen? «Wir haben immer noch ein sehr konservatives Mutterbild in unseren Köpfen», weiss die deutsche Soziologin Christina Mundlos (35). Das vorherrschende Familienbild sei aus der Zeit, als die Mütter für die Erziehung und die Väter für die finanzielle Versorgung zuständig waren.

Christina Mundlos erforscht unter anderem das Phänomen «Regretting Motherhood» – ein Thema, seit eine israelische Soziologin 2015 in einem Buch mit dem gleichnamigen Titel Frauen zu Wort kommen liess, die ihre Mutterschaft bereuen. «Von Frauen wird erwartet, dass die Kinder für sie das Wichtigste sind. Die Familie hat für sie ein Glücksgarant, der einzige Lebensinhalt zu sein», sagt Mundlos. Zudem hätten die Ansprüche an Mütter enorm zugenommen. Elternkurse, Zeitschriften oder auch Social Media erhöhten den Druck: «Selbstgebastelte Schultüten, aufwendige Taufeinladungen oder dreistöckige Geburtstagstorten sind plötzlich das Mass für eine gute Mutter.»

Dass Väter gehen, wird akzeptiert

Die Zahlen des Bundesamts für Statistik zeigen, wie konservativ die Rollenverteilung in der Schweiz noch immer ist. Die Väter sind weiterhin die Hauptverdiener in der Familie, während die Mütter mehrheitlich Teilzeit arbeiten und einen Grossteil der Haus- und Erziehungsarbeit ­übernehmen: Pro Woche entfallen 21,8 Stunden für die Kinderbetreuung auf die Mutter und 13,8 Stunden auf den Vater. Auch Kinder, die beim Vater leben, sind eine Rarität: Nur jeder zehnte der 209 586 Schweizer Einelternhaushalte ist ein Vaterhaushalt. «Die Selbstaufgabe zugunsten der Kinder gehört einfach nicht zur Vaterrolle», bestätigt Soziologin Mundlos. Und wenn dann eine Frau die Familie verlasse, sei das ein Riesending. Bei Hunderttausenden von Männern werde es jedoch einfach akzeptiert.

Am zunehmenden Druck seien die Mütter selbst nicht ganz unschuldig, stellt Christina Mundlos in ihrem Buch «Mütterterror» fest: Mütter seien kaum solidarisch untereinander, kritisierten sich gegenseitig. «Sie haben permanent Angst, eine schlechte Mutter zu sein. Um sich vor Angriffen zu schützen oder sich selbst aufzuwerten, inszenieren sie sich als Supermütter.»

Das sieht auch Zaklina Djuricic so. Als sie als Hauptprotagonistin für die Dreharbeiten der Datingsendung «Die Bachelorette» für sechs Wochen nach Thailand flog, musste sie sich von anderen Müttern einiges anhören. «Du lässt dein Kind so lange allein?», lautete der Vorwurf. Natürlich vermisste Djuricic ihren Sohn. «Aber mein Kind ist nicht an meinem Bein angebunden. Wir sind beide eigenständige Persönlichkeiten.»

Gleichberechtigung einfordern

Maura Stocker sieht es ähnlich: «Ich bin immer noch Mutter, aber viel differenzierter als früher – ich bin auch Freundin, Businessfrau, Liebhaberin. Welche Rolle ich einnehme, bestimme ich.» Die Entscheidung von damals bereut sie nicht, obwohl sie sie natürlich immer wieder hinterfrage. Mit ihrer Geschichte habe sie ihren Kindern gezeigt: Es gibt auch andere Familienmodelle. «Und mein Exmann und ich haben nie das Vertrauen ineinander verloren.»

Dass man als Teilzeitmutter plötzlich die «Gspänli» der Kinder nicht mehr kennt oder die eigenen Töchter Kleider tragen, die man nicht selbst gekauft hat, davon können Cossham und Djuricic ein Lied singen. Die neu gewonnene Zeit ohne Kinder war für Lisa Frieda Cossham erst ungewohnt: «Meine kinderlose Freizeit hat sich am Anfang angefühlt, als hätte ich zu grosse Schuhe an.» Doch sie bringt auch Vorteile: So hat Maura Stocker dank Teilzeitmodell wieder viel mehr Energie. Sie schätzt vor allem die neu entstandene Flexibilität. Und die Mütter freuen sich viel mehr auf ihre Kinder: «Wenn Leandro am Wochenende kommt, unternehmen wir die tollsten Sachen», erzählt Zaklina Djuricic. Nach dem Beziehungsaus wohnt das Model vorübergehend in einer WG. Wenn die Wohnsituation geregelt ist, will sie wieder einen Versuch wagen, Leandro zu sich zu holen.

Zaklina Djuricic rät anderen Müttern, sich selbst nie aufzugeben. «Ich liebe meinen Sohn über alles, aber ich habe auch ein eigenes Leben.» Maura Stocker ruft dazu auf, sich Freiräume zu schaffen, fixe Abende oder Auszeiten ohne Kinder einzuplanen. «Hätte ich mir früher Hilfe geholt, wäre es vielleicht nie so weit gekommen», sinniert sie. Soziologin Mundlos ermutigt Mütter, keine überhöhten Ansprüche an sich zu stellen. «Lernt, Grenzen aufzuzeigen und auch mal Nein zu sagen zum Bücherbasar oder zum Kuchenbuffet am Schulfest.»

Das starre Mutterbild in unserer Gesellschaft wird sich Mundlos zufolge erst ändern, wenn viel mehr Kinder beim Vater leben. Sie appelliert an die Verantwortung der Väter. «Sie sind gefordert, für mehr Gleichberechtigung in der Erziehung einzustehen.» Dafür müssten sie auch Nachteile in der Karriere in Kauf nehmen. Und die Frauen? Die sollten die Gleichberechtigung von ihrem Partner einfordern. Damit es Wörter wie Rabenmutter nicht mehr gibt.

Buchtipp: Lisa Frieda Cossham: «Plötzlich Rabenmutter? Wie ich meine Familie verliess und mich fragte, ob ich das darf», Blanvalet- Verlag 2017; bei Ex Libris

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