26. Oktober 2017

Ausländerin, gut qualifiziert, sucht Arbeit

Gut ausgebildete Einwanderer haben es oft schwer, in der Schweiz einen Job zu finden, der ihren Qualifikationen entspricht – auch der Molekularbiologin Renata da Costa ging es so. Dank «Platform Networking for Jobs» ist sie fündig geworden: Der kleine private Vermittler hat sich darauf spezialisiert, gut ausgebildete Migranten durch den Einsatz von Mentoren zu unterstützen.

Sevil Ibraimi und Roxana Paz
Roxana Paz (rechts) hat «Platform Networking for Jobs» entwickelt. Klientin Sevil Ibraimi, eine Ökonomin aus Mazedonien, ist froh um die Unterstützung.

Zwei Stunden hin, zwei Stunden zurück – so lange dauert Renata da Costas täglicher Arbeitsweg. Die 46-jährige brasilianische Molekularbiologin lebt mit ihrem Schweizer Ehemann und zwei Kindern in Suhr AG und arbeitet bei GARDP, einer Forschungsinitiative der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf. Dort versucht sie, mit einem Forschungsteam Lösungen für das Problem zu finden, dass viele Antibiotika heute nach und nach ihre Wirksamkeit verlieren.

«Die Schweizer sind immer schockiert, wenn sie hören, wie lange mein Arbeitsweg ist.» In São Paulo habe sie jedoch eine bis eineinhalb Stunden im Auto gesessen, um zur Arbeit zu kommen. «Hier sitze ich bequem im Zug, kann arbeiten und lernen. Da werde ich mir doch nur wegen eines langen Arbeitswegs meine grosse berufliche Chance nicht entgehen lassen.»

Renata da Costa pendelt für die Arbeit je zwei Stunden hin und zurück. Ihren Job verdankt sie auch der Unterstützung von «Platform».
Renata da Costa pendelt für die Arbeit je zwei Stunden hin und zurück. Ihren Job verdankt sie auch der Unterstützung von «Platform».

Das sagt sie auch, weil es gar nicht so leicht war, eine Stelle zu finden, die ihren Qualifikationen entspricht. Nach zehn Jahren mit ihrem Schweizer Mann in Brasilien entschied die Familie 2014, wegen zunehmender Gewalt im Land in die Schweiz zu ziehen. Hier angekommen, kümmerte die Molekularbiologin sich zunächst um die Kinder und den Start in das neue Leben. Anfang 2016 begann sie mit der Jobsuche, doch trotz eines eindrücklichen Lebenslaufs und grosser Berufserfahrung erhielt sie Absage um Absage. «Dann empfahl mir eine Bekannte meines Mannes, mich bei ‹Platform Networking for Jobs› zu melden.»

Diskriminierung auf dem Schweizer Arbeitsmarkt

Die kleine Organisation mit Büros in Zürich, Basel und Zug ist seit 2004 darauf spezialisiert, qualifizierten Migranten den Weg in den Schweizer Arbeitsmarkt zu erleichtern. «Wir haben bereits rund 1200 Personen geholfen, eine gute Stelle zu finden, die ihren Fähigkeiten entspricht», sagt Geschäftsführerin Roxana Paz (53). Die Soziologin, Politologin und frühere Marketingfrau mit bolivianisch-schweizerischen Wurzeln lebt seit etwa 25 Jahren in der Schweiz und hat das «Platform»-Konzept unter wissenschaftlicher Leitung entwickelt.

Das Angebot besteht unter anderem aus einer individuellen Betreuung, gemeinsamer Arbeit an Lebenslauf und Bewerbungsstrategien, Persönlichkeitsassessments, Workshops und Interviewtrainings mit Fachleuten aus der Praxis. Herzstück jedoch ist das Netz der Mentoren – Freiwillige, die in verschiedenen Firmen und Organisationen tätig sind und ‹Platform›-Klienten mit passendem Profil und potenziellen Jobchancen begleiten, beraten und vernetzen.

Dass es im hiesigen Arbeitsmarkt Defizite in diesem Bereich gibt, zeigen die Zahlen der Schweizerischen Arbeitskräfteerhebung: Während die Erwerbslosenquote 2015 für Schweizer Akademiker nur gerade 2 Prozent betrug, lag sie für solche mit Migrationshintergrund bei 5,6 Prozent und für Menschen aus nichteuropäischen Staaten generell gar bei 15 Prozent. «Das ist eine Verschwendung von wertvollem Humankapital», sagt Giuliano Bonoli (48), Professor für Sozialpolitik an der Universität Lausanne. «‹Platform› leistet eine wichtige ­Arbeit, indem sie dazu beiträgt, diese Verschwendung zu reduzieren.»

Laut Bonoli gibt es drei grosse Hürden für qualifizierte Migranten: Je nach Herkunft werden ihre Diplome in der Schweiz nicht anerkannt oder nicht für voll genommen, es bestehen kulturelle Differenzen am Arbeitsplatz – und sie erleben Diskriminierung. «Studien haben gezeigt: Reicht man zwei absolut identische Bewerbungen ein, einmal als Schweizer und einmal als Ausländer, hat der Schweizer ganz klar bessere Chancen, zum Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden.» Dies gelte insbesondere für Migranten aus Ländern mit grossen kulturellen Unterschieden gegenüber der Schweiz.

«Platform» plädiert für Bewerbungen ohne Foto und Namen

«Es gibt eine klare Hierarchie bei der Herkunft», sagt auch Roxana Paz. Sie und ihr Team fokussieren deshalb auf internationale Konzerne. «Dort ist man offener und grössere Diversität gewohnt. Zudem gilt Englisch meist als Arbeitssprache, was für viele unserer Klienten ein Vorteil ist.» Dies betreffe allerdings nur ein Prozent der Schweizer Firmen. «Hinzu kommt, dass der Schweizer Arbeitsmarkt sehr attraktiv und deshalb hoch kompetitiv ist.»

Paz plädiert dafür, die Bewerbungskultur in der Schweiz anzupassen und auf Fotos, Alters- oder gar Namensangaben zu verzichten. «Das sind Informationen, die bloss unbewusste Vorurteile anregen und nichts über die Kompetenzen der Bewerber aussagen. In anderen Ländern ist man diesbezüglich deutlich sensibler.» Immerhin: Schaffe man es, zum Interview eingeladen zu werden, und gehöre man zu den letzten drei bis fünf Bewerbern, seien die Chancen für alle gleich gut. «Dann hängt es stark vom Eindruck ab, den man im Interview hinterlässt.»

Bewerbungsgesprächstrainings gehören deshalb zum Standard­angebot von ‹Platform›. Sie finden in der Regel bei Unternehmen statt, die echte HR-Mitarbeitende zur Verfügung stellen. Dazu zählen prominente Namen wie Johnson&Johnson, IBM, KPMG oder Swisscom.

«Unsere Mitarbeitenden erhalten im Rahmen eines Freiwilligenprogramms über 100 verschiedene Optionen, sich zu engagieren», sagt Ursula Darmstaedter, zuständig für Corporate Volunteering bei Swisscom. Seit mehreren Jahren gehört dazu auch «Platform Networking for Jobs». «Unsere Mitarbeitenden bieten ein bis zwei Coachingtage pro Jahr an, um ihr Wissen an die Kandidaten von ‹Platform› weiterzu­geben.» Swisscom selbst beschäftigt Menschen aus 92 Nationen.

Netzwerke sind entscheidend

Wie wichtig das Mentorenkonzept ist, zeigt eine aktuelle Studie zur Situation von arbeitslosen Akademikern im Kanton Zürich, durchgeführt vom Zürcher Amt für Wirtschaft und Arbeit (AWA) in Kooperation mit ‹Platform›. «In der Schweiz ist der verdeckte Arbeitsmarkt sehr bedeutend, nach manchen Quellen macht er bis zu 75 Prozent aller offenen Stellen aus», heisst es in der Studie. «Um in diesen zu gelangen, ist Netzwerken essenziell.» Doch das sei für Migranten und Arbeitslose besonders schwierig. Die rund 700 Mentoren von ‹Platform›, die in einer grossen Bandbreite von Berufen und Firmen tätig sind und sich freiwillig privat engagieren, kompensieren das fehlende Netzwerk.

Die Organisation finanziert sich aus mehreren Quellen: 20 Prozent des Budgets kommen vom Bund und der Stadt Zürich, 10 Prozent von Stiftungen, 20 Prozent von den Klienten, der Rest ist selbsterwirtschaftetes Einkommen. Klienten zahlen 500 Franken pro Unterstützungsmonat, hinzu kommen fünf Prozent des ersten Jahreslohns nach erfolgreicher Vermittlung.

Renata da Costa findet diesen Preis fair: «‹Platform› hat mir enorm geholfen. Besonders die Interviewtrainings waren sehr nützlich, denn in Brasilien laufen solche Gespräche ziemlich anders ab.» Erst nach dem Coaching war ihr klar, was sie wollte und wie sie es erreichen würde. «Ohne ‹Platform› wäre ich ziemlich verloren gewesen.» Nach acht Monaten dort führte bereits das erste konkrete Interview zum Erfolg.

Selbst bei einfacheren Jobs keine Chance: «überqualifiziert!»

So weit ist Sevil Ibraimi (36) noch nicht – und sie hat sich schon gefragt, ob die vielen Absagen auch etwas mit ihrem Namen zu tun haben. «Aber ich weiss es nicht, und ehrlich gesagt will ich das auch nicht glauben, weil es in mir Gefühle auslöst, die ich nicht haben möchte.»

Die Ökonomin, die bis 2014 Assistenzprofessorin in ihrer Heimat Mazedonien war, ist mittlerweile seit einem Jahr Klientin bei «Platform». «Seither habe ich grosse Fortschritte gemacht, aber mit einer Stelle hat es noch nicht geklappt.» Ibraimi zog 2014 nach Zürich, nachdem sie sich in einen Landsmann verliebt hatte, der schon seit Jahrzehnten in der Schweiz lebt. Nach der Geburt des gemeinsamen Sohns war für sie klar, dass sie nun auch wieder arbeiten wollte. «Ich möchte mich nützlich machen. Für mich gehört das zur Integration in eine Gesellschaft; man gibt ihr auf diese Weise auch wieder etwas zurück.»

Seit Sevil Ibraimi (rechts) bei «Platform» ist, bekommt sie keine pauschalen, sondern nachvollziehbar begründete Absagen – «ein erfreulicher Fortschritt», findet sie.

Doch das erwies sich als schwierig. «Ich bewarb mich bei Banken, Versicherungen und Hochschulen um Jobs, die zu meinem Hintergrund passten, bekam aber immer nur Standardabsagen. Selbst bei einfacheren Jobs hatte ich keine Chance. Wenn überhaupt eine Antwort kam, hiess es immer: ‹überqualifiziert›.»

Über eine Laufbahnberatung kam sie zu «Platform». «Dort lernte ich, dass nicht ich das Problem war, sondern die Art und Weise, wie ich mich erklärte und präsentierte.» Es sei sehr leicht, sich durch dauernde Absagen entmutigen und deprimieren zu lassen. «In solchen Situationen ist es ganz wichtig, Leute zu kennen, die einem Mut zusprechen – auch deshalb finde ich ‹Platform› so wertvoll.»

Mithilfe des Coachings und zweier Mentoren hat Ibraimi den Fokus geschärft. Sie bewirbt sich nun vor allem um Jobs im Bereich Nachhaltigkeit. «Ich erhalte zwar immer noch Absagen, aber ihre Qualität hat sich deutlich verbessert», sagt Ibraimi und lacht. «Sie enthalten nachvollziehbare Begründungen, und das betrachte ich als erfreulichen Fortschritt.»

Nicht allen kann geholfen werden

Die Organisation kann nicht allen helfen, aber für rund zwei Drittel der Klienten findet sich innert eines Jahrs eine gute Lösung. «Wer schon die Arbeitssuche als vollwertigen Job mit 100-prozentigem Einsatz behandelt, der kommt auch ans Ziel», sagt Roxana Paz. Wer diesen Einsatz nicht leisten könne oder wolle, habe es schwerer. Einige absolvieren dann eine zusätzliche Aus- oder Weiterbildung oder suchen andere Lösungen. «Manche ärgern sich, wenn es auch mit uns nicht geklappt hat.» Habe man jedoch ein paar Jahre Arbeitserfahrung in der Schweiz, spiele der Migrationshintergrund bei Jobwechseln keine grosse Rolle mehr.

Wenn man sich unter den Klienten umhört, äussern sich fast alle positiv: «Platform» biete mit der persönlichen Betreuung eine Dienstleistung, die es sonst nirgends gebe. Das grosse Angebot liesse sich allerdings organisatorisch noch besser gestalten, finden Einzelne. «Es wäre schön, wenn wir mehr Mittel hätten, um noch stärker massgeschneiderte Lösungen anbieten zu können», sagt die Geschäftsführerin.

Mehr Chancen dank Inländervorrang?

Die Situation ist paradox: Schweizer Firmen rekrutieren pausenlos hochqualifizierte Arbeitskräfte aus dem Ausland – sind die hingegen schon da, wird es schwierig für sie. «Studien zeigen, dass Migranten stark an Humankapital verlieren, wenn sie ohne Stelle in die Schweiz kommen», sagt Paz. «Im Ausland werden sie direkt aus Stellen übernommen, hier hingegen bewerben sie sich aus der Arbeitslosigkeit, das macht sie für Firmen deutlich unattraktiver.» Das gelte allerdings auch für Schweizer. «Je länger man arbeitslos ist, desto schwieriger ist es, da wieder rauszukommen.»

Die «Platform»-Klienten sind zwar «Inländer», doch Paz rechnet nicht damit, dass der politisch beschlossene Inländervorrang für ihre Schützlinge viel verändern wird. «Vielleicht ein bisschen», sagt sie, «aber die Personenfreizügigkeit ist für alle Jobsuchenden in der Schweiz eine Herausforderung, weil sie die Konkurrenz drastisch erhöht. Ist man älter als 45, sollte man seine Stelle auf keinen Fall kündigen, ohne eine neue zu haben.»

Und was rät Renata da Costa denen, die noch immer eine Stelle suchen? «Eine Zusatzausbildung in der Schweiz, die Sprache lernen – und ganz wichtig: nicht aufgeben!»

Benutzer-Kommentare

Alle Kommentare anzeigen