04. April 2016

Ausgewandert: Glück in neuer Heimat

Jeder zehnte Schweizer lebt im Ausland, Tendenz steigend. Drei Paare erzählen von ihrem Leben in Übersee und wie sie trotz einiger Widrigkeiten ihr Glück in der neuen Heimat gefunden haben.

Isla Margarita
Teill von Venezuela: die karibische Insel Margarita, die zu den Kleinen Antillen gehört.

Fast 31 Jahre arbeitete Claudio Candrian (60) in seinem Traumberuf als Lokführer bei der Rhätischen Bahn, beinahe ebenso lang war seine Lebenspartnerin Teres Brunett (59) bei der Post. «Der immer hektischere Berufsalltag stimmte für mich nicht mehr», erinnert sie sich.

Teres Brunett und Claudio Candrian mit einem ihrer rund 40 Haustiere auf der Isla Margarita.

«Ich stand kurz vor einem Burn-out.» Und für Candrian waren die neuen Lokomotiven mehr wie Trams als echte Züge, wie er sie in den Anfängen seines Berufslebens erlebt hatte. So fasste das Paar aus Maienfeld GR den Entschluss an einen Ort auszuwandern, den sie von früheren Ferien her kannten – auf die karibische Isla Margarita nördlich des Festlands von Venezuela.

Oft sind es berufliche Gründe, die Herr und Frau Schweizer zum Auswandern bewegen, sagt Remo Gysin, Präsident der Auslandschweizer-Organisation (ASO). Noch bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts wanderten mehr Menschen aus der Schweiz aus als ein. Damals war es aber vor allem die wirtschaftliche Not, die die Schweizer veranlasste, mit dem Schiff in ein neues Leben zu starten – meist Richtung Amerika.

2015 lebten laut dem Bundesamt für ­Statistik rund 76' 000 Schweizerinnen und Schweizer im Ausland. 62 Prozent wählten Europa, 24 Prozent Nord- und Südamerika und 7 Prozent Asien, das gerade bei Rentnern immer beliebter wird. Ozeanien (4 Prozent) und Afrika (3 Prozent) sind weniger gefragt. Vor zehn Jahren zählte die Statistik erst gut 634'000 Eidgenossen in der «Fünften Schweiz».

Wärme, Meer und lockere Kleidung

Claudio Candrian und Teres Brunett wanderten als Touristen vor acht Jahren mit nur zwei Koffern auf der Insel Margarita ein. Heute sagt Brunett: «Ich werde hier wahrscheinlich sterben.» Sie und ihr Lebenspartner schätzen die karibische Wärme, das Meer sowie die offenen und herzlichen Insulaner. «Ich muss während 365 Tagen nur ein Kleidungsteil anziehen: eine Hose», schwärmt Candrian.

Die Nähe zum Meer und die Wärme lockten das Paar von Maienfeld GR nach Venezuela.

Es ist aber nicht nur das karibische Flair, das die beiden auf der Insel hält. Inzwischen haben sie starken Zuwachs erhalten und teilen sich ihr selbst gebautes, zweistöckiges Haus, das von einem üppigen tropischen Garten umgeben ist, mit 17 Hunden, 18 Katzen und 6 Schildkröten. Sie könne doch diese Tiere nicht mehr verlassen, sagt Brunett, die jetzt als Tierpflegerin und Hausfrau tätig ist.

Anfangs hätten sie nie daran gedacht, Tiere aufzunehmen. Begonnen hat es mit einem Welpen voller Läuse, und das nunmehr 41. Familienmitglied ist ein ausgesetzter Cockerspaniel, den sie vor ein paar Tagen fanden und dessen Schwanz und Schnauze voller Würmer war. Nun sammelt Brunett Geld, um die Hunde auf der Insel zu pflegen und sterilisieren zu lassen.

Verarmte Einheimische setzen immer mehr Hunde aus: Teres Brunett wurde nicht ganz freiwillig zur Tierpflegerin.

Wegen des tiefen Erdölpreises ist die wirtschaftliche Not Venezuelas gross und das wirkt sich auch auf die Tiere aus. Die Einheimischen können sich bei einem monatlichen Minimallohn von 12'000 Bolivar (ein paar Franken), 11'000 Bolivar für einen Sack Hundefutter schlicht nicht leisten. Immer mehr setzen deshalb ihre Haustiere aus.

«Die Situation hat sich für die Einheimischen in den letzten zwei Jahren massiv verschlechtert», sagt Brunett. «Früher erhielt man hier alles, auch die modernsten Medikamente. Heute kann man nicht einmal mehr eine Hormonpille gegen die Wechseljahre kaufen.»

Die Not im Land führt zu einer der höchsten Kriminalitätsraten der Welt – das Bündner Paar hat das am eigenen Leib erfahren: Sie wurden schon zweimal überfallen. Einmal wurde Brunett dabei seitlich am Kopf von Schüssen aus einer Schrotflinte gestreift, einmal wurden TV, Mobiltelefon, Laptop und Bargeld geklaut. Darauf haben sie sich einen Revolver angeschafft und das Haus mit einer Mauer und einem Zaun gesichert. Waffenbesitz sei im Land des linkspopulistischen Präsidenten Maduro zwar verboten, dennoch habe fast jeder eine Pistole.

Trotz alldem denken die lebensfrohen Bündner nicht daran, in die sichere Schweiz zurückzukehren. Mit dem Geld, das Candrian in einer Garage als Automechaniker sowie mit dem Vermieten eines Autos verdient, können sie ganz gut leben. «In den acht Jahren, die wir hier nun wohnen, ­haben wir 20' 000 Franken Steuern gespart», sagt er. Sie profitieren auch von den tiefen Lebenskosten.

Für den Strom zahlen sie umgerechnet monatlich 2 Franken, für die Autoversicherung 4 Franken pro Jahr. Die Kehrseite: Selbst Grundnahrungsmittel sind inzwischen in Zeiten rekordhoher Inflation nicht immer erhältlich. Manchmal muss Teres Brunett mehrere Läden abklappern. «No hay (Hat es nicht)», höre sie mehrmals täglich. «Ich koche einfach das, was es gibt», sagt sie – schon ganz Insulanerin.

Von Rufi SG ins australische Outback

Solche Versorgungsengpässe kennen die Schmids nicht, die im westaustralischen 3000-Seelen-Dorf Narrogin leben. Die sechsköpfige Familie ist ebenfalls vor acht Jahren ausgewandert – von Rufi SG nach Alice Springs, dem Tor zum australischen Outback. Cabot Schmid (43) erzählt: «Ich erhielt ein Jobangebot einer Schweizer Tourenfirma. Wir wollten zwar nach Perth auswandern und Alice Springs kannten wir überhaupt nicht. Aber letztlich muss man den Job annehmen, den man bekommt.»

Narrogin in Westaustralien ist das neue Zuhause der sechsköpfigen Familie Schmid. Inzwischen haben alle auch einen australischen Pass.

Fast acht Jahre lebte die Familie im Northern Territory, bis sie Ende November 2015 nach Narrogin zügelte. Wiederum war eine Arbeitsstelle der Auslöser für den Wechsel; der Familienvater arbeitet nun für das australische Swisscom-Pendant als Servicetechniker. Die öffentliche Schule sei in Narrogin viel besser und die grüne Landschaft mit weidenden Schafen und Kühen ähnlich wie in der Schweiz. Zudem gebe es mit der Nähe zum Meer, Kinderspielplätzen und Freizeitparks viel mehr Möglichkeiten als in Alice Springs.

«Unseren drei Töchtern und unserem Sohn gefällt es hier viel besser», sagt die 36-jährige Dina Schmid. Der ehemaligen Krankenschwester fehlen jedoch die sozialen Kontakte, weil sie fast nur zu Hause mit den Kindern lebt. Ihr Mann ergänzt: «Mit unserem Schweizer Akzent sind wir in diesem Kaff noch viel mehr die Ausländer als in Alice Springs. Es heisst schnell einmal: Du bist nicht Australier.» Das sei ein wenig ähnlich wie in Amerika: Man habe zwar schnell Kontakt, dieser sei jedoch nicht sehr tiefgründig.

Die Distanzen in Down Under sind gewaltig. Das macht es auch schwierig, soziale Kontakte zu pflegen.

Inzwischen haben die Schmids auch aus­tralische Pässe – wie 7 von 10 Auslandschweizer sind sie Doppelbürger. Alles in allem fühlen sie sich auf dem fünften Kontinent wohl. Anders als früher vermissen sie inzwischen kaum mehr etwas aus der Schweiz. Selbst Aromat und Cervelat findet man in den Läden. Und Dina Schmid hat ihre Kochkünste erweitert, um Leckerbissen aus der alten Heimat kurzerhand selbst herzustellen – darunter Magenbrot, Mandelgipfel und gebrannte Mandeln.

Doch für Cabot Schmid ist es klar: «Wenn man in ein Land auswandert, soll man sich der neuen Heimat anpassen und nicht erwarten, dass das Land sich anpasst. Das gilt für jeden Chnuschti, der immigriert, und das würde das Leben einfacher für alle machen.»

Monika Lienert und Peter Krüsi fühlen sich rundum wohl in ihrer neuen Heimat Kambodscha.

Seit Oktober 2011 ist Sihanoukville im Süden Kambodschas die Heimat von Peter Krüsi (53) und Monika Lienert (47). Der einstige Reisezugbegleiter und die ehemalige Abteilungsleiterin eines schwedischen Textilunternehmens hegten schon lang den Wunsch, in einem warmen Land zu leben, und suchten auf der ganzen Welt in ihren Ferien danach.

Sie gaben sich das Versprechen, dann auszuwandern, wenn sie einen Ort finden, wo sich ihr Lebensunterhalt finanzieren lässt, sie also arbeiten können. Als sie in Sihanoukville unter den rund 250'000 Einwohnern auf einen Deutschen trafen, der einen neuen Pächter für seine Pension suchte, sagte das Ehepaar nach einer Bedenkzeit von ein paar Tagen zu.

Nun führen sie seit vergangenem Jahr mit der Swissvilla, rund 600 Meter vom Meer entfernt, ihre eigene Pension mit vier Zimmern (ab 20 Dollar pro Nacht) und organisieren individuelle Rundreisen durch Kambodscha. Das grosse Geld machen sie damit nicht, müssen aber auch nicht von ihren Ersparnissen zehren. «Wir haben uns in das Land verliebt», sagt Krüsi.

«Es war schon immer unser grosser Traum, in der Nähe des Meers zu leben. Und Kambodscha ist ein wirklich auswanderungsfreundliches Land.» Es sei sehr einfach, ein Visum zu erhalten und ein Geschäft zu eröffnen. Das Paar lobt auch die Lebensqualität. Heute gebe es in Sihanoukville alles, vom Kebabstand bis zum Pizzaiolo, wobei sich die Schweizer lieber an die lokalen Meeresfrüchte halten. Und manchmal kaufen sie im Supermarkt sogar eine Fonduemischung und verfeinern sie mit Cheddar und Kirsch. «Meist essen wir das Fondue unter dem Sternenhimmel mit unseren Deutschschweizer Gästen.»

Das Paar wollte schon immer am Meer leben. Die Provinzhauptstadt Sihanoukville ist auch ein Badeort und sehr offen gegenüber Einwanderern.

In der Pension muss das Paar zwar von morgens um 6 bis abends um 21 Uhr sieben Tage pro Woche präsent sein. Aber der Alltag verlaufe in ruhigen Bahnen. Nur schon das sonnige Wetter sorge für eine positive Einstellung. Krüsi vergleicht: «Ich war vor ein paar Wochen an einer Ferienmesse in der Schweiz. Das dunkelgraue, nasse Wetter und die grauen Kleider der Menschen schlugen mir sofort auf die Stimmung.»

In ihrer neuen Heimat sind sie hingegen fast ausnahmslos glücklich. Sie stört sich allerdings daran, dass die Einheimischen das Gefühl haben, alle Ausländer seien reich. Deswegen müssen sie für diverse Dienstleistungen wie Transport, aber auch Lebensmittel mehr bezahlen als die Kambodschaner. Zudem – das zweite Ärgernis – lassen die Einheimischen den Abfall oft achtlos liegen oder verbrennen alles – selbst Pneus oder Styropor.

Monika Lienert bemüht sich nun, für die beiden Angestellten Bunny (45) und Jay (26) ein Vorbild zu sein, reinigt die Auffahrt zur Swissvilla regelmässig und trennt den Abfall.

Ihre alte Heimat vermisst das Paar nicht. Manchmal gönnen sie sich einen Strandtag, sonnen sich und essen im französischen Restaurant Manoha für weniger als 50 Dollar, eine Flasche Rotwein inklusive. In solchen Momenten ist die Schweiz weit weg.

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