15. März 2018

Ausflug ins farbenfrohe mexikanische Totenreich

Mit dem mehrfach preisgekrönten «Coco» findet das Pixar-Animationsstudio zurück zu seiner alten Grösse. Ein Junge gerät aus Versehen ins Reich der Toten und stösst dort auf nette Skelette und ein altes Familiengeheimnis.

Coco
Mit seiner Musik begeistert Miguel sogar die Toten (Bilder: Disney/Pixar).
Lesezeit 3 Minuten

Das einst von Steve Jobs gegründete Filmstudio Pixar war über Jahre der Goldstandard des amerikanischen Animationsfilms. Niemand erzählte bessere, humorvollere und kreativere Geschichten, niemand räumte derart viele Preise ab. Mit dem Erfolg von «Coco» bei den Oscars Anfang März, hat Pixar nun neunmal die begehrte Trophäe für den besten Animationsfilm gewonnen: «Finding Nemo» (2003), «The Incredibles» (2004), «Ratatouille» (2007), «WALL-E» (2008), «Up» (2009), «Toy Story 3» (2010), «Brave» (2012) und «Inside Out» (2015).

Den Jahreszahlen sieht man an, dass die Erfolge in den 2010er-Jahren spärlicher gesät waren als auch schon. Einige Kritiker äusserten bereits den Verdacht, dass sich die Übernahme durch Disney 2006 nun doch noch ausgewirkt habe und der Fokus neuerdings stärker auf kommerziellem Erfolg liege statt auf Kreativität. Dies zeige sich auch anhand der vielen Fortsetzungsfilme wie «Cars 2» (2011), «Monsters University» (2013), «Finding Dory» (2016) und «Cars 3» (2017).

«Coco» ist nun aber ganz klar eine Rückkehr zur alten Grösse. Pixar hat Filme gemacht über Spielzeuge, die depressiv werden, wenn ihre Menschen sie nicht mehr benutzen, hat eine Ratte zum Starkoch in Paris aufsteigen lassen, hat uns erzählt wie es einem Roboter ergeht, der als Letzter auf der unbewohnbar gewordenen Erde noch den Müll aufräumt - und führt uns in «Coco» nun in das bunte, fröhliche und vor allem musikalische mexikanische Totenreich.

Am Dia de los Muertos, dem Tag der Toten, gedenkt man in Mexiko mit farbigen, fröhlichen Feiern der eigenen Ahnen. Dabei spielt auch Musik eine grosse Rolle, ausser in der Familie des 12-jährigen Miguel. Dessen Grossmutter wacht eisern darüber, dass niemals mehr auch nur ein einziger musikalischer Ton in ihrem Haus erklingt, denn ihr eigener Grossvater, ein begabter Musiker, hatte einst seine Frau und seine kleine Tochter Coco verlassen, um in die Welt zu ziehen und zu musizieren. Miguels Urgrossmutter Coco ist das längst egal, sie dämmert in einem Rollstuhl dahin, doch er selbst würde für sein Leben gern Gitarre spielen und singen - wie sein grosses Vorbild, der von allen verehrte Ernesto de la Cruz.

In seiner Verzweiflung stiehlt er am Tag der Toten im Mausoleum des grossen Ernesto dessen Gitarre, die dort an der Wand hängt. Doch nachdem er noch gleich vor Ort den ersten Ton gespielt hat, verändert sich der Friedhof plötzlich: Statt Menschen, die ihrer Ahnen gedenken, laufen plötzlich überall Skelette herum, besagte Ahnen nämlich. Miguel ist auf magische Weise ins Reich der Toten gelangt. Die Skelette sind genauso schockiert wie er, doch es dauert nicht lange, da begegnet er seinen eigenen Ahnen und sieht seine Chance, den verlorenen Ururgrossvater zu finden und beide Seiten der Familie, die Lebenden wie die Toten, miteinander und mit der Musik zu versöhnen.

Miguels Auftauchen im Totenreich löst dort einige Aufregung aus.

Die besten Pixar-Filme zeichnet aus, dass sie Geschichten mit Tiefgang erzählen, Geschichten, die Kindern Spass machen und auf einer zweiten Ebene auch Erwachsene berühren. «Coco» gelingt all das mühelos. Das bunte, fantastisch ausgedachte Totenreich bietet Spass und Action, gleichzeitig wirft der Film philosophische Fragen auf über das Leben und seine Endlichkeit. Darüber, was wir im Leben hinterlassen und was es bedeutet, wenn niemand mehr da ist, der sich nach unserem Tod an uns und unser Tun erinnert.

In den USA und Mexiko wurde «Coco» zudem als glühende Liebeserklärung an den südlichen Nachbarn gedeutet, was in Zeiten, in denen ein US-Präsident Mexikaner als «bad hombres» und Vergewaltiger bezeichnet und die südliche Grenze mit einer Mauer schützen will, selbstverständlich politisch interpretiert werden darf. Auch der Cast besteht weitgehend aus Latinos, darunter Superstar Gael Garcia Bernal («Amores Perros», «Mozart in the Jungle»), sowie Edward James Olmos («Battlestar Galactica») und Benjamin Bratt («Traffic», «Miss Congeniality»). Die Show stiehlt aber ganz klar Anthony Gonzalez, der 13-Jährige, der Miguel seine Stimme und sein beträchtliches Gesangstalent leiht.


«Coco» gibt es bei Ex Libris auf DVD und Bluray


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