10. Oktober 2016

Aus der Zeit gefallen

Peter Murers Hinterhofgarten ist eine grüne Insel – und das mitten in Zürich. Dass er im Lauf des Gartenjahrs immer mehr verwildert, ist Programm.

Peter Murers Hinterhofgarten
Gleich hinter dem Limmatplatz regiert auf 150 Quadratmetern die Natur.

Das unwillige Quietschen des rostigen Gartentörlis entlockt Peter Murer (65) ein Lächeln. Der pensionierte RAV-Berater mag Rost in allen Facetten. «Er symbolisiert den Reiz von Vergangenheit und Vergänglichkeit», erklärt er und bittet den Besuch herein. Wer das Gärtchen im Zürcher Kreis 5 betritt, fühlt sich tatsächlich in die Vergangenheit zurückversetzt: Die 24 Arbeiterhäuser wurden zwischen 1873 und 1880 für die Belegschaft einer benachbarten Fabrik erbaut. «Damals standen sie noch am Stadtrand», sagt Murer, «und in den Gärten wurden Gemüse und Obst gezogen.»

Pflanzengestell im Stadtgarten
Das selbstentworfene Sideboard aus Metall bietet Platz für diverse Pflanzen und Dekostücke.

Im Lauf der Zeit wucherte die Stadt weiter, die Gegend wurde zu Zürichs Vergnügungsviertel. Als das Quartier rund um die Langstrasse Ende der 1980er-Jahre im Drogensumpf unterzugehen drohte, sah er seine Chance. Mit seinem unterdessen verstorbenen Partner konnte er Haus und Garten zu einem moderaten Preis übernehmen. «Damals wollten die meisten Anwohner einfach nur noch weg, wir fanden regelmässig gebrauchte Spritzen und Kondome vor unserer Haustür.»

Das viele Grün sorgt vorallem im Sommer für ein angenehmes Mikroklima.

Das Laissez-faire des Gartenbesitzers kommt der Natur zugute

Heute könnte Murer sein Refugium für ein Vielfaches verkaufen. Kein Wunder: Keine hundert Schritt vom geschäftigen Limmatplatz mit seinen hupenden Autos, klingelnden Trams und dem 20-stöckigen Migros-Hochhaus entfernt, fühlt man sich wie auf einer grünen Insel. Eine stattliche Birke schirmt die Aussenwelt ab, Bienen und Schmetterlinge schwirren auf der Suche nach Nektar von Blüte zu Blüte, Winden winden sich die blauen Fensterläden hoch, Studentenblumen flirten mit Kapuzinern, Duftrosen wetteifern mit Pelargonien, und in einer Ecke lässt der steinerne Torso eines Jünglings in der milden Herbstsonne seine Muskeln spielen.

Peter Murer in seinem Stadtgarten
Gartenbesitzer Peter Murer geniesst ein Gläsli Wein in seiner Weinlaube.

Der Gartenbesitzer mags nicht nur rostig, er mags auch wild: Alles Gepützelte ist ihm ein Graus. Einmal pro Jahr schneidet sein Hausgärtner «radibutz», alles zurück. Aber: «Noch bevor ich mich von meinem Schreck erholt habe, macht es ‹poing›, und schon schiessen der Bärlauch und kurz darauf die Akelei hervor. Und sobald dann auch noch die Magnolie vor dem Haus ihre rosa Blüten auf der Strasse verteilt, weiss ich: Jetzt übernimmt wieder die Natur.»

Wuchernde Pflanzen im Stadtgarten
Im Stadtgarten regiert die Natur. Zurückgestutzt wird nur was stört.

Der Hobbygärtner selbst stutzt im Lauf des Sommers denn auch nur das zurück, was ihn wirklich stört. Dünger und Pestizide kommen ihm nicht in den Garten. Die Natur revanchiert sich: Neben Bienen und Schmetterlingen tummeln sich Spatzen, Meisen und sogar Rotkehlchen. Die Früchte des Weins, der den Balkon in eine grüne Höhle verwandelt, teilt er mit den Amseln. Die Artenvielfalt im Stadtgärtli ist auch der Eidgenössischen Forschungsanstalt WSL aufgefallen: Zurzeit untersuchen ihre Studenten die Schneckenpopulation. Der Herbst ist Peter Murers Lieblingszeit: «Das Licht, die Farben, der Geruch – da wird ­einem die eigene Vergänglichkeit bewusst.» Das Laub seiner Birke lässt er übrigens immer möglichst lange liegen: «Das ist dann jeweils, als laufe man auf Gold.»

Fotografin: Tina Steinauer

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