18. Juli 2017

Aus dem Leben gerissen

Vor zehn Jahren ist die kleine Ylenia verschwunden. 47 Tage später fand man ihre Leiche. Der Verlust hat ihre Mutter Charlotte Lenhard gezeichnet.

Ylenia
Vier Tage vor Ylenias Verschwinden hat die Familie eine Bootsfahrt unternommen.
Lesezeit 5 Minuten

Für Charlotte Lenhard (53) wird Ylenia immer 5 ½ Jahre alt bleiben. Sie war sehr selbstbewusst, lebenslustig, frech, erzählt die Mutter gefasst. «Ein richtiges Luusmeitli.» Ylenia schwamm gerne, sammelte Steine, kletterte auf Bäume, liebte es, draussen zu sein und beim Spielen dreckig zu werden. Im Sommer 2007 wäre Ylenia in Appenzell AI in den zweiten Kindergarten gekommen, auch der rosa Thek für den Schuleintritt ein Jahr später war schon gekauft. Sie hatte sich im Legoland in dieses Modell verliebt.

Doch es kommt anders. Am 31. Juli 2007 flitzt Ylenia mit ihrem Trottinett zum nahen Hallenbad, wo sie tags zuvor das Schampoo hat liegen lassen. Eigentlich will sie auch noch im Denner Brötli für den Zvieri kaufen. Doch dort kommt sie nie an.

Charlotte Lenhard wartet zu Hause und ruft kurz darauf die Polizei an, die auch die Ambulanz in der Region fährt. Sie denkt, Ylenia sei vielleicht mit ihrem Trottinett verunfallt. Doch niemand weiss, wo sie ist. Niemand hat sie gesehen.

Am nächsten Tag wird der Rucksack des Mädchens etwa 30 Kilometer von ihrem Zuhause entfernt gefunden. In einem Waldstück bei Oberbüren SG entdeckt die Polizei die Leiche eines Mannes, der sich mit einer Pistole erschossen hat. Zuvor hatte er einen Passanten angeschossen. Im Lieferwagen des Toten finden sich DNA-Spuren von Ylenia.

Trotz eines Grossaufgebots der Polizei fehlt 47 Tage lang von Ylenia jede Spur. Nicht zu wissen, wo ihr Mädchen ist und was es durchmacht, für diesen Zustand findet Charlotte Lenhard bis heute keine Worte. Nach Ylenias Verschwinden bombardieren wildfremde Leute sie mit Theorien, was passiert sein könnte, oder bieten hellseherischen Fähigkeiten an, um sie zu finden. Auch die Medien verbreiten ihre Vermutungen.

Geld für die Stiftung Ylenia

Charlotte Lenhard muss funktionieren. Die Kinder ihrer ehemaligen Lebenspartnerin, die sieben und acht Jahre alt sind, leben bei ihr. «Ich musste und wollte für meine Pflegekinder da sein. Das war ein Geschenk, keine Belastung», sagt sie.

Am 15. September schliesslich findet eine Privatperson Ylenias Leiche im Wald bei Oberbüren SG. Ylenia ist an einer Überdosis Toluol gestorben, einer Flüssigkeit, die in Nitroverdünner enthalten ist. Ein sexueller Missbrauch konnte nicht nachgewiesen werden. Der Mann, der sich das Leben genommen hat, ist ihr mutmasslicher Entführer und Mörder. Der 67-jährige Urs Hans Von Aesch, der rund 20 Jahre zuvor mit seiner Frau nach Spanien ausgewandert war.

Charlotte Lenhard, Mutter von Ylenia
«Ein Teil von mir ist mit Ylenia gestorben», sagt Charlotte Lenhard.

Charlotte Lenhard ist erleichtert, dass man Ylenia gefunden hat. «Wenigstens muss sie jetzt nicht mehr irgendwo Schlimmes durchmachen», denkt sie. Doch die Hoffnung, an die sie sich in den vergangenen Wochen geklammert hat, ist weg. Nun muss sie Tritt fassen im Alltag. Sie nimmt ihre Arbeit als Krankenschwester wieder auf, ist da für ihre Pflegekinder – und ist froh um die ­Ablenkung, die der Alltag bringt. Viele Menschen schreiben und kondolieren ihr, manche legen Geld ins Couvert. Um etwas Sinnvolles damit zu machen, gründet sie die Stiftung Ylenia (siehe Box).

Eine grosse Stütze ist ihr Bruder, der zwei Kinder im selben Alter hat. Gemeinsam unternehmen sie vieles und er hilft beim Aufbau der Stiftung. Da Ylenia mit einer Samenspende gezeugt wurde, gibt es keinen Vater, der die Trauer teilt. «Da ist man schon sehr allein.» In den zwei Jahren nach dem Tod ihrer Tochter geht sie täglich an ihr Grab. Sie begleitet auch die Polizei zum Fundort, um das, was passiert ist, verarbeiten zu können.

Der Schicksalsschlag hat Charlotte Lenhard nicht überängstlich gemacht. «Ylenia war zur falschen Zeit am falschen Ort», sagt sie, «es hätte auch ein anderes Kind treffen können.»

Mutter und Pflegekinder sprechen oft über Ylenia. Darüber, was ihr Spass bereitete, oder was sie in gewissen Situationen machen würde. In der Vierzimmerwohnung hängen Bilder und Zeichnungen von ihr. Auf einer Kommode im Wohnzimmer steht ein Doppel der Urne – die Geschwister haben sie getöpfert und mit krakeliger Schrift beschrieben. Ylenias Plüschhase hockt daneben, noch immer klebt der Lippenstift, mit dem sie ihn bemalt hat, an seinem Näschen.

Eine Grundtraurigkeit, die bleibt

«Ein Teil von mir ist mit Ylenia gestorben», sagt Charlotte Lenhard heute, zehn Jahre später. Auch wenn sie nach aussen stark wirke: Eine Grundtraurigkeit sei immer da, und sie verspüre eine gewisse Lethargie, wenn sie nichts erledigen müsse. «Es wird nie wieder so, wie es war. Aber es geht weiter.» Dass sich Ylenias Verschwinden am 31. Juli zum zehnten Mal jährt, daran mag sie gar nicht denken. «Den Tag werde ich irgendwie hinter mich bringen müssen.»

Mit den Jahren habe sie gelernt, besser mit negativen Gedanken umzugehen. Fragen wie «Hat Ylenia gelitten? Was ist ihr zuletzt durch den Kopf gegangen?» verbiete sie sich. Das setze eine Abwärtsspirale in Gang, der sie sich entziehen möchte. Begegnet sie im Dorf Kindern, die mit Ylenia den Kindergarten besuchten, kann sie das sehr aufwühlen. «Ich werde nie erleben, wie Ylenia grösser wird und was sie aus ihrem Leben gemacht hätte.» Ihre Stimme bricht. 

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