06. Oktober 2018

Augen zu und durch

Unsere Stadt-Land-Kolumnistin schläft im Zug ein – voll unbequem. Noch unbequemer ist's, wenn der auf dem Nebensitz einschläft. Und immer näher rückt.

Zug
Wer im Zug einschläft, hat verloren, findet unsere Kolumnistin.
Lesezeit 2 Minuten

Schlafen ist geil. Schlafen im Bett ist geil. Schlafen in der Hängematte ist geil. Schlafen in der Badi, am See, am Fluss ist geil. Sogar schlafen in der Disco-Lounge ist geil. Schlafen im Pendlerzug ist nicht geil. Man sitzt da mit seiner grossen Tasche auf dem Schoss, die Augen fallen zu, man beginnt ein bisschen zu träumen, plötzlich wird man angerempelt.

«Entschuldigung, ich muss hier raus», sagt eine Seniorin, zu der man eigentlich gern nett wäre, wenn man nur nicht so müüüüde wäre. «Ja, ja», murmelt man stattdessen grenzdebil. Kaum wieder eingenickt, die nächste Störung: «Nächster Halt: Hauptbahnhof.» Mist. Schon da? Das ging aber schnell! Stöhn. Seufz. Gähn. Wie unfair das Leben ist.

Schlafen im Pendlerzug ist nicht geil, das kann ich dir versichern. Was hingegen absolut seinen Reiz hat: Im Zug schlafende Leute beobachten. Die sind so süss! Im Sekundentakt klappen ihre Augenlider zu. Bemitleidenswert, wie sie erst versuchen, dagegen anzukämpfen, sich dann geschlagen geben und wegdösen. Neulich sass einer neben mir, der Arme war irgendwann im Tiefschlaf. Mein Mitgefühl verabschiedete sich, als sein Kopf mit jeder Kurve näher zu mir rutschte.

Ich fragte mich, ob ich ihn wecken soll. Aber wie weckt man einen fremden Menschen? Als seine Stirn schon fast auf meinem Scheitel lag, rettete mich der Zugführer mit einer starken Bremse. Die Schlafmütze neben mir schreckte hoch, guckte nach links und rechts, rieb sich die Augen und sass aufrecht hin. Was war ich froh! Endlich wieder genug Platz, keine Sorgen mehr, freie Fahrt. Ich schaute aus dem Zugfenster. Die Landschaft zog vorüber, ich atmete ein und aus, mein Körper wurde immer schwerer ... 

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