24. September 2018

Aufs Velo, Türkinnen!

Andrea Freiermuth fährt mit dem E-Bike nach China. In Istanbul trifft sie auf Aktivistinnen, die ihre Landsfrauen zum Velofahren bringen wollen.

Andrea Freiermuth zwischen zwei starken Frauen: Özlem Alkan Oktay (links) und ihre Mitstreiterin Zeynep Araboglu (rechts).
Andrea Freiermuth zwischen zwei starken Frauen: Özlem Alkan Oktay (links) und ihre Mitstreiterin Zeynep Araboglu (rechts).
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Es gibt ein Problem: Die zwei Frauen, die mich ab Jerewan in Armenien bis nach Teheran in den Iran begleiten wollten, kommen nun doch nicht mit. Sie haben kalte Füsse bekommen. Wie ich von Insidern aus Facebook-Gruppen weiss, machen alleinreisende Radfahrerinnen im Iran tatsächlich oft unangenehme Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht – deshalb hatte ich im Vorfeld bereits nach Mitstreiterinnen Ausschau gehalten. Doch die beiden haben es sich anders überlegt, und ich habe nun keine Begleiterinnen für den Iran.

Andrea Freiermuths Tour führt sie über die historische Seidenstrasse nach Peking.

Immerhin bin ich gut vernetzt mit Zweirad-Aktivistinnen in der Türkei. Nach dem Dämpfer lassen sie mich noch an Schwesternschaft glauben. Da ist zum Beispiel Özlem Alkan Oktay (32) aus Istanbul: Sie hat vor vier Jahren gemeinsam mit Kolleginnen die «Bisikletli Kadın İnisiyatifi» gegründet, eine Gruppe, die Frauen zum Radfahren motivieren will. In der Türkei können viele Frauen gar nicht Velo fahren. Genaue Zahlen fehlen, aber aufgrund einer Befragung weiss man: Nur fünf Prozent der weiblichen Bevölkerung in Istanbul fährt Rad, 65 Prozent würden es hie und da gern tun. Viele Eltern unterstützen ihre Töchter nicht beim Radfahren, weil sich dies für Mädchen ohnehin nicht zieme. Manche denken gar, das Sitzen im Sattel könnte das Jungfernhäutchen beschädigen.

Alkan Oktay hat liberale Eltern und lernte als Kind Velo fahren. «Ich fühle mich auf zwei Rädern frei», sagt sie, «und die körperliche Bewegung tut mir gut.» Radfahren sei für sie nach einer unglücklichen Beziehung beinah so etwas wie eine Therapie gewesen: «Es hat mich selbstsicher gemacht.» Diese Erfahrung wolle sie anderen weitergeben

Frauen lernen von Frauen

Ihre Gruppe trifft sich mindestens ein Mal im Monat. Die Frauen fahren gemeinsam aus, unterstützen sich gegenseitig beim Reparieren der Bikes und tauschen sich aus – und geben Kurse für Frauen, die noch nicht Fahrrad fahren können. Zuerst wars ein freiwilliges Engagement, inzwischen arbeitet die Public-Relation-Spezialistin Alkan Oktay für eine Stiftung, die sich für die Förderung von körperlicher Aktivität in der Türkei einsetzt. Im Rahmen dieser Arbeit organisiert sie etwa Velofahrkurse für Kinder und Reparaturworkshops.

Eine andere türkische Veloinitiative ist der Fancy Women Bike Ride. Bei diesem Event ziehen sich Frauen schick an und fahren gemeinsam aus. Die Bewegung begann 2013 in Izmir. Heute erfasst sie über 50 Städte und 30 000 Teilnehmerinnen in der Türkei und hat sogar Ableger in Mailand und Bern. Zunächst ging es den Teilnehmerinnen darum, sich nicht von Männern sagen zu lassen, welches Outfit auf dem Velo zu tragen sei.

Özlem Alkan Oktay (links) begleitet Andrea Freiermuth ein Stück.
Özlem Alkan Oktay (links) begleitet Andrea Freiermuth ein Stück.

Anzeigen wegen Übergiffen

«Seit ein paar Jahren werden sexuelle Übergriffe vermehrt angezeigt, doch kommt es dabei nie zu einer Verurteilung», sagt Alkan Oktay, «Frauen, die belästigt wurden, müssen sich oft anhören, sie hätten sich falsch verhalten oder falsch gekleidet.» Der Fancy Women Bike Ride setzt deshalb heute ein Zeichen dafür, dass auch hübsch zurechtgemachte Frauen auf dem Velo keine Sexobjekte sind.

Andrea Freiermuth bloggt regelmässig auf Shebikerider.ch. Auf Migrosmagazin.ch erscheinen ihre Beiträge in unregelmässigen Abständen.

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