21. März 2019

Aufgepeppte Zeichentrick-Klassiker

Ende März kommt «Dumbo» in die Kinos, eine Neuverfilmung des Disney-Klassikers von 1941 über einen fliegenden Elefanten – veredelt von Meisterregisseur Tim Burton und Stars wie Colin Farrell, Eva Green und Danny DeVito. Es ist einer von vielen legendären Zeichentrickfilmen, die Disney nach und nach neu inszeniert.

Szenenbild «Dumbo»
Bei den Artistinnen kommt der kleine Elefant mit den grossen Ohren sehr gut an. Szenenbild aus Tim Burtons neuer «Dumbo»-Verfilmung. (Alle Bilder: Disney Enterprises, Inc.)

Gleich drei Animationsfilmklassiker bringt Disney im nächsten halben Jahr neu verfilmt ins Kino. Den Anfang macht Tim Burtons «Dumbo» am 28. März, dann folgt am 23. Mai Guy Ritchies «Aladdin» und schliesslich Jon Favreaus «The Lion King» am 18. Juli. Alle drei wimmeln vor Stars und werden von bekannten Erfolgsregisseuren inszeniert. Und alle drei werden die Kassen klingeln lassen – wie schon die Neuverfilmungen von «Alice in Wonderland» (2010, weltweit 1,02 Milliarden Dollar), «The Jungle Book» (2016, weltweit 966 Millionen Dollar) und «Beauty and the Beast» (2017, weltweit 1,2 Milliarden Dollar).

«Beauty and the Beast» – einmal im Animationsfilm von 1991, einmal mit echten Schauspielern von 2017.
«Beauty and the Beast» – einmal im Animationsfilm von 1991, einmal mit echten Schauspielern im Jahr 2017.

Fortsetzungen und Neuverfilmungen erfolgreicher Filme gehören zu Hollywood wie der Schriftzug in den Hügeln über Los Angeles. Weil es finanziell so lukrativ ist. Es lockt zuverlässig all jene erneut ins Kino, die schon den früheren Film toll fanden. Und im Falle von Animationsfilmklassikern kommen nicht nur die Kids von damals, sondern sie bringen gleich noch die eigenen Kinder mit, die sie mittlerweile haben. In der Hoffnung, der Zauber von früher möge sich erneut einstellen und der eigene Nachwuchs erlebe ähnlich magische Momente.

Geschichten technisch und inhaltlich aktualisieren

«Ausserdem wollen die Filmemacher die neuen technischen Möglichkeiten nutzen», sagt Petra Schrackmann (40), Doktorandin im Fach Populäre Kulturen an der Universität Zürich. So erreiche man auch jene Erwachsenen, die aus Prinzip keine Trickfilme schauten, weil sie sie für Kinderkram hielten. «Und einige der alten Animationsfilme wirken inhaltlich und gesellschaftspolitisch ziemlich verstaubt, die will man den heutigen Kindern nicht zumuten, also verfilmt man sie lieber neu.»

Diese Strategie funktioniert offensichtlich so gut, dass Disney sie nicht nur bei ein paar wenigen, sondern gleich bei nahezu allen Klassikern anwendet. In der Pipeline zur Realverfilmung sind unter anderem «Lady and the Tramp» (noch dieses Jahr für den neuen Disney-Streamingdienst), «Mulan» (für Frühling 2020), «The Little Mermaid» , «Snow White» , «Peter Pan» , «Pinocchio» oder «The Hunchback of Notre Dame» .

Die bisherigen Remakes halten sich alle an die Basis-Story ihrer Vorläufer, dennoch gibt es in den Details einige Veränderungen. Das Mädchen Belle in «Beauty and the Beast» basiert zum Beispiel auf einem deutlich moderneren Frauenbild und ist eine viel toughere Heldin als im Original. Und LeFou, Sidekick von Bösewicht Gaston , ist ziemlich eindeutig schwul, darf bei der grossen Ballszene am Schluss sogar mit einem Mann tanzen, auch wenn es nur für eine halbe Sekunde sichtbar ist.

Bösewicht Gaston mit Knappe LeFou aus «Beauty and the Beast».
Bösewicht Gaston mit Knappe LeFou aus «Beauty and the Beast».

«Die Anpassung an die gesellschaftlichen Sensibilitäten der Gegenwart ist ein typisches Merkmal von Remakes», sagt Schrackmann. «Sie spiegeln immer die historischen, sozialen, politischen und ästhetischen Gegebenheiten ihrer Zeit.» Und Disney habe schon immer ein feines Gespür dafür gehabt, was drinliege und was nicht. «Man will nicht zu progressiv rüberkommen, aber auch nicht rückwärtsgewandt.»

Mehr charakterlicher Tiefgang

Bei den Neuverfilmungen der letzten Jahre fällt ausserdem auf, dass viele Figuren mehr Tiefgang erhalten haben. «Sogar der Hintergrund einiger Bösewichter wird ausgeleuchtet, damit ihre Motivation klarer wird.» Der Tiger Shere Khan in «The Jungle Book» etwa hat unter den Menschen gelitten, deshalb sein Hass auf Mowgli. Einen weiteren Grund für den grösseren charakterlichen Tiefgang sieht Schrackmann bei den vielen Stars der Neuverfilmungen. «Man will diesen grossen Namen auch ein bisschen was zu tun geben.»

Die Herausforderung bei Remakes ist es, genügend Altvertrautes mit genügend Neuem zu mischen. «Jene, die den früheren Film kennen, möchten das wiederfinden, was sie daran toll fanden», sagt Schrackmann, «gleichzeitig muss es Neues geben, sonst wirkt es langweilig oder verstaubt. Und es muss auch für all die funktionieren, welche die frühere Version nicht kennen.» Bisher sei Disney diese Balance gut gelungen, findet die Doktorandin. Besonders gefallen hat ihr «Maleficent» (2014), eine Neuadaption von «Sleeping Beauty» (1959), mit einem Fokus auf der bösen Fee, die Dornröschen verwünscht. «Im Grunde ist es eher eine clevere Neuinterpretation als ein Remake, weil der Fokus der Geschichte viel stärker auf der Beziehung zwischen Dornröschen und der Fee liegt.»

Im Remake von 2016 wesentlich bedrohlicher als im Animationsfilm von 1967: Der Tiger Shere Khan.
Im Remake von 2016 wesentlich bedrohlicher als im Animationsfilm von 1967: Der Tiger Shere Khan aus «The Jungle Book».

Schwieriger sei die Balance bei «The Jungle Book». Weil die Tiere so echt wirkten und sich auch realistischer verhielten als im Animationsklassiker, komme der Film ernster, die Situation für Mowgli oft bedrohlicher rüber. «Eigentlich ist er zu düster und brutal für einen Kinderfilm, und dennoch hats ein paar der altbekannten Songs drin, das passt irgendwie nicht so recht zusammen.»

Remakes funktionieren auch dank Nostalgiewelle

Alles in allem sei die legendäre «Disney-Magie» noch immer intakt, findet Schrackmann. «Sie müssen einfach aufpassen, dass sie es mit der Menge nicht übertreiben.» Gleich drei Neuverfilmungen in einem halben Jahr findet sie etwas gewagt. «Bei ‹Star Wars›, das ja mittlerweile auch zu Disney gehört, hat man gesehen, was passiert, wenn es zu viel wird.» Tatsächlich lief «Solo: A Star Wars Story» im Mai 2018 nur gerade fünf Monate nach «Star Wars: Episode VIII – The Last Jedi» in den Kinos – und gilt mit seinen weltweiten Einnahmen von nur 393 Millionen Dollar als erster Flop der «Star Wars»-Geschichte. Zum Vergleich: «The Last Jedi» spielte global 1,3 Milliarden ein.

Für viele eine unvergessliche Kindheitserinnerung: Baloo und Mowgli mit einem fröhlichen Lied auf den Lippen.

Schrackmann sieht noch einen weiteren Grund für den Erfolg dieser Remakes: «Nostalgie ist seit einigen Jahren sehr im Trend. Es gibt derzeit viele Filme und Serien aus den 1970er- und -80er-Jahren, die wieder aufgelegt werden, und noch einige mehr, die in jener Zeit spielen.» Das liege auch daran, dass in Hollywood mittlerweile viele Regisseure und Produzenten am Ruder seien, die in jener Zeit aufgewachsen sind und nun das selbst machen wollten, was sie als Kind so begeistert habe. «Aber auch die Zuschauenden mögen es, sich mittels Remakes in die Zeit zurückzuversetzen, wo sie als Kind gemeinsam mit der Familie im Kino waren und intensive Gefühle erlebten, die sie bis heute prägen.»

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