23. September 2017

Auf Schatzsuche

Indiana Jones lässt grüssen: Wer mit einem Metalldetektor die Landschaft durchkämmt, um stumme Zeugen der Vergangenheit aufzuspüren, leistet wertvolle Dienste für die Wissenschaft. Vorausgesetzt, man hält sich an die Vorschriften. Auf Schatzsuche mit Romano Agola, Beatrix Koens und Jonas Glanzmann.

Schatzsucher Romano Agola
Romano Agola durchsucht mit seinem Metallortungsgerät ein Waldstück irgendwo in Bern. Der Ort ist streng geheim.
Lesezeit 7 Minuten

Romano Agola (53) steht in Vollmontur mit seinem Metalldetektor mitten im Wald. Er ist sich sicher: Hier ist die Wahrscheinlichkeit gross, Münzen und andere Gegenstände aus der Römer- und Keltenzeit zu finden. Wir sind irgendwo in Bern. Wo genau, ist geheim. «Ich will ja nicht, dass gleich jeder hier aufkreuzt», sagt Agola.

Werkzeuge für die Schatzsuche
Werkzeuge für die Schatzsuche: ein handlicher Spaten und ein kleines Metallsuchgerät, ein sogenannter Pinpointer.

Der Forscher hat vor dem Ortstermin Satellitendaten studiert. Die haben ihm gezeigt: Der Untergrund, auf dem wir gerade stehen, wurde von Menschen geformt. Und tatsächlich: Wer den Waldboden etwas genauer anschaut, entdeckt überall zerbrochene Ziegel. «Ein gutes Zeichen. Sie sind aus der Römerzeit. Wir befinden uns an einer Stelle, wo möglicherweise römischer Aushub deponiert wurde.»

Agola beginnt, seinen Metalldetektor über den Boden zu bewegen. Jedes Metall hat seine eigene Tonlage. «Je höher und schriller der Ton, desto grösser die Chance, dass es sich um eine Münze aus Bronze handelt.»

2000 Jahre alte Münzen

Es dauert nicht lange, da bleibt Agola abrupt stehen. Er greift zu seinem kleinen Spaten am Gürtel, fängt zu schürfen an und legt etwas Rundes frei. Das Fundstück ist eine römische Münze aus Bronze, die in den vergangenen knapp 2000 Jahren im Waldboden schlummerte. Vorsichtig säubert Agola das Objekt. Auf einer Seite kommt ein Frauenkopf zum Vorschein. Es könnte sich um Faustina handeln, die Frau des römischen Kaisers und Philosophen Marc Aurel. Jedenfalls stammt die Münze aus dem ersten oder zweiten Jahrhundert nach Christus.

keltische Münze
Agolas wertvollster Fund des Tages: eine keltische Münze

Sie ist für die Forschung ein attraktiver Fund, finanziell jedoch uninteressant. «Der Markt ist mit Römermünzen überflutet. Im Internet werden Tausende angeboten», weiss Agola. Von grösserem Wert sei da schon das keltische Exemplar, das der Schatzsucher wenig später ausbuddelt: «Die Kelten sind unsere Vorfahren. Deshalb freue ich mich über solche Funde besonders. Schon verrückt, wenn man bedenkt, dass der letzte Mensch, der diese Münze in der Hand hielt, ein Kelte vor 2000 Jahren war. Sie stammt zirka aus den Jahren 20 bis 50 vor Christus.» Auch dieser Fund gehört dem Kanton, also der Allgemeinheit.

Agola ist kein Raubgräber. Er ist im Auftrag der Wissenschaft unterwegs. Die Münzen wird er den Archäologen des Kantons Bern abgeben. Davon leben kann er allerdings nicht. Agola arbeitet nebenbei in der Sicherheitsbranche. Hat er eine Münze ausgegraben, muss er genau notieren, an welcher Stelle und in welcher Tiefe er sie gefunden hat. «Würde ich das nicht tun, wären die Funde für die Wissenschaft wertlos.»

Schatzsucher am Suchen
Romano Agola findet immer wieder Metallstücke aus längst vergangenen Zeiten. Der Wald ist voll historischer Gegenstände.

Das Schatzsuchfieber hat Agola bereits als 14-Jähriger gepackt. Damals fand er beim «Härdöpfele» auf einem Acker eine österreichische Münze. Von seinem ersten Lehrlingslohn kaufte er sich einen Metalldetektor.

Knapp sechs Stunden lang sucht Agola heute den Waldboden in Bern ab. Am Ende des Tages kann sich seine «Beute» sehen lassen: Vier römische und eine keltische Münze, eine römische Fibel und einen römischen Schlüssel hat er dem Waldboden entlockt. «Und das ist nur die Spitze des Eisbergs», ist sich der Forscher sicher. Er wird wiederkommen.

«Wahrscheinlich aus dem Mittelalter»

Aber nicht nur mitten in der Stadt, auch an den abgelegensten Orten lassen sich Schätze finden. Wir stehen auf einem kleinen, unscheinbaren Plateau, etwa so gross wie ein halbes Fussballfeld, mitten in der Berglandschaft des Urner Oberalppasses. Hier, gut 2000 Meter über Meer, liegen Gegenstände begraben, die Wanderer während Jahrhunderten verloren haben.

Wir begleiten Beatrix Koens (44). Mit einem Metallortungsgerät sucht sie den Boden nach Objekten ab. Auch sie ist eine moderne Schatzsucherin. Und es dauert nicht lange, da meldet sich auch schon der ­Detektor zum ersten Mal. Er quietscht schrill – ein gutes Zeichen!

Schatzsucherin Beatrix Koens auf dem Oberalppass
Beatrix Koens, unterwegs auf dem Oberalppass

Mit der Hand wühlt Koens im Dreck, lässt die Erde durch die Finger gleiten, bis auf ihrer Handfläche etwas Rechteckiges erscheint: eine Gürtelschnalle aus Bronze, an den Rändern reich verziert. Koens strahlt. «Ein schönes Stück, wahrscheinlich aus dem Mittelalter», meint die Expertin und verstaut den «Schatz» in einem kleinen Plastiksäcklein, bevor sie mit ihrem Smartphone die Koordinaten des Fundorts bestimmt. Später wird auch sie sämtliche Fundstücke dieser Exkursion der kantonalen Fachstelle für Denkmalpflege und Archäologie übergeben.

Ausbeute der Schatzsuche
Ausbeute der Exkursion am Oberalppass: ein Löffel, eine Gürtelschnalle, zwei Ringe und eine Markierung für Stoffe

Seit Koens als kleines Mädchen auf dem Acker neben ihrem Elternhaus eine Münze aus dem 16. Jahrhundert fand, hat sie das Schatzsuchfieber gepackt. Koens wuchs in Ovezande, einem Ort in den Niederlanden, auf. Fast jeder kannte sie dort, spätestens nachdem sie als Jugendliche eine römische Münze gefunden hatte.

Vorsprechen bei der Denkmalpflege

Heute lebt Beatrix Koens mit ihrer Frau in Altdorf UR und ist als leidenschaftliche Forscherin unterwegs. «Die Prospektion ist ein schönes Hobby und bietet mir einen guten Ausgleich zu meinem Beruf als Medizininformatikerin», sagt sie.

Als sie vor acht Jahren in den Kanton Uri kam, war sie von Anfang an fasziniert von der Bergwelt. Nicht zuletzt deshalb wurde sie bei der kantonalen Fachstelle für Denkmalpflege und Archäologie vorstellig. Denn auch der Kanton Uri verlangt für die Schatzsuche eine offizielle Bewilligung, und die Funde müssen der Amtsstelle übergeben werden.

Beschriften der Fundstücke bei der Schatzsuche
Jedes Fundstück wird beschriftet. Besonders wichtig sind dabei die Angaben zum Fundort.

«Den Austausch mit den Profis schätze ich sehr», sagt Koens. Dass sie im Umgang mit dem Metalldetektor versiert ist, zeigt am Ende des Tages ein Blick auf die Ausbeute: eine Stoffmarke aus Blei aus dem Mittelalter, zwei Ringe, einer davon vergoldet, Gewehrkugeln aus dem 18. Jahrhundert und ein Schweizer Einräppler aus dem Jahr 1884. Das alles haben die Menschen über die Jahrhunderte hier verloren. Und es wird über die nächsten Jahrhunderte wohl noch vieles dazukommen.

Burgenfund mitten im Emmental

Als Jonas Glanzmann (42) realisierte, was er gerade gefunden hatte, musste er sich erst mal hinsetzen. Er war in der Gemeinde Trachselwald im Emmental im Wald unterwegs und wusste, dass hier irgendwo vor sehr langer Zeit die sagenumwobene «vergessene Stadt» gestanden haben musste – eine Adelsburg, umgeben von Wohnhäusern. Die Adelsfamilie der Freiherren von Rüti soll im 11. Jahrhundert darin residiert haben. Glanzmann recherchierte monatelang. Er vergrub sich in Staatsarchiven, studierte Luftbilder, um unnatürliche Strukturen auf den Karten und Aufnahmen zu entdecken.

Als Glanzmann genug Informationen beisammen hatte, zog er los, tief in den Wald hinein. Da fiel ihm ein ungewöhnlicher Hügel mit einem Plateau und extrem steilen Flanken auf. Glanzmann war sich sicher: Das ist ein Burggraben. Genau hier, auf diesem Plateau, stand die Adelsburg.

Wir begleiten Jonas Glanzmann zum Fundort. Im Zwielicht der Sonnenstrahlen, die sich ihren Weg durch das Blätterdach bahnen, steht er auf einer kleinen Lichtung und erklärt uns, wo die Burg gestanden haben muss, wie sie gesichert war. Er erzählt detailliert und lebhaft, vor dem geistigen Auge erweckt er die «vergessene Stadt» zum Leben.

Jonas Glanzmann am Fundort der «vergessenen Stadt» im Emmental
Jonas Glanzmann am Fundort der «vergessenen Stadt» im Emmental

Doch wie findet man überhaupt ehemalige Burgstandorte? «Ich habe ein gut geschärftes Auge», sagt Glanzmann. Als ausgebildeter Bauzeichner könne er sich gut vorstellen, wo Bauten gestanden haben mussten. Hat Jonas Glanzmann eine solche Stelle gefunden, meldet er diese den Kantonsarchäologen. «Es dauerte eine Weile, bis sie mich als Hobbyforscher ernst nahmen. Doch meine Entdeckungen haben bewiesen, dass ich nicht nur heisse Luft fabriziere», sagt er.

Seine Entdeckung der «vergessenen Stadt» hat für Furore gesorgt. «Ich bin sehr gespannt, was man dort alles finden wird», sagt Glanzmann, der sich nicht an der Detailsuche beteiligt, «das überlasse ich den Profis.» Doch zu wissen, dass er dazu beitragen kann, mehr über die Geschichte des Emmentals zu erfahren, motiviert Glanzmann zu weiteren Exkursionen. Gern auch in Begleitung seines siebenjährigen Sohnes, der ihm schon bei der Burgensuche Gesellschaft leistete. «Es ist einfach ein Abenteuer. Wer wäre da nicht gern dabei?»

Infos: www.metallortung.ch www.historiarum.ch www.am-agola.ch www.prospektion.ch

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