23. Januar 2017

Auf Safari in Namibia

Unendliche Weiten, unberührte Landschaften und eine unglaubliche Vielfalt an Wildtierarten: Namibia gilt als Naturparadies im südlichen Afrika. Besonders im Etosha-Nationalpark kann man die Grosstierwelt individuell und ohne Einschränkungen erkunden.

Springböcke, Zebras, Streifengnus und Oryxantilopen im Etosha-Nationalpark in Namibia
Friedliches Miteinander: Springböcke (vorne), Zebras, Streifengnus und Oryxantilopen am Wasserloch Ozonjuitji m’Bari.

Der fette Punkt in der Ferne kann definitiv kein am Boden liegender Baumstamm sein. Denn plötzlich bewegt er sich, seine Konturen werden langsam sichtbar. Bei dem grasenden Wildtier mit den vier Beinen handelt es sich ganz offensichtlich um ein Nashorn.

Wir befinden uns im Osten des Etosha-Nationalparks, in der Nähe des Lindequist-Gates. Das Nashorn scheint keine Notiz von unserem Geländewagen zu nehmen. Der Einzelgänger ist vielmehr auf der Suche nach Gräsern, Blättern und Ästen, es interessiert ihn auch nicht, dass er inzwischen von rund einem halben Dutzend Autofahrern beobachtet wird. Nach einer Viertelstunde verschwindet er im Dickicht.

Der 350 Kilometer breite Etosha, gut halb so gross wie die ganze Schweiz und die bedeutendste Attraktion Namibias, ist Heimat einer der weltweit grössten Populationen von schwarzen Nashörnern. Dort setzte man vor 20 Jahren auch weisse Nashörner aus. Unter den über 100 Säugetierarten im Etosha finden sich rund 2500 Elefanten, Löwen, Leoparden, Giraffen, Hyänen, Gnus, Zebras, Springböcke, Oryx-Antilopen, Impalas sowie mehr als 380 Vogelarten.

Nashörner bleiben unerwähnt

Vor 70 Jahren kurvten die ersten Touristen durch die relativ flache Landschaft, die man heute unkompliziert im eigenen Geländewagen entdecken kann, weil die Strassen gut ausgeschildert sind. Nur 80 Namibia-Dollar oder rund sechs Franken kostet der Parkeintritt pro Person. Die Tagesgebühr für das Fahrzeug beträgt umgerechnet weniger als einen Franken. Die Eintritte kann man beim Kontrollposten des Lindequist-Gates zahlen – das Tor öffnet nach Sonnen­aufgang und schliesst vor Sonnenuntergang.

In der Nähe des Gates liegt ein Gästebuch auf, wo die Besucher eintragen, welche Tierart sie wo gesehen haben. Wir hätten etwa den jungen Gepard aufführen können, der einsam mit einem Muttertier unterwegs war, den einzelnen Schakal oder die zahlreichen Zebras in der Nähe von «Twee Palms», wo tatsächlich zwei Palmen stehen. Die Touristen werden allerdings gebeten, Nashörner unerwähnt zu lassen; offenbar ist Wilderei in diesem Nationalpark genauso ein Problem wie etwa im Krüger-Nationalpark im benachbarten Südafrika.

Safari auf eigene Faust

Wie spürt man als Grossstadtmensch und Selbstfahrer am ehesten Wildtiere auf, ohne mit einem erfahrenen Guide auf Safari zu sein? Im Etosha-Nationalpark ist das zum Ende der Trockenzeit, im November, fast so einfach, wie in der Antarktis auf Pinguine zu treffen. Denn im regenarmen Park ist dann die Landschaft ausgetrocknet. Die Tiere zieht es zu den Dutzenden von Menschenhand geschaffenen Wasserlöchern, die auf den offiziellen Karten allesamt eingezeichnet sind. Und tendenziell sind die Tiere in den frühen Morgenstunden und vor Sonnenuntergang aktiver als während der lähmenden Mittagshitze.

Ein Maskenweber baut sein Nest.
Ein Maskenweber baut sein Nest aus Gräsern oder Schilf, um die Weibchen zu beeindrucken. Die fleissigen Vögel sieht man oft in den Graslandschaften Afrikas.

Am Wasserloch Chudop etwa, im Osten des Parks, tauchen morgens um 7 Uhr mehrere Giraffen auf und schauen sich vorsichtig um. Obwohl eine Hyäne ebenfalls ihren Durst löscht, recken die Giraffen ihren Hals zum kostbaren Nass. Um diese Zeit sind noch fast keine Touristen unterwegs. Es scheint, als befinde man sich in einem riesigen Zoo ohne Grenzen. Ein untrügliches Zeichen für die Präsenz von Raubkatzen ist die Häufung parkierter Autos.

Am Wasserloch Sonderkop im zentralen Teil des Parks hat es sich eine Löwenfamilie gemütlich gemacht. Dumm für die Oryxantilopen: Sie wagen sich nicht in die Nähe der Raubkatzen und müssen warten, bis diese in der Nacht das Wasserloch verlassen, um auf Jagd zu gehen.

Die Raubkatzen sind so nah, dass man sich wie der Regisseur eines BBC-Tierfilms fühlt. Es versteht sich von selbst, dass es im Etosha-Nationalpark verboten ist, das Auto zu verlassen. Die Unterkünfte, auch in unmittelbarer Nähe ausserhalb des Parks, sind durch Zäune geschützt.

Noch wenige Touristen im Westen

Übrigens wurde der Westen des Etoshas erst vor ein paar Jahren für Touristen zugänglich gemacht. Das mag der Hauptgrund sein, weshalb man in diesem Teil des Schutzgebiets noch verhältnismässig wenige Touristen sieht.

Auf halbem Weg zwischen der namibischen Hauptstadt Windhoek und dem Etosha-Nationalpark leben der Schweizer Alex Rüegg (52) und seine Frau Sabine (56), eine deutschstämmige Namibierin – Namibia war von 1884 bis 1915 eine deutsche Kolonie.

Weaver’s Rock heisst der Ort, wo die 6000 Hektar grosse Farm der Rüeggs mit Rindern, Pferden, Straussen, Gnus, Zebras und Kudus steht; der Tierreichtum Namibias beschränkt sich eben nicht nur auf den Etosha-Nationalpark. «Wir haben hier 300 Sonnentage pro Jahr und nur 2,4 Millionen Einwohner in einem Land, das 20-mal so gross ist wie die Schweiz», schwärmt Rüegg, der sein Geld als Veranstalter von Reisen und Safaris im südlichen Afrika verdient.

Die einsam gelegene Lodge mit den sechs Bungalows und dem Zeltplatz ist eingezäunt. «Trotzdem haben die Leoparden schon zwölf unserer Gänse gefressen. Eine Gans wurde von einer Schlange getötet. Man sagt ja Namibia nach, dass es mehr Schlangen als Steine gibt», erzählt der einstige SBB-Betriebsdisponent. Spüren die Kriechtiere jedoch eine Erschütterung, suchen sie sofort das Weite. Unfälle mit den ebenfalls nur selten anzutreffenden Skorpionen sind deshalb aus dem gleichen Grund selten.

Weil die Korruption für afrikanische Verhältnisse tief und die Hygiene hoch ist, bezeichnen Reisende Namibia gern als «Afrika light»; man muss in diesen Breitengraden kaum befürchten, an Malaria zu erkranken. In den Medien wird hingegen immer wieder die Sicherheit in Namibia thematisiert. Rüegg, einer von gut 320 Schweizern in der afrikanischen Republik (Tendenz steigend), entgegnet: «Wenn ein Tourist in Windhoek ausgeraubt wird, löst das sofort eine Schlagzeile aus. Ich bezeichne Namibia als sicher. Klar, wenn man in den Städten den Laptop im Auto zurücklässt, riskiert man, dass die Scheibe eingeschlagen und das elektronische Gerät gestohlen wird. Beliebt sind auch Mobiltelefone.»

Die grösste Herausforderung des südafrikanischen Landes sei eben, die Ausbildung der Einheimischen voranzutreiben. Auch wenn das die offiziellen Zahlen nicht bestätigen wollen: Es gibt Schätzungen, wonach jeder zweite Namibier im erwerbsfähigen Alter arbeitslos ist.

Eine fette Oryx in Nachbars Garten

Einen Beitrag zu dieser Ausbildung leistet Urs P. Gamma (60), der seit rund 30 Jahren in Namibia lebt und bis Ende 2016 das stadtbekannte Restaurant Gathemann führte, wo auch Staatspräsident Hage Geingob ein und aus ging. Im Februar wird Gamma als Freischaffender für das Namibische Institut für kulinarische Ausbildung arbeiten. Er schloss sein Restaurant in Windhoek, weil für ihn die stete Mietzinserhöhung unangebracht war.

Der Freiburger Gamma tauschte seinen Schweizer Pass gegen den namibischen ein und geniesst nun Vorteile, etwa beim Landkauf und beim Umgang mit Behörden oder lokalen Banken.Er wohnt mit seiner einheimischen Frau Sabine (46) und Sohn Christian (10) in der Nähe des Flughafens. «Gestern habe ich auf dem Grundstück des Nachbars eine fette Oryx gesehen. Namibia leidet unter Wassernot; das Wild zieht dorthin, wo es Wasser gibt.»

Auch auf der Weaver’s Rock Guest Farm, 220 Kilometer nördlich von Gamma entfernt, hat es schon lange nicht mehr geregnet. Alex Rüegg lebt hier mit zehn Personen aus drei Generationen sowie sechs Hunden, vom Dackel bis zum Rhodesian Ridgeback. Die Enkelkinder bilden bereits die sechste Generation seit den Gründern.

Angefangen hat die Geschichte mit dem deutschen Grafen zu Bentheim, der von Deutschland einen Marschbefehl erhielt, im südlichen Afrika seinen Dienst als Schutztruppensoldat zu leisten. 1903 kaufte er die heutige Farm der deutschen Kolonialgesellschaft ab. Ein Jahr später fing er mit der Landwirtschaft an.

«Wir sind zum grossen Teil Selbstversorger, besitzen einen grossen Garten, Hühner, Eier, Fleisch von den Rindern, Orangen, Zitronen, Grapefruit und Macadamianüsse», sagt Rüegg. Wie bei vielen anderen Farm­betrieben hat man auf Weaver’s Rock vor Jahren beschlossen, mit Touristen eine zusätzliche Einnahmequelle zu generieren. Der geringe Niederschlag macht die Rinderzucht aufwendig, ihre Bedeutung nimmt ab.

Elefant im Ethosha-Park in Namibia
Majestätisch und auch gefährlich: Die Angriffslust Afrikanischer Elefanten sollte man nicht unterschätzen.

Auf der riesigen Farm, deren Aussengrenze zwölf Kilometer entfernt ist, kommt es immer wieder zu Begegnungen mit Tieren. Für Alex Rüegg gehört aber der Etosha-Nationapark zu den schönsten Orten, um Tiere zu beobachten. «Kürzlich habe ich mit Gästen am Wasserloch von Okaukuejo im zentralen Teil des Parks tatsächlich 70 Elefanten gesehen.»

Besonders angetan ist Rüegg auch vom Kaokoveld im Nordosten des Landes, weil er in diesem Gebiet gerne in freier Natur übernachtet. «Ein Gast und ich haben dort wild campiert. Zum Sonnenuntergang nahmen wir einen Gin Tonic und warteten auf Elefanten. Als ich mich umdrehte, um ein Bild vom Gast zu machen, stand plötzlich ein Elefant hinter uns.»

«Afrika light» hat eben immer noch seine wilde Seite.

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