25. November 2017

Auf Safari am Mount Kenia

Safari abseits grosser Touristenströme? «Hakuna Matata!» – «kein Problem!» Im ­Meru-Nationalpark und um den legendären Mount Kenya lässt sich Afrikas faszinierende Tierwelt noch ganz ungestört beobachten.

Giraffen in Kenia
Neugierige Giraffen im Solio Reservat.
Lesezeit 7 Minuten

Schon beim Aussteigen aus dem Flugzeug schlägt einem der Geruch von nassen Äckern und Rauch entgegen. So riecht also Afrikas rote Erde während der Regenzeit. Trockene Steppen, gelbe Landschaft? Fehlanzeige! Im November und von März bis Mai ist Kenia aussergewöhnlich grün. Teeplantagen, Reisfelder, Palmenwälder und üppige Wiesen prägen die Landschaft. Dafür birgt die Regenzeit eine andere Gefahr: «Black cotton soil», schwarze Erde, die durch den Regenfall rutschig wie Schmierseife wird.

Im Meru-Nationalpark im Zentrum des Landes, bringt sie den Jeep ordentlich ins Schlingern. «African massage!», scherzt Fahrer Julius Okatch (48). Er verliert auch nach einem platten Reifen und einer Strassensperre wegen Demonstrationen seine gute Laune nicht. Sogar als der Jeep dann endgültig in der Erde stecken bleibt, ist Julius die Ruhe selbst. «Hakuna Matata», Suaheli für «kein Problem», meint er dazu nur, befestigt den Wagen mit einem Seil an der nächsten Akazie und zieht ihn so aus dem Schlamm. «Das haben die Geister so gewollt», meint der Familienvater.

Und tatsächlich: Als wir an einem Kontrollposten im Park halten, deutet der Ranger, bewaffnet mit einem Gewehr, plötzlich aufgeregt zum Himmel. Und da bietet sich ein atemberaubendes Spektakel: Ein Feuerball zischt über den klaren Sternenhimmel und verglüht erst nach zehn Sekunden. Julius ist zufrieden. Die Geister wollten also, dass wir einen Kometen sehen. Jetzt dauere es nur noch zehn Minuten bis zur Lodge, versichert uns der Ranger. Doch wie sich herausstellt, muss man kenianische Zeitangaben besonders nach Sonnenuntergang nicht besonders ernst nehmen. «Wir orientieren uns am Schatten. Ist der weg, verlieren wir unser Zeitgefühl», erklärt Julius. Und so werden aus «only ten minutes» 50 Minuten.

Das «Rhino River Camp» liegt mitten im Busch und grenzt an ein Nashorn-Reservat. Besucher der Lodge übernachten in einem der sechs Zelte, die komfortabel eingerichtet und mit Holzboden unterlegt sind. Nur ein Moskitonetz schützt vor den Tieren. Und zum Glück sind da auch noch die Askari, die Wächter, die man notfalls mit einem Taschenlampenschwenk zu sich rufen kann.

Rhino River Camp in Kenia
Oase im Naturschutzgebiet: das Rhino River Camp

An die nächtliche Geräuschkulisse im Camp muss man sich erst gewöhnen: Der Fluss rauscht, Vögel zwitschern, Grillen zirpen, Affen streiten sich, und ab und zu kreischt ein Bush-Baby, eine Art Lemur, das auch mal abends beim Znacht das Brötchen vom Teller stibitzt, wenn man nicht aufpasst. Am nächsten Morgen beginnt dann im Meru-Nationalpark die Suche nach den Big Five. Der Name stammt aus der Zeit der Grosswildjäger: Büffel, Löwe, Leopard, Elefant und Nashorn waren am gefährlichsten zum Jagen, brachten aber als Trophäen umso mehr Ruhm und Ehre.

Afrikanische Kopfmassage

Der Meru-Nationalpark ist ein Insidertipp unter Safarifans. Im Gegensatz zum touristischen Masai Mara trifft man hier selten auf einen anderen Jeep. In das 870 Quadratkilometer grosse Naturschutzgebiet kommen auch in der Hauptsaison täglich nur rund 20 Besucher. So ist man auf einem «Game Drive», einer Safari-Tour, ganz allein mit der Wildnis. Und bekommt einiges zu sehen: Hier trabt eine Zebraherde vorbei, da kratzt sich ein Elefant an einer Palme, zwei Wasserbüffel kreuzen krachend ihre Hörner, und in der Ferne sieht man Löwenköpfe aus dem Steppengras lugen.

Elefant im Meru-Nationalpark in Kenia
Elefant im Meru-Nationalpark

Unser Safari-Guide Daniel gehört zum Stamm der Massai. Das verrät sein auffälliger Kopfschmuck aus bunten Perlen. Seinen Geburtstag kennt er nicht genau, er weiss nur, dass er zur Dürrezeit im Jahr 1990 geboren wurde. Kenianer haben zwei Vornamen: Einen englischen, meist biblischen Namen, und einen traditionellen Namen in Suaheli. Dieser bezieht sich meist auf die Regen- oder Dürrezeit. Viele Kinder werden aber auch nach Prominenten benannt, erzählt uns Daniel. 2008 wurden zum Beispiel viele Babys Obama genannt. Und jetzt heissen die ersten Kinder Trump.

In Kenia leben 42 Stämme mehr oder weniger friedlich nebeneinander. Jeder Stamm hat seine eigenen Merkmale. Die Kukuyu zum Beispiel, der grösste Stamm, gelten als tüchtige Geschäftsleute, während die Massai vor allem als Viehhirten bekannt sind. So fragt uns Daniel, wie viele Kühe für eine Schweizer Braut gezahlt werden. «10? 15?», will er wissen und versteht das Gelächter der Schweizer Touristen nicht.

Massai in Kenia
Guide Daniel mit traditionellem Massai-Schmuck

In den Dörfern sorgen alle 100 Meter Bodenwellen dafür, dass die Autos nicht zu schnell fahren. Übersieht man eine davon, riskiert man, sich am Überrollbügel des Jeeps eine Beule zu holen. Afrikanische Kopfmassage, sozusagen. So etwas wie öffentlicher Verkehr existiert in Kenia kaum. Zwischen den Dörfern verkehren bunte Minibusse. Sie sind oft rappelvoll und werden aufgrund der Verspätungen und Pannen «Matatu» («Probleme») genannt.

Kampf gegen die Elfenbeinmafia

Die Fahrt zur nächsten Unterkunft führt uns über die Äquatorlinie, vorbei an Kaffee- und Teeplantagen, Jugendlichen auf viel zu grossen rostigen Fahrrädern, fröhlich winkenden Kindern, Geschäftsmännern in Anzügen oder mit schwerer Holzfracht beladenen Frauen.

Vier (Schweizer) Autostunden entfernt von Meru liegt Solio, ein Nationalpark am Fuss des 5199 Meter hohen Mount Kenya. Die Landschaft hier ist atemberaubend. Ein Nashorn grast unter den Gelbfieberbäumen, prächtig gefiederte Vögel fliegen in Scharen um die Dornbüsche. «Ein Nashorn rennt schneller als Usain Bolt!», erzählt uns der Wissenschaftler Felix Patton abends am Kaminfeuer in der Rhino Watch Lodge. Er muss es wissen, schliesslich begann die Liebesgeschichte zwischen ihm und seiner Frau Petra, als sie vor 16 Jahren auf der Flucht vor einem Nashorn auf denselben Baum kletterten.

Breitmaulnashörner im Solio-Nationalpark
Beeindruckende Tiere: Breitmaulnashörner grasen im Solio-Nationalpark.

Felix und Petra Patton haben sich ganz dem Tierschutz verschrieben. Sie gleichen abends die Fotos, die ihnen die Touristen geben, mit ihrer Datenbank ab. Anhand von kleinen Merkmalen identifizieren sie Nashörner, Löwen oder Giraffen. Nashörner zum Beispiel haben eine einzigartige Augenpartie, ihre Augenfalten sind so unverwechselbar wie ein menschlicher Fingerabdruck. Löwen erkennt man an der Anordnung ihrer Schnurrhaare. So merkt das Ehepaar schnell, wenn eines der Tiere fehlt – ein Anzeichen dafür, dass Wilderer unterwegs sein könnten.

Zum Glück gibt es Menschen wie die Pattons, die sich für den Nashornschutz einsetzen. Zwar wurde die Grosswildjagd in Kenia 1977 verboten. Doch die Wilderei lässt sich nicht so einfach verhindern. Besonders auf Nashörner und Elefanten haben es die Wilderer abgesehen. Das Horn eines Nashorns gilt zum Beispiel in Vietnam als Statussymbol und wird ausserdem in der Chinesischen Medizin verwendet. Auch die Jagd auf Elfenbein ist mafiös organisiert. Alle 15 Minuten wird ein Elefant getötet. Wenn das so weitergeht, werden die Dickhäuter dieses Jahrhundert nicht überleben.

Nashornforscher Petra und Felix Patton
Kamen sich auf der Flucht vor einem Nashorn näher: Petra und Felix Patton.

Kenias Regierung hat reagiert: Mittlerweile gibt es auf Wilderei lebenslange Gefängnisstrafen. Als Zeichen gegen den Schwarzmarkthandel verbrannte die Regierung Ende April 2016 rund 105 Tonnen beschlagnahmtes Elfenbein. Doch um die Wilderei einzudämmen, ist eine kostspielige technische Aufrüstung mit Nachtsichtgeräten und Drohnen nötig. Die Park-Ranger riskieren für den Schutz der Tiere ihr Leben, denn Wilderer schrecken nicht vor Gewalt zurück. Zu lukrativ ist das Geschäft.

Verliebt in die Wildnis

Es sei schade, dass die Kenianer im Naturschutz wenig vorausgedacht hätten, meint die Schweizerin Elvira Wolfer (57). Seit 1999 lebt sie als Safariveranstalterin in Nairobi. Ihre Firma «Bush Trucker Tours » hat drei Angestellte und ist vor allem auf Individualreisen spezialisiert. Die ehemalige UBS-Bankerin verliebte sich 1993 bei ihrer ersten Zeltsafari in Kenias Wildnis.

Eine Tierfreundin sei sie schon immer gewesen, sagt sie. Sie ist auf einem Bauernhof im Zürcher Oberland aufgewachsen, war 20 Jahre lang eine passionierte Reiterin und hat Hunde trainiert. Die Anforderungen von Elvira Wolfer an ihre Safari-Guides sind hoch: «Wer nichts über das Sozialverhalten von Zebramangusten oder drei Unterschiede zwischen Ameisen und Termiten weiss, fällt durch», sagt sie. Sie selbst hat sich ihr Wissen vor allem lesend angeeignet.

Elvira Wolfer in Kenia
Lebt seit 1999 als Safariveranstalterin in Kenia: Elvira Wolfer.

«Die Kenianer strahlen eine Ruhe aus, die wir nicht haben», stellt Elvira Wolfer fest. «Sie leben die Hakuna-Matata-Mentalität: Mach dir keine Sorgen, Gott wird es schon lösen.» Dafür hätten sie es mit der Planung nicht so. «Wenn wir zelten gehen, schreibe ich lieber eine Packliste nach Schweizer Manier», schmunzelt sie. In der Schweiz war Elvira Wolfer seit 13 Jahren nicht mehr: «Es zieht mich einfach nicht zurück!» Nur die Giandor-Schoggi der Migros vermisse sie.

Dafür wird sie mit einzigartigen Erlebnissen entschädigt. Das speziellste Tier, das sie in Kenia je gesehen hat, ist der Honigdachs. Er bricht mit seinen langen Krallen gern in die Küchen der Lodges ein, wenn man nicht entsprechend vorsorgt. Aber eben, auch beim grössten Durcheinander gilt in Kenia: Hakuna Matata. 

Die Recherche dieser Reise wurde unterstützt vom Kenya Tourism Board.

Landkarte von Kenia
Zwischen Meru-Nationalpark und Solio mit der Safari-Lodge liegen vier Autostunden Fahrt.

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