22. März 2018

Auf Hasensafari

Echte Hasen werden nicht zu Ostern, sondern im Spätwinter gesucht – unterwegs auf einer nächtlichen Tour mit der Biologin Jael Hoffmann, um Feldhasen im Wauwilermoos zu zählen.

Dem Feldhasen auf der Spur: Biologin Jael Hoffmann von der Vogelwarte Sempach.

Ein Auto rollt im Schritttempo über den Feldweg. Aus den offenen Fenstern der beiden hinteren Türen leuchten helle Scheinwerfer rund 200 Meter in das Schwarz der Nacht. Eine junge Frau auf dem Beifahrersitz hält eine Karte in der Hand, die so detailliert ist, dass sogar einzelne Höfe eingezeichnet sind.

weiss-blaues Ei

Jael Hoffmann (30), Biologin und Mitarbeiterin der Vogelwarte Sempach, ist gemeinsam mit drei Freiwilligen auf Hasensuche: «Wir zählen sie nachts, weil die Feldhasen dann aktiv sind. Auch können wir sie in der Dunkelheit gut entdecken, denn ihre Augen reflektieren das Licht.» Im Gebiet Wauwilermoos bei Sursee LU sind in dieser Nacht im März noch vier weitere Teams auf Hasensafari.

Auto der Hasenzähler
Der Trick beim Hasensuchen: Die Augen der Hasen reflektieren das Licht des Scheinwerfers.

Dem Feldhasen geht es nicht gut. Seine Bestände sind seit den 1950er-Jahren stark gesunken. Sein Lebensraum schwindet infolge der intensiven Landwirtschaft und Zersiedelung. Deshalb steht der Feldhase seit rund 25 Jahren auf der Roten Liste und ist als regional gefährdete Art eingestuft. Seit 1991 führt das Bundesamt für Umwelt (Bafu)ein jährliches Monitoring durch. Es gibt 43 Zählgebiete, sechs davon unter den Fittichen der Vogelwarte Sempach.

Hasen, Rehe und ein Fuchs

20.09 Uhr: Im Licht der Schweinwerfer funkeln zwei grüne Augen. «Das ist bloss eine Katze», sagt Jael Hoffmann, noch bevor sie den Feldstecher zur Hand nimmt, der ihre Vermutung bestätigen wird. Die Katze befindet sich im 200-Meter-Radius eines Hofs, ist also vermutlich nicht am Wildern und muss darum nicht in der Karte vermerkt werden.

Der Feldhase ist verletzlich. Er ist das kleinste Säugetier, das ganzjährig oberhalb der Erde lebt: Im Gegensatz zum Kaninchen gräbt Lepus europaeus keine Höhlen. Die Häsin lässt ihre Jungen, die behaart und sehend zur Welt kommen, in ­einer Mulde – auch Sasse genannt – auf ­offenem Feld zurück. Sie säugt die Kleinen bloss ein Mal am Tag und auch das nur kurz: So verhindert sie, dass Feinde auf den Nachwuchs aufmerksam werden. Die Strategie ist gut, funktioniert aber nur, wenn die Wiesen nicht grasgrün sind und keine todbringende Landwirtschaftsmaschine naht. Auf Brachen und in Hecken hingegen sind die braun gesprenkelten Häschen gut versteckt und damit auch vor Raubvögeln und Füchsen geschützt.

20.12 Uhr: Fahrer Christian will das Auto wenden, als Helferin Stefanie «Stopp!» ruft: «Da hinten war was.» Sie schwenkt das Licht ihres Scheinwerfers zurück, rötliche Augen blitzen auf, und einen Moment später hüpfen sie davon. Ein hoppelnder Hase, ganz klar. Jael Hoffmann trägt ihn mit einem Punkt in der Karte ein.

Jael Hoffmann im Auto beim Hasenzählen
Der Feldstecher bringt Gewissheit: Jael Hoffmann hat einen Hasen gesichtet.

Auf den Hasen folgen wenige Minuten später fünf weitere Augenpaare. Sie bleiben stehen, huschen über die Wiese, stehen wieder still. «Rehe», ruft Röbi aufgeregt. Er bedient einen weiteren Schweinwerfer. Und tatsächlich kann man die eleganten Silhouetten der Tiere im Dunkel erkennen. Röbi kann sich kaum beruhigen: Normalerweise hat er Rehe vor der Flinte, er ist Jäger.

Auch Feldhasen müssen den Jäger fürchten. Sie gelten als eidgenössisch jagdbare Tierart mit einer Jagdzeit zwischen dem 1. Oktober und 31. Dezember. Die kantonalen Regelungen beim Feldhasen sind unterschiedlich: Insgesamt elf Kantone schützen ihn aktuell vollständig vor Bejagung, in acht Kantonen gilt eine gegenüber dem Bundesrecht eingeschränkte Jagdzeit, und in sieben Kantonen ist die Jagd auf Feldhasen analog zum Bundesrecht erlaubt.

Verfolgungsjagd im nächtlichen Nebel

Im Wauwilermoos zieht Nebel auf. Das ärgert Biologin Hoffmann. Die weissen Schwaden beeinträchtigen die Sicht und könnten damit auch das Resultat der Erhebung beeinflussen. Um Verzerrungen auszugleichen, gibt es pro Jahr und Gebiet zwei Zählungen im Abstand von wenigen Wochen.

20.21 Uhr: Ein weiteres Augenpaar. Es bewegt sich langsam, aber es hoppelt nicht, also kein Hase. Vielleicht ein Fuchs? Im Rund des Feldstechers erkennt man einen buschigen Schwanz, die Lunte des kleinen Räubers. Kaum eine Minute später wieder ein hoppelndes Augenpaar. Ist der Fuchs dem Hasen auf der Spur?

«Ausgewachsene Feldhasen müssen Füchse eigentlich nicht fürchten. Sie können sie hakenschlagend und mit einem Tempo von 70 Kilometern pro Stunde locker abhängen», erklärt Hoffmann. Aber Junghasen und kranke Tiere könne der Fuchs natürlich erlegen. Doch Hase Nummer 2 scheint kräftig und wohlauf zu sein: Er setzt sich auf die Hinterläufe, starrt neugierig ins Licht und lässt seine Löffel spielen. Nummer 3 und 4 sind gemeinsam unterwegs: «Die sind am Rammeln. Hasen sind normalerweise Einzelgänger. In 42 Tagen gibts Nachwuchs», sagt Jael Hoffmann und lacht.

Feldhasen pflanzen sich schnell fort. Ein Weibchen trägt bis zu vier Mal im Jahr ein bis drei Junge aus. Sogar eine Superfötation ist möglich. Das heisst, eine bereits trächtige Häsin kann, noch bevor sie gesetzt hat, erneut befruchtet werden. Mit ein Grund, warum der Hase seit der Antike als Fruchtbarkeitssymbol verehrt wird.

Umso beunruhigender ist es, dass sich die Population der Feldhasen in der Schweiz nicht längst erholt hat. Zumindest im Gebiet Wauwilermoos scheint der Bestand wieder zuzunehmen: Während man 2009 nur 26 Hasen entdeckte, waren es 2016 erstaunliche 80. Auf unserer Tour werden die fünf Teams bis Mitternacht insgesamt 61 Hasen zählen. Das ist mit 3,7 Hasen pro Quadratkilometer immer noch ein Hase mehr als im Schweizer Durchschnitt.

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