11. August 2017

Auf die Ferien folgt der Frust

Das Post-Holiday-Syndrom ist weit verbreitet: Bei vielen sorgt das Ende der Ferien für schlechte Stimmung. Einige versuchen sich nach den Ferien Gutes zu tun, um sanfter im Alltag zu landen.

Feriengefühl in den Arbeitsalltag retten
Ein bisschen Feriengefühl in den Arbeitsalltag zu retten, sorgt für bessere Laune. (Bild: Getty Images)
Lesezeit 4 Minuten

Einfach in den Tag hinein­leben, Kanu fahren, lesen, an der Strandpromenade bummeln und plaudern – es war so schön. Doch die Ferien sind im Flug vorbei, und die Rückkehr ins Büro schlägt auf die Stimmung.

Mit dem flauen Gefühl im Magen ist man in guter Gesellschaft. Laut einer aktuellen Studie ist das sogenannte Post-Holiday-Syndrom auch in der Schweiz weit verbreitet. In der Deutschschweiz kennen 38 Prozent den Holiday-Blues, in der Romandie sind es gar 55 Prozent. Frauen (44 Prozent) leiden laut der Studie häufiger unter der Ferienrückkehr als Männer (33 Prozent).

Mittel gegen den Ferien-Blues
85 Prozent der Bevölkerung versuchen, sich die Eingewöhnung zu erleichtern: Jede dritte Person plant freie Tage zu Hause ein, bevor der Alltag beginnt. Jeder Vierte nimmt sich mehr Zeit für sich selbst, jeder Fünfte schläft länger. 14 Prozent planen am Ende der Ferien gleich die nächsten.

Die Ferienforscherin Jessica de Bloom (34) hat Tipps, wie man das gute Feriengefühl konservieren kann: «Es lohnt sich, am letzten Ferientag noch etwas Tolles zu machen. Der Abschluss färbt die ganzen Ferien rückblickend ein und bleibt in Erinnerung.»

Mit einem internationalen Forschungsteam ist Jessica de Bloom dabei, eine App namens «Holidaily» zu entwickeln. Sie soll Heimkehrern helfen, die Erholung nach den Ferien länger anhalten zu lassen.

Informationen zur App und Test auf Holidaily.de
Anmeldungen an www.holidaily@leuphana.de

Ferien sind absolut zentral – auch wenn ihr Effekt relativ schnell verpufft

Jessica de Bloom
Jessica de Bloom

Jessica de Bloom (34) ist Arbeitspsychologin und Ferienforscherin. Die Deutsche lehrt an der University of Tampere in Finnland.

Vor den Ferien sind die meisten gestresst. Und danach verpufft die Entspannung schnell. Braucht es überhaupt Ferien?

Ja. Es ist ein relativ neues Konzept, dass fast alle in die Ferien fahren. Bis in die 60er-Jahre hat man vielleicht Familie oder Bekannte besucht, um sich zu erholen. Wir arbeiten immer mehr, und es ist schwieriger geworden, Abstand zu gewinnen vom Arbeitsalltag. Deshalb braucht es Auszeiten.

Wie erholt man sich in den Ferien am besten?

Studien zufolge sind sechs Dinge wichtig: geistig Abstand nehmen; sich bei wohltuenden Tätigkeiten entspannen; den Tagesablauf kontrollieren und frei entscheiden, wie man die Zeit verbringt; angenehme Herausforderungen suchen, etwa eine neue Sportart oder eine Sprache lernen; etwas persönlich Bedeutungsvolles tun; Zeit mit Freunden oder Familie verbringen, Verbundenheit mit nahestehenden Menschen spüren.

Wie nachhaltig sind Ferien?

Menschen fühlen sich in den Ferien deutlich besser als im Alltag, doch das ist von kurzer Dauer. Je nach Studie hält das Feriengefühl maximal vier Wochen lang an. Ferien sind zentral, auch wenn ihr Effekt relativ schnell verpufft. So zeigen Studien, dass Menschen, die keine Ferien machen, ein erhöhtes Risiko tragen, eine Herz-Kreislauf-Erkrankung zu erleiden.

Was ist erholsamer: längere Ferien oder mehrere kurze Auszeiten?

Das lässt sich nicht verallgemeinern und hängt von der Arbeitsbelastung und den Vorlieben ab. Viele brauchen mindestens eine Woche, um abschalten zu können. Aber längere Ferien sind nicht automatisch erholsamer.

40 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer leiden am sogenannten Post-Holiday-Syndrom. Was hilft beim Wiedereinstieg in den Alltag?

Man sollte darüber nachdenken, was man in den Ferien genossen hat, und versuchen, davon etwas in den Alltag einzubauen. Vieles ist möglich, wenn man ein wenig umdenkt: Warum nicht am Morgen schwimmen gehen, nach dem Mittagessen eine Runde spazieren oder am Abend mal mit der Familie auswärts essen? Kleine Inseln der Erholung im Alltag sind äusserst wertvoll. Wir wissen aus der Forschung, dass das Gefühl von Autonomie und Kontrolle über das eigene Leben entscheidend für das Wohlbefinden ist.

Kleine Inseln der Erholung im Alltag sind äusserst wertvoll.

Sie sind Deutsche, mit einem Holländer verheiratet, leben in Finnland und forschen in einem internationalen Team. Erleben alle die Ferien und deren Ende ähnlich?

Viele Arbeitnehmer in Europa fragen sich, ob sie in den Ferien ihre E-Mails checken sollen. Die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen immer mehr. Während in den USA manche nie Ferien machen, ist man sich in Europa einig, dass es Auszeiten braucht.

Wie wichtig sind den Finnen Ferien?

In Skandinavien wird der Work-Life-Balance eine grosse Bedeutung beigemessen, was sehr angenehm ist. Es ist ganz normal, um 16 Uhr das Büro zu verlassen und die Kinder von der Schule abzuholen. Wenn nötig, setzt man sich einfach am Abend nochmals zu Hause hin. In Finnland und Schweden arbeitet im Juli fast niemand, kaum jemand ist erreichbar.

Was erwarten Sie selbst von Ferien?

Mir ist eine gesunde Balance im Alltag wichtiger geworden als Ferien, die alles kompensieren. Ich verteile meine Ferientage gern übers ganze Jahr und habe deshalb keine riesigen Erwartungen. Ausserhalb der Ferien gehe ich manchmal mit meinem Mann am Mittag essen, oder ich bewege mich nach der Arbeit in der Natur. Manchmal gelingt es mir auch, am Abend, am Weekend oder in den ­Ferien keine E-Mails zu lesen und zu beantworten – oder ich schalte mein Smartphone mal ganz aus.

Benutzer-Kommentare