29. April 2013

Auf Dürrenmatts Spuren

Die Wanderung von Magglingen nach Twann führt durch die mystische Twannbachschlucht, wo Friedrich Dürrenmatts Kommissär Bärlach einen mysteriösen Mord aufzuklären hatte.

Twannbachschlucht
In den Fels gehauener Wanderweg: Meter um Meter verengt sich die Twannbachschlucht, während die Felswände links und rechts höher werden.

Er ist ein komischer Kauz, der alte Kommissär Hans Bärlach aus Bern. «Ich bin ein grosser alter schwarzer Kater, der gerne Mäuse frisst», sagt er über sich selbst. Bärlach, ein schlauer aber bärbeissiger Inspektor von altem Schrot und Korn, kann den modernen Polizeimethoden seines Vorgesetzten Dr. Lutz nichts abgewinnen und provoziert diesen gerne mit seiner Raucherei: «… zündete sich ein Zigarre an und ging in Lutzens Büro, wohl wissend, dass sich der jedesmal über die Freiheit ärgerte, die sich der Alte mit seinem Zigarrenrauchen herausnahm». In Friedrich Dürrenmatts Roman «Der Richter und sein Henker» hat Bärlach den Mord an seinem fähigsten Polizeibeamten, Ulrich Schmied, aufzuklären. Dieser wurde erschossen in seinem Wagen ausgangs der Twannbachschlucht oberhalb des Bielersees gefunden. Und genau dorthin machen wir uns an diesem stürmischen Tag auf den Weg.

Ausblick von Magglingen auf das Berner Mittelland: Biel mit dem Nidau-Büren-Kanal.
Ausblick von Magglingen auf das Berner Mittelland: Biel mit dem Nidau-Büren-Kanal.

Mit der Standseilbahn gehts von Biel hinauf nach Magglingen, dem Startpunkt unserer Wanderung. Hier oben bläst ein frischer Wind, weiss-graue Wolkenformationen ziehen in entsprechendem Tempo vorüber, verdüstern mal die Szenerie um gleich wieder aufzureissen und den Blick auf den blauen Himmel freizugeben. Weit geht der Blick heute nicht: Gipfel wie Mont Blanc, Eiger oder Tödi können wir nur erahnen. Anstatt in die Ferne zu schweifen, konzentrieren wir uns also auf das Naheliegende: die Stadt Biel oder den Nidau-Büren-Kanal, der pfeilgerade aus dem Bielersee fliesst, über dessen Oberfläche wiederum Schaumkrönchen vom Wind seeaufwärts gepeitscht werden.

Zu Fuss unterwegs auf der Sprachgrenze

Dem Wald abgetrotzte Weideflächen auf der Magglingematten (rechts).
Dem Wald abgetrotzte Weideflächen auf der Magglingematten (rechts).

Die dramatische Stimmung passt zu einer Kriminalromanwanderung. Ein Waldweg führt uns entlang des Hangs in Richtung Twannberg. Niemand ausser uns ist heute unterwegs. Linkerhand öffnet sich hie und da der Blick hinunter auf den See, und rechts steigt der Hang steil an, die noch laublosen Bäume neigen sich im Wind, und der Waldboden ist übersät mit einem herrlichen Durcheinander aus weissen Jurafelsbrocken und altem Fallholz. Die Szenerie wechselt, als wir zur Magglingematten kommen, wo dem Wald Weideflächen abgetrotzt worden sind. Noch offener wird das Feld auf dem Plateau des Twannbergs. Hier öffnet sich der Blick rechts zu den Hügelzügen des Berner Juras mit Mont Sujet und dem schneebedeckten Chasseral. Beim Hotel und Restaurant Twannberg lassen wir uns von der 80er-Jahre-Architektur nicht abschrecken und legen eine Mittagsrast ein.

Dann wird das Rauschen des Twannbachs lauter

Bauernhöfe beim Dörfchen Lamboing: In dieser Gegend begab sich Kommissär Hans Bärlach zusammen mit dem Ortspolizisten Alphons Clenin zum Tatort.
Bauernhöfe beim Dörfchen Lamboing: In dieser Gegend begab sich Kommissär Hans Bärlach zusammen mit dem Ortspolizisten Alphons Clenin zum Tatort.

Weiter gehts über den Muliweg, ein Karrensträsschen aus dem Mittelalter, das mit Rundsteinen gepflastert ist. Rechterhand liegt das Dörfchen Lamboing. In Dürrenmatts Roman ist Bärlach zusammen mit dem Ortspolizisten Clenin einmal auf dem Weg zum Tatort und thematisiert den ungewöhnlichen Ortsnamen: «Bärlach verwunderte sich über den Namen Lamboing. ‹Lamlingen heisst das auf Deutsch›, klärte ihn Clenin auf. ‹So, so›, meinte Bärlach, ‹das ist schöner.›» Wir sind sozusagen auf der Sprachgrenze unterwegs. So heisst das Flüsschen, dem wir nun in Richtung Schlucht entlanglaufen, hier noch «Douanne» und wird wenige Meter weiter zum «Twannbach». Das Wasser fliesst am Eingang zur Twannbachschlucht noch gemächlich. Links oben sind die Leitplanken der Strasse von Lamboing nach Twann zu sehen — auf dieser ist auch Bärlach mehrmals unterwegs: Der des Mordes verdächtige Gastmann bewohnt in der Nähe von Lamboing eine Villa. Bärlach und Gastmann verbindet eine 40 Jahre andauernde private Fehde zwischen Gut und Bös. Bärlach droht Gastmann einmal: «Ich habe dich gerichtet, Gastmann, ich habe dich zum Tode verurteilt. Du wirst den heutigen Tag nicht mehr überleben.» Nur so viel sei verraten: Bärlach spielt zwar den Richter, aber die Rolle des Henkers schiebt er gewieft einem anderen zu.

Mystische Stimmung in der Twannbachschlucht

Nun wird das Rauschen des Twannbachs lauter, das Wasser stürzt sich über erste kleine Kaskaden. Meter um Meter verengt sich die Schlucht, während die Felswände links und rechts höher werden. Der über längere Abschnitte in den Fels gehauene Weg ist stets mit einem Geländer gesichert. Unter uns umfliesst der Bach unzählige von dunkelgrünem Moos überdeckte Steinbrocken. Und selbst an den Wänden dominiert die Farbe Dunkelgrün: Der Fels ist mit Gräsern, Moos und Efeu überwachsen.

Am Ausgang der Twannbachschlucht: Der Blick öffnet sich auf das schmucke Dörfchen Twann und die lang gezogenen Weinberge am Ufer des Bielersees.
Am Ausgang der Twannbachschlucht: Der Blick öffnet sich auf das schmucke Dörfchen Twann und die lang gezogenen Weinberge am Ufer des Bielersees.

Obwohl jetzt die Sonne scheint, fällt leichter Nieselregen — feine Wassertropfen schweben leuchtend zum Schluchtboden. Schweigend geniessen wir die mystische Stimmung. Dann wird die Schlucht wieder weiter, das Tosen des Twannbachs zum sanften Rauschen, und bald passieren wir die Twannbachhöhle, die von fünf zum Teil sehr seltenen Fledermausarten bewohnt wird. Schliesslich treten wir aus dem Wald an die Sonne, vor uns der Bielersee mit der St. Petersinsel, in der Ferne die Gipfel der Gantrischkette, links unter uns das schmucke Dörfchen Twann mit den engen Gässchen und dahinter die lang gezogenen Weinberge. «Wie ist der Wein dieses Jahr?», fragt Bärlach den Twanner Dorfpolizisten Clenin. «Ein Glas Neuen möchte ich jetzt gerne trinken», fügt der Kommissär an. Dem haben wir nichts hinzuzufügen.

Bilder: Fabian Unternährer

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