06. Juni 2019

Auf der Jagd nach dem perfekten Augenblick

Ein wütender Elefantenbulle rennt auf ihn zu, eine Leopardin sitzt ihm im Nacken: Christoph Tänzer erlebt in Afrika brenzlige Situationen. Mit seinen eindrücklichen Bildern will der Fotograf dazu beitragen, bedrohte Tierarten zu retten.

Christoph Tänzer mit Erdmännchen auf dem Kopf
Warten gehört zum Job: Für ein gutes Bild sitzt Christoph Tänzer oft tagelang in der Wildnis.
Lesezeit 6 Minuten

Nein, ganz ungefährlich ist es nicht, was Christoph Tänzer (42) da macht. Schon zwei Mal war er mit erbosten Elefantenbullen konfrontiert: «Der eine war so gross wie ein Haus und stürmte frontal auf unser Auto zu. Wenn der sich nicht beruhigt hätte, wären wir erledigt gewesen, da hätte uns auch das Blech des Wagens nicht geholfen.» Am Ende jedoch stoppte der Elefant ab, umkreiste das Gefährt und verzog sich. Ein andermal war Tänzer abends im Camp, als sein Guide ihn darauf aufmerksam machte, dass hinter ihm eine Raubkatze sass. «Die Leopardin befand sich etwa zehn Meter entfernt auf einer Anhöhe und beobachtete uns.» Schliesslich passierte sie das Camp in gleichem Abstand und verschwand in der Dunkelheit. «Klar ist eine solche Begegnung auch etwas beängstigend, vor allem aber ist es fantastisch. Wir haben uns gefreut wie kleine Kinder.»

Ein unglamouröses Leben
Solche heiklen Momente sind selten. Tänzer weiss natürlich auch, wie man sich richtig verhält. «Man sollte nie aktiv auf ein wildes Tier zugehen, sondern warten, ob es sich von selbst nähert.» Und auf gar keinen Fall dürfe man davonrennen. «Ruhig stehen bleiben, auch wenn es noch so schwerfällt», sagt der St. Galler Wildtierfotograf und lacht. «Alles, was da draussen unterwegs ist, rennt schneller als du.»


Im Übrigen ist das Fotografenleben in Afrika nicht sonderlich glamourös. Tänzer ist oft tagelang in der Wildnis, muss mit Hitze, Kälte und Wetterkapriolen klarkommen, sich die Vorräte sorgsam einteilen und hoffen, dass er jenen raren Augenblick erwischt, in dem alles stimmt: das Tier, das Licht, die Situation, die Kamera. «Das braucht Geduld, Geduld und noch mehr Geduld – manchmal wartet man mehrere Tage, bis das perfekte Foto gelingt.» Und für einen einmonatigen Trip nach Botswana oder Uganda ist ein halbes Jahr Vorbereitung nötig. «Nur schon bis alle Bewilligungen und Dokumente organisiert sind, vergehen teils Monate.»

Es ist mir nicht leichtgefallen, mein sicheres Einkommen aufzugeben.


Christoph Tänzer kommt ursprünglich aus Niedersachsen; ein interessantes Jobangebot führte den Deutschen 2012 nach St. Gallen. Als Creative Director bei einer IT-Firma verdiente er gutes Geld bei hoher Jobsicherheit. Beides gab er 2017 auf, um in Afrika Raubkatzen, Flusspferde und Büffel zu fotografieren. «Natürlich habe ich lange mit mir gerungen, ob ich das wirklich tun soll. Es ist mir nicht leichtgefallen, mein sicheres Einkommen aufzugeben. Aber es ist wie bei jedem Start-up: Man weiss erst, ob es funktioniert, wenn man es versucht.» Und bis jetzt funktioniert es «ganz gut»: Tänzer verdient nun Geld mit dem Verkauf seiner Bilder – ab 2800 Franken sind diese erhältlich.

Schicksalhafte Begegnung
Tänzers Leidenschaft für die afrikanische Tierwelt begann bereits in der Kindheit, als er fasziniert Tierdokumentationen im deutschen Fernsehen verfolgte. Weil er aber genauso gerne zeichnete und malte, studierte er nicht Biologie oder Zoologie, sondern Malerei und Kunstgeschichte, später noch Animationsfilm. Fotografie kam dann eher nebenbei hinzu. Doch seine Kindheitsbegeisterung begleitete ihn weiter, und Geschäftsreisen nach Afrika erneuerten sein Interesse für den Kontinent. 2014 reiste er dann für einen ganzen Monat nach Uganda, allein. Er knüpfte Kontakte vor Ort, führte viele Gespräche, unterrichtete sogar einen Tag lang Zeichnen in einer lokalen Schule.

Und er besuchte ein Gebiet, in dem Gorillas leben. «Es dauerte eine Weile, bis die Guides eine Gruppe aufgespürt hatten. Aber kaum waren wir dort, stürmte ein 250 Kilo schwerer Silberrücken auf mich zu, blieb zwei Meter vor mir stehen und fing an zu posieren.» Tänzer war so erschrocken und überrascht, dass er es nicht mal schaffte, ein Foto zu machen. «Diese Begegnung hat mich tief beeindruckt und lange beschäftigt. Sie war es letztlich, die mich zu dem gebracht hat, was ich heute tue.»


Doch am Ende ist die Fotografie für ihn Mittel zum Zweck. «Natürlich ist es meine Leidenschaft, ich liebe es, da draussen zu sein und den richtigen Moment zu erwischen.» Aber letztlich geht es ihm darum, diese vom Aussterben bedrohten Tierarten zu erhalten. «Ich will die Menschen hier mit meinen Bildern berühren, in der Hoffnung, dass auch sie den Wert und die urtümliche, wilde Kraft und Schönheit dieser Tiere erkennen. Und ich möchte, dass auch meine Kinder noch Raubkatzen und Elefanten in freier Wildbahn erleben können.»

Tänzer will eine Stiftung gründen
Doch um dies zu erreichen, müsse man bei den Menschen vor Ort ansetzen. «Die Verhältnisse in Afrika sind komplex, aber letztlich werden wir diese Tiere nur retten können, wenn wir ihre menschlichen Nachbarn dafür gewinnen können.» Tänzer will sich deshalb auch für eine Verbesserung ihrer Lebensbedingungen einsetzen. «In Botswana funktioniert es schon ganz gut: Dort kurbelt das Interesse für die Tiere den Tourismus an, der Geld bringt und Jobs schafft.» Ihm schwebt eine Stiftung vor, die er unter anderem mithilfe seiner Fotografie aufbauen möchte und die vor allem Bildung und Ausbildung vor Ort unterstützen soll.

Natürlich sorgt sich meine Frau um mich, wenn ich mal wieder für ein paar Wochen im Busch stecke.

Sein nächstes Projekt wird dafür der Startschuss sein – ein Bildband von bedrohten Tierarten in Afrika, wissenschaftlich begleitet und mit grosser Kelle angerichtet. Derzeit arbeitet er an der Finanzierung, nächstes Jahr beginnt die Suche nach den idealen Locations. Inzwischen hat Afrika auch in seinem Privatleben Einzug gehalten. Auf einer Städtereise nach Prag hat er seine heutige Frau kennengelernt, eine Sambierin, die dort studiert hatte und schliesslich geblieben war. Mittlerweile wohnen die beiden in St. Gallen. «Sie unterstützt meine Arbeit, aber natürlich sorgt sie sich auch um mich, wenn ich mal wieder für ein paar Wochen im Busch stecke.» Doch selbst dort ist es zum Glück meist nicht weit bis zum nächsten Handynetz.

Einige Fotografien von Christoph Tänzer:

Löwenmännchen in der Maasai Mara, Kenia
Löwenmännchen in der Maasai Mara, Kenia (Bild: Christoph Tänzer)

«Ein steiler Hang führt von unserem Camp mitten ins Naturschutzgebiet Maasai Mara. Wenn das Licht der aufgehenden Sonne die Umgebung in ein fahles Orange-Gelb taucht und sich der Morgendunst lichtet, offenbart sich die unbeschreibliche Weite der Maasai Mara. Unser Blick schweift bis nach Tansania. Am Fuss des Hangs machen wir eine Gruppe Löwen aus. Ein junges Löwenmännchen bewegt sich mit seinen zwei Begleiterinnen gemächlich durch das Gras in die Ebene hinein. Nach einer Weile stoppt das Gespann, um die Umgebung zu beobachten. Das Männchen scheint dabei ganz bewusst für mich zu posieren.»

Gepard in der Maasai Mara, Kenia
Gepard in der Maasai Mara, Kenia (Bild: Christoph Tänzer)

«Einen Gepard im gleissend hellen Gras der Maasai Mara entdecken zu wollen, gleicht der berühmten Suche nach der Stecknadel im Heuhaufen. Durch die Guides, die sich untereinander per Funk verständigen, bekommen wir oft Hinweise. In diesem Fall haben wir das Tier durch Zufall entdeckt. Das Fell des Geparden reflektiert die Sonnenstrahlen und lässt das Tier eins werden mit der Natur. Grazil bewegt sich der Gepard durch die Mara. Nach mehreren Kilometern bleibt er auf einem kleinen Hügel sitzen. Eine Elefantenherde zieht in einiger Entfernung vorüber. Der Gepard thront weiterhin auf seinem Hügel, wie der Hüter seines Gebiets.»

Flusspferd mit Wasserpflanzen, Khwai, Botswana

Flusspferd mit Wasserpflanzen, Khwai, Botswana (Bild: Christoph Tänzer)

«Einige Stunden sind seit dem Morgen vergangen, und langsam erreicht die Sonne den Zenit. Am Ufer des Khwai River in Botswana verharren wir seit Sonnenaufgang und beobachten Nilpferde. Immer wieder tauchen die Kolosse geräuschvoll auf. Das Glück ist an diesem Tag auf unserer Seite, denn die Flusspferde sind sehr aktiv. Sie zeigen ihre Köpfe, öffnen ihre Mäuler und sind uns gegenüber eher neugierig als aggressiv. Ich folge einem der Tiere durch meinen Sucher, nachdem ich entdeckt habe, dass es Reste einer Wasserpflanze auf seiner Schnauze trägt. Ich will diese Szene unbedingt festhalten, obwohl die Beleuchtung zu dieser Tageszeit etwas schwierig ist. Für ein paar Sekunden steht das Tier still, und ich kann auf den Auslöser drücken.»

Leopardenweibchen in einem Baum, Botswana

Leopardenweibchen in einem Baum, Botswana (Bild: Christoph Tänzer)

«Der Beginn des Sommers und ein schwüler, wolkenverhangener Tag. Anfang November ist das keine Seltenheit in Botswana. Als wir am Morgen unsere erste Tour durch das Schutzgebiet fahren, hören wir plötzlich die Rufe von Hyänen. Kurz darauf schiesst eine junge Leopardin durch das hohe Gras an uns vorbei. Nachdem die Katze unter einem Baum Schutz gesucht hat, folgen zwei Hyänen, die jedoch auf Abstand bleiben. Die Leopardin bleibt eine Weile in ihrem Versteck, bis sie schliesslich mit einem gewaltigen Satz auf den Baum springt. Von ihrem hölzernen Balkon aus beobachtet sie uns genau.»

Info: christophtaenzer.com

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