13. September 2017

Auf Abwegen

Dank privater Initiative gibt es auch abseits der vielbesuchten Wanderwege einiges zu entdecken. In der Schweiz finden sich aufwendig gestaltete Pfad- und Wegprojekte – vom Atem-Weg bis zur Planetenschau.

Lisbeth Bloch  auf ihrem Atem-Weg
Stationen zum Innehalten: Lisbeth Bloch auf ihrem Atem-Weg.
Lesezeit 7 Minuten

Sich auf eine Bank setzen und innehalten. Durchatmen. So tief, dass der Bauch sich beim Einatmen wölbt und beim Ausatmen wieder senkt. Die Ruhe zwischen Aus- und Einatmen bewusst wahrnehmen, bis der nächste Zug von selbst kommt, wenn möglich durch die Nase. So geht richtiges Atmen.

In unserer schnelllebigen Zeit kommt das allerdings bei den meisten zu kurz. Wer nicht gerade Musiker ist oder Spitzensport betreibt, bemerkt oft nicht, dass er hektisch atmet. Dabei sei richtiges Atmen die erste Hilfe gegen Stress, weil es Kraft und Lebensfreude wecke, meint Lisbeth Bloch. Die 60-Jährige hat vor einigen Jahren einen Schicksalsschlag erlebt: Sie musste sich von ihrem Pferd verabschieden, das ihr viel bedeutet hatte. Da sei ihr Leben wie ein Kartenhaus zusammengefallen. «Ich stand still, auch im Geist», sagt sie. Sie habe gemerkt, dass ihr Leben nicht mehr stimmte, wollte etwas ändern. Aber was?

In die Gänge gekommen

Auf langen Spaziergängen kamen sie und ihre Gedanken allmählich wieder in die Gänge. Und damit auch die Idee, etwas Neues zu lernen. Im Internet entdeckte sie ein Inserat für eine Atemschule. Sie besuchte eine Schnupperlektion.

Lisbeth Bloch bei einer Atemübung
Bewusstes Atmen hat Lisbeth Bloch über eine Krise hinweggeholfen.

Bereits auf der Fahrt nach Hause spürte sie eine Veränderung – und begann schliesslich wenig später die dreijährige Ausbildung zur Atemtherapeutin nach Ilse Middendorf, Begründerin der Atemlehre. Demnach ist bewusstes Atmen nicht nur eine Funktion, sondern eine ganzheitliche Therapiemethode, weil der ganze Mensch – Körper, Geist und Seele – davon betroffen ist.

Das richtige Atmen erlernen

Die Frage war: Wie sollte sie den Menschen die Atemlehre zugänglich machen? Auch hier halfen ihr lange Spaziergänge im Safenwiler Wald. Denn genau auf diesem Rundgang befindet sich heute der erste «Atem-Weg» der Schweiz. Hier erhält die Lunge die volle Aufmerksamkeit, spielerische Experimente vermitteln bewusstes Atmen. «Die Kombination aus Natur, Ruhe, Bewegung und Atem spendet Kraft für das stressige Leben in der heutigen Gesellschaft.»

An zehn Orten finden sich Tafeln mit verschiedenen Atemübungen, Tipps für den Alltag und Wissenswertem rund ums Atmen. So können die Besucher die eigene Atemkraft entdecken. Zudem gibt es sorgfältig angelegte Aufgaben: ein Aufstieg durch den Wald, der das bewusste Atmen durch die Nase vermittelt, ein Kneippbad für erfrischte Füsse, Ringe, an denen man sich und die Seele baumeln lässt.

Lisbeth und Walter Bloch an den Ringen
Rückenentspannung an den Ringen: Lisbeth Bloch mit Ehemann Walter

Zwei- bis dreimal pro Woche macht Lisbeth Bloch zusammen mit ihrem Mann Walter (63) einen Kontrollgang und sorgt dafür, dass der Weg gepflegt ist und funktioniert. «Walti» sei auch sonst eine grosse Hilfe: Er hat die Umsetzung des AtemWegs gemeinsam mit einer siebenköpfigen Projektgruppe organisiert und ist Präsident des Vereins Atem-Weg. Dieser finanziert zusammen mit Sponsoren die langfristige Erhaltung des Projekts.

Besucher können den Weg allein begehen oder sich von Lisbeth führen lassen. Die Initiantin rät aber allen, sich Zeit zu nehmen: «Die Leute meinen oft, sie könnten am Abend nach der Arbeit ‹noch rasch› den Atemweg machen. Aber dann muss ich sagen: ‹Nein, hier geht nichts schnell.›» Um die Entschleunigung zu spüren, weg von Alltag und Leistung, brauche es Zeit. Und sie sei überzeugt, dass man bei bewusstem Begehen des Wegs ganz schnell abschalten könne. Das Beste sei, das Gleiche mit dem Handy zu tun. So könne man «einfach sein» und sich am besten auf die Übungen einlassen oder auf die zufälligen Begegnungen, die sich auf dem Atemweg ergeben: «Das war mein persönliches Ziel: einen Ort des Ausgleichs und der Begegnung zu schaffen.»

Pflanzen und Geschichten aus aller Welt

Um einen Ort der Begegnung geht es auch in einem Garten im Freiburgerland, den «pied total»: Über 3500 Pflanzen-, Baum-, und Pilzarten leben hier dicht an dicht. Als Fréderic Perritaz das abgelegene Bauernhaus vor 13 Jahren kaufte, gab es dort ein wildes Nichts, nur etwa 100 Pflanzenarten wucherten vor sich hin. Nach und nach sammelte der Weltenbummler Pflanzenarten aus über 90 Ländern und brachte sie mit nach Hause. Damit keine Art zu kurz kommt, hat er Mikroklimata errichtet. So sind innerhalb eines Meters Erde Temperaturunterschiede von zehn Grad möglich. Hier wachsen auch Pflanzen, die sonst nur oberhalb von 2000 Höhenmetern vorkommen. Das Wissen dazu hat sich der gelernte Forstwartvorarbeiter über die Jahre angeeignet, «in der Ausbildung zum Forstwart kommen natürlich nicht alle diese Pflanzenarten vor», sagt der 52-Jährige.

Fréderic Perritaz in seinem «pied total»-Garten
Fréderic Perritaz watet durch den Bach in seinem verwunschenen Garten.

Nach und nach errichtete er in seinem Paradies Pfade, Skulpturen und Teiche, die zusammen mit den Pflanzen eine märchenhafte Landschaft bilden. Er integrierte den nahen Fluss Glane und baute eine magische Höhle. Nebenbei errichtete er Baumbiwaks für Gäste: über dem Fluss aufgehängte Zelte zwischen Baumkronen und Tannzapfen. Die Gäste seien immer wieder interessiert in seinen Garten gekommen – erst dadurch habe er das Potenzial seines Paradieses entdeckt. Er wollte den Menschen die Pflanzen erklären, dabei aber nicht wie ein langweiliger Lehrer daherkommen. Auch hier griff er auf sein Wissen zurück und notierte sich Geschichten von seinen Reisen um die Welt. «Da hören die Leute immer zu.»

Der Rundgang beginnt mühsam: «Bei einer grossen Reise muss man zuerst oft ein Visum beantragen. Das nervt. Wie der Kieselweg, den ihr jetzt barfuss meistern müsst», trägt Perritaz auf. Die Besucher entledigen sich ihrer Schuhe und unternehmen langsame, vorsichtige Schritte über die Kiesel.

Auf dem Rundgang der Sinne

Und warum barfuss? «Weil die Menschen dadurch viel sanfter werden. Mit Schuhen treten sie auf die Pflanzen, die Kinder stossen sich, verlassen die Wege. Sobald sie barfuss sind, achten die Menschen viel stärker auf den Untergrund und sehen ihre Umgebung anders.» Oftmals hätten Besucher am Anfang Angst, barfuss zu gehen. «Doch am Ende vergessen sie dann ihre Schuhe und steigen sogar barfuss ins Auto. Das ist doch herrlich», sagt Perritaz lachend.

Der «pied total»-Garten ist nach Ländern angelegt.
Perritaz’ Gartenrundgang führt von einem Land ins nächste.

Nach dem steinigen Weg geht es nach Afrika, in den Insektengarten. Dann weiter zu den Pflanzen mit den unterschiedlichsten Düften: Die einen riechen wie Kaugummi oder Balsamico-Essig, die anderen nach Erdbeere, neuem Auto oder sogar Erbrochenem von Babys. Jeder neue Duft ist eine Überraschung, aber auch ein Wagnis. Als Nächstes waten die Besucher durch den Fluss, um in den USA und in einen Hexengarten zu gelangen – immer begleitet von ­einer wundersamen Reisegeschichte aus Perritaz’ Fundus. 

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