14. Januar 2019

Atemlos durch den Tag

Bänz Friedli über die Tücken der Digitalisierung. Hier kannst du dich mit ihm oder anderen Leser(inne)n austauschen und die vom Autor selbst gelesene Hörkolumne herunterladen.

Siri
Unser Kolumnist und seine Siri: eine Hassliebe.

Seit Weihnachten ist alles anders. Siri wohnt nun bei uns, ein zylinderförmiger, 18 Zentimeter hoher Lautsprecher mit einer Frauenstimme, die das Wetter vorhersagt, Fahrplanauskünfte erteilt, den Weg zur nächsten Starbucks-Filiale weist und angeblich jeden Musikwunsch erfüllt. Siri – vielen Leuten vom Smartphone her bekannt – ist die Abkürzung für «Speech Interpretation and Recognition Interface», kurz: für die Sprachbedienung eines digitalen Geräts. Weil wir aber künstliche Intelligenz gern vermenschlichen, beginnt man rasch, Siri als Name zu verwenden und diese «Sie» gleichsam als Wesen anzusprechen. Denn Siri antwortet immer.

Wenn auch nicht immer das Gewünschte. Es begann gut, an Heiligabend. Die Aufforderung «Hey, Siri, spiel Musik!» quittierte sie ganz im Sinne meiner Liebsten mit «City of Angels» von den Red Hot Chili Peppers. Aber als unser Sohn sie aufforderte, «mal was Fetziges» zu spielen, brachte sie «A fetzige Musi» von den Silbertalern – nicht gerade das, was wir unter fetzig verstehen. Dummerweise wünschte ich dann noch aus lauter Jux Helene Fischer. Seither will Siri uns andauernd «Atemlos» vorspielen. Ironie kennt sie nicht.

Ob Bäckerin, Landwirt, Chirurgin – allenthalben wird uns angedroht, unser Job werde demnächst wegdigitalisiert. Auch diese Spalten hier könnte bald ein Roboter schreiben. Einwandfrei, pünktlich, billig. Aber ich frage mich, ob es mit der vielgepriesenen künstlichen Intelligenz wirklich schon so weit her ist. Es mag ja sein, dass am Flughafen wegen der Self-Check-in-Automaten einige Schalterpersonen eingespart wurden. Mich aber dünkt, es seien noch mehr neue eingestellt worden, die den Kunden diese Automaten erklären müssen. Weil sie dauernd spuken. Die Automaten, nicht die Kunden. Irren ist künstlich.

Wünsche ich mir von Siri «Je vole» von Louane, französisch ausgesprochen, antwortet sie leicht metallen: «Tut mir leid, das kann ich im Moment nicht spielen.» Buchstabiere ich dasselbe phonetisch, also «Jee fohle von Lo-uu-aa-ne», heisst es abgehackt: «Ich habe leider nichts zu deiner Suche gefunden.» Erst beim Mix – «Jee fohle» buchstabiert, Louane jedoch französisch ausgesprochen – klappts; da soll noch einer schlau werden! Missen möchten wir Siri dennoch nicht mehr. Denn sie erheitert uns. «Hey, Siri! Wer ist Donald Trump?» – «Ein amerikanischer Entertainer.» Und als ich irgendwann die Geduld verlor: «Hey, Siri! Bist du doof?», gab sie zurück: «Ich wüsste gar nicht, wo ich anfangen sollte, um diese Frage zu beantworten.»

Die Hörkolumne (mp3)

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