17. Mai 2019

Artenschwund – wie sich die Menschheit selber ausrottet

Cristiana Pașca Palmer ist Uno-Beauftragte für Biodiversität. Im Interview spricht sie über Emmanuel Macron, Greta Thunberg und andere Hoffnungsschimmer. Und: die Infografik zu den bedrohten und ausgestorbenen Arten (unten)

Abgeholzte Flächen neben unberührtem Regenwald in Brasilien. Auf den neuen Äckern werden Sojabohnen angepflanzt und als Tierfutter in die ganze Welt exportiert.
Abgeholzte Flächen neben unberührtem Regenwald in Brasilien. Auf den neuen Äckern werden Sojabohnen angepflanzt und als Tierfutter in die ganze Welt exportiert.

Wenn Biodiversität so wichtig ist, hätte man nicht einen weniger sperrigen Begriff finden können?
Cristiana Paşca Palmer: Er ist tatsächlich etwas abstrakt. Zudem glauben viele, es gehe vor allem um Nationalparks und den Schutz von Elefanten und Walen. Sie verkennen, welche Gefahr vom Verlust kleiner Arten für das Überleben auf der Erde ausgeht. Deshalb spreche ich von einem lautlosen Killer.

Die Situation ist also dramatisch. Wie wollen Sie den Menschen diese Dringlichkeit verständlicher machen?
Ein Ziel der Uno-Konvention für biologische Vielfalt besteht genau darin, die Wahrnehmung zu verändern. Die Öffentlichkeit soll dafür sensibilisiert werden, dass Biodiversität nicht nur die Wissenschaft und einige Umweltaktivisten angeht. Artenvielfalt bildet die Infrastruktur, die das Leben auf der Erde überhaupt erst ermöglicht. Sie ist untrennbar mit unserer eigenen Existenz verbunden. Wir sind Teil der Natur, auch wenn wir ganz oben in der Nahrungskette stehen.

Das ist immer noch abstrakt.
Es gibt hier zwei sehr zugängliche Themenfelder: Nahrung und Gesundheit. Dass sich der Verlust von Bestäuberinsekten auf die landwirtschaftliche Produktion und die Ernährungssicherheit auswirkt, verstehen alle. Das Fleisch, der Fisch und das Gemüse auf unserem Tisch stammen aus gesunden Ökosystemen. Dasselbe gilt für das Wasser, das wir trinken, sowie für die Luft, die wir atmen. All das gerät in Gefahr.

Und die Gesundheit?
Es gibt Anzeichen, dass grosse Seuchenausbrüche wie Ebola mit der Abholzung der Wälder zu tun haben. Es gibt Spezies, die Allergien auslösen. Es geht nicht nur um die Natur da draussen, sondern um uns selbst.

Was kann der Einzelne zum Erhalt der Biodiversität beitragen?
Vorsicht bei Nahrung und auch Kleidung. Ist etwas aus exotischen Materialien hergestellt, sollte man es sich zwei Mal überlegen, bevor man zugreift. Bei Aufenthalten in exotischen Ländern auf den Kauf von Produkten aus Wildtierleder oder gar Elfenbein verzichten. Den eigenen Fleischverzehr hinterfragen, weil grosse Waldgebiete für den Anbau von Sojabohnen gerodet werden, die als Tierfutter dienen. Es gibt viele Dinge, die man tun kann, gerade als Konsument. Die Schweiz ist führend in der biologischen Landwirtschaft, weil dort offenbar viele Menschen diese Produkte wollen.

Wie optimistisch sind Sie, dass mehr Menschen ihr Verhalten ändern?
Als ich vor 25 Jahren Systemökologie studierte, verstand kaum jemand, wie ich mich für so etwas interessieren kann. Mittlerweile wird die Problematik in Debatten und an Orten behandelt, wo sie früher keine Rolle gespielt hat – etwa beim WEF in Davos. Dort war die Natur in diesem Jahr ein grosses Thema.

Tun die Politiker Ihrer Meinung nach genug?
Der französische Präsident Emmanuel Macron hat das Thema Biodiversität auf die Agenda des G7-Gipfels gesetzt. Dass ein Staatschef die Dringlichkeit erkennt, ist ein wichtiges Signal. Wir hoffen, dass weitere Führungspersönlichkeiten diesem Beispiel folgen. Letztlich brauchen wir aber ganzheitliche Ansätze. Nicht nur der Umweltminister, sondern auch der Finanzminister muss Biodiversität in seine Entscheide einbeziehen.

Was halten Sie von den europaweiten Umweltprotesten der Jugend?
Was Greta Thunberg und andere mit ihren Aktionen erreicht haben, ist absolut überwältigend und inspirierend. Dennoch müssen wir realistisch sein. Das Zeitfenster, in dem wir noch handeln können, schliesst sich schnell.

Wie schnell?
Das weiss niemand mit Sicherheit, da wir nicht bis ins letzte Detail verstehen, wie diese Systeme funktionieren. Die Datenmodelle legen aber nahe, dass wir mit umfassenden Massnahmen das Tempo des Verlusts der Biodiversität bis 2030 drosseln können. Menschen sind kreativ. Wenn wir wollen, finden wir Lösungen. Wir müssen aber die Dringlichkeit der Bedrohung erkennen. Andernfalls werden wir die erste Spezies sein, die Zeuge ihrer eigenen Ausrottung wird. 

DIE INFOGRAFIK
Wie viele Arten sind bereits ausgestorben, wie viele Lebensräume sind bedroht?

Die Infografik als JPG-Datei (1680x1050 px, 1.4 MB)

Benutzer-Kommentare

Verwandte Artikel

Der Migros-Golfplatz Moossee in Münchenbuchsee BE umfasst 330 000 Quadratmetern naturnahe Fläche.

Blütenmeer in der Industriezone

Kevin Richardson und sein Löwe Vayetse

Der Löwenflüsterer

Informationen zum Author

Glühwürmchen im Wald

Bedrohte Insektenwelt

Christoph Tänzer mit Erdmännchen auf dem Kopf

Auf der Jagd nach dem perfekten Augenblick