15. April 2018

Arm und reich mit Rente

Was, wenn ein Monatsbudget von 2460 Franken reichen muss? Und was, wenn Geld keine Rolle spielt? Eine Rentnerin am Rand des Existenzminimums und ein Pensionär in einer noblen Altersresidenz erzählen.

Altersarmut

Name: FRANZISKA MUSTER (71, Name der Red. bekannt)

«Ich hatte viel Pech im Leben: Als Säugling erkrankte ich an Kinderlähmung, seither ziehe ich das Bein etwas nach. Während ich im Spital war, verliess meine Mutter die Familie. Meine Schwester kam zu den Grosseltern, mein Bruder zu einem Bauern und ich in eine Pflegefamilie. Misshandelt wurde ich zum Glück nicht, aber es fehlte mir an Liebe und Nestwärme. Ich konnte eine Lehre als Verkäuferin machen und heiratete 1966 einen Aussendienstmitarbeiter im Schuhhandel.

Franziska Muster in der Wohnung

Es hätte alles gut kommen können. Aber als unsere beiden Töchter fünf und sechs Jahre alt waren, schlug das Schicksal erneut zu: Mein Mann verstarb mit erst 34 Jahren an den Folgen eines Autounfalls. Ich lernte nach einigen Jahren einen neuen Partner kennen und bekam mit ihm eine weitere Tochter. Wir heirateten nicht, kauften aber gemeinsam ein Haus. Leider hatte er ein Alkoholproblem. In regelmässigen Abständen flatterten Betreibungen ins Haus.

Dann liess er mich von einem Tag auf den anderen sitzen – nachdem er mein Konto geplündert hatte. Ich steckte mein Pensionskassengeld ins Haus, um es halten zu können. Für Renovationen hatte ich nie ein Budget, und als ich die Immobilie 2012 verkaufte, konnte ich mit dem Erlös knapp die Hypothek begleichen. Zum Glück fand ich eine relativ günstige Wohnung. An kalten Wintertagen bilden sich Eisblumen an den Fenstern.

Ich erhalte pro Monat 2350 Franken AHV. Dazu kommen 110 Franken Ergänzungsleistungen. Ich muss jeden Rappen umdrehen, um mit diesem Budget über die Runden zu kommen. Mein Gesuch um Steuererlass ist leider abgelehnt worden.

Nicht zahlen kommt für mich nicht infrage. Ich möchte keine Schulden machen. Und ich will auch nicht, dass meine Kinder mich unterstützen – ist mir doch einzig der Stolz geblieben, dass ich ihnen trotz aller Schwierigkeiten eine gute Mutter sein konnte. Ich will ihnen nicht zur Last fallen. Sie müssen schon dafür sorgen, dass es für sie selbst reicht. Und als Grossmutter wäre es doch eigentlich meine Pflicht, ihnen hin und wieder etwas für die vier Enkel zuzustecken – und nicht umgekehrt.»

Wohnort: im Berner Seeland
Beruf: ehemalige Verkäuferin
Monatsbudget: 2460 Franken
Monatsmiete: 900 Franken
Grösster Luxus: «Mit Freunden im Restaurant essen. Oft reicht es nicht. Dann sage ich, ich hätte keine Zeit.»
Grösste Sorge: «Die jährliche Steuerrechnung von rund 3000 Franken»
Grösste Freude: «Die Ausflüge mit den SBB, die dank der Unterstützung durch Pro Senectute möglich sind. So komme ich ab und zu unter die Leute.»

Altersreichtum

Name: MAX SCHERLER (85)

«Ich bin keiner, dem einfach alles in den Schoss gefallen ist. Zwar lebe ich heute im Wohlstand, aber das Schicksal hat mich früh geprüft. Als ich zwei Jahre alt war, starb mein Vater. Ohne ihn aufzuwachsen, war nicht einfach. Zum Glück verfügte meine Mutter als Fabrikantentochter über ein gewisses Vermögen und konnte mir und meinem älteren Bruder eine gute Ausbildung ermöglichen. Mein Bruder wurde Chemiker, und ich wollte nach dem Handelsgymnasium unbedingt möglichst schnell Geld verdienen.

Ich heuerte bei einem international tätigen Kunstverlag an, weil mich das Ausland reizte. Mit dem ersten Salär kaufte ich meiner Mutter einen Kühlschrank. Der Verlag war auf Reproduktionen spezialisiert: Unsere Bilder waren vor allem bei grossen Rahmenfabrikanten und bei US-amerikanischen Hotelketten beliebt. Als Mitarbeiter im Aussendienst war ich in der ganzen Welt unterwegs. Ich habe nicht nur die Kunden beraten, sondern auch mit den Künstlern verhandelt.

Max Scherler in seiner Wohnung

Chagall, Kandinsky und Miró: Ich kannte sie alle persönlich. Im Alter von 35 Jahren konnte ich mich als Partner in den Kunstverlag einkaufen. Ein Haus besass ich nie, dafür eine Firma, die ich im Alter von 65 Jahren veräusserte. Meine Kinder habe ich finanziell unterstützt, als sie es noch brauchten. Heute verdienen beide genug, ich muss nicht für sie sparen: Mein älterer Sohn ist Chirurg, der jüngere Anwalt.

Meine inzwischen verstorbene Frau war in ihren letzten Lebensjahren gehbehindert. Darum zogen wir 2015 gemeinsam in diese Altersresidenz, in eine Dreieinhalbzimmerwohnung mit rund 140 Quadratmetern. Wir konnten praktisch alle unsere Möbel mitnehmen. Und ganz wichtig: Wir konnten im Quartier bleiben, in dem wir schon immer gelebt hatten.

Das Leben hier ist wie im Hotel. Täglich kann ich einen Viergänger aus vier verschiedenen Menüs auswählen. Es gibt einen Fitnessraum und einen Swimmingpool. Auch die Angestellten sind top: Viele haben zuvor in der Hotellerie gearbeitet und behandeln mich wirklich wie einen Gast.

Ich beanspruche keine Pflege, aber es ist gut zu wissen, dass notfalls jemand da wäre. Schön ist auch, dass meine Freunde und Enkel mich gern besuchen, weil hier eben keine triste Altersheimstimmung herrscht. Und falls ich doch mal weg will, habe ich noch mein Auto in der Tiefgarage stehen, gleich neben dem Lift.»

Wohnort: Zürich Witikon
Beruf: ehemaliger Kunstverleger
Monatsbudget: «Ich muss nicht rechnen, und das Geld reicht bestimmt, bis ich 100 bin.»
Monatsmiete: 10'300 Franken
Grösster Luxus: «Das Abo für die Tonhalle und die Oper»
Grösste Sorge: «Krank und bettlägerig zu werden»
Grösste Freude: «Wenn meine Enkel zum Essen kommen» 

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