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06. März 2017

Zwischen Kind und Karriere

Familie Spiess aus Bassersdorf ZH lebt das klassische Familienmodell: Während Patrik (41) mit einem Hundert-Prozent-Pensum als IT-Spezialist bei der Migros arbeitet, kümmert sich Daniela (40) als Vollzeitmami um die Töchter Nina (9) und Kim (11). Zu sehen ist die Familie am Donnerstagabend in der SRF-«Dok» «Zwischen Kind und Karriere».

Familie Spiess lebt das klassische Familienmodell.
Hausfrau Daniela Spiess (l.) kümmert sich um die beiden Töchter Kim und Nina, während Vater Patrik den Familieunterhalt verdient (Bild: SRF).

Patrik Spiess, während Sie, etwas salopp gesagt, das Geld hereinholen, besorgt Ihre Frau Daniela Kinder und Haushalt. Hat sich das so ergeben, oder war das ein bewusster Entscheid?

Mit Danielas Schwangerschaft haben wir uns tatsächlich sehr bewusst überlegt, wie wir unser künftiges Familienleben handhaben wollen. Wir hatten beide einen guten Job – Daniela ist gelernte Bankfachfrau – in leitender Position. Ich habe mir damals sehr genau überlegt, ob ich es mir vorstellen könnte, mich als Hausmann zu hundert Prozent um die Kinder zu kümmern, während Daniela arbeiten geht …

Und, hätten Sie?

Ja, und das kann ich auch heute noch. Es war dann aber so, dass bei Daniela mit fortlaufender Schwangerschaft sozusagen der Mutterinstinkt überhand genommen hat (lacht). Plötzlich konnte sie es sich nicht mehr vorstellen, ihr Baby aus der Hand zu geben. Und als wir dann auch noch realisierten, wie umständlich es geworden wäre mit Milch abpumpen und nachts Aufstehen und am nächsten Morgen trotzdem pünktlich zur Arbeit zu gehen, war für uns beide klar, dass ich der bin, der geht, und sie die, die bleibt. Ganz traditionell, aber zum damaligen Zeitpunkt für alle Beteiligten am einfachsten.

Sie sagen im «Dok»-Film, Sie fänden es unfair, Kinder zu bekommen, nur um sie anschliessend fremdbetreuen zu lassen. Sie hätten sich ja beide auch eine Teilzeitstelle suchen können.

Wir hatten das Glück, dass Daniela in den ersten zwei Jahren nach der Geburt unserer ersten Tochter Kim immer mal wieder tageweise bei ihrem alten Arbeitgeber einspringen konnte. Das war so weit vorausplanbar, dass wir uns familienintern organisieren konnten. Mit der Geburt von Nina wollte sie dann ganz zu Hause bleiben. Was wir uns glücklicherweise leisten konnten und können.

Sie selber hätten aber auch reduzieren können …

Ich habe mir gerade wegen der Kinder eine neue Stelle gesucht. Bevor ich als IT-Spezialist zum Migros-Genossenschafts-Bund wechselte, war ich schweizweit im Aussendienst tätig, mit entsprechend langen Absenzen: Es kam vor, dass ich meine Familie tagelang nicht sah. Heute habe ich mehr oder weniger einen Nine-to-five-Job und bin entsprechend zu Hause präsent. Was ja nur fair ist.

Die Migros fördert Teilzeitmodelle. Inwieweit kommt Ihnen das entgegen?

Ich habe damals gleich beim Bewerbungsgespräch gesagt, dass ich mittelfristig auf 80 Prozent reduzieren möchte, was sehr gut aufgenommen wurde. Momentan profitiere ich vor allem von unseren flexiblen Arbeitszeiten. Mit der Jahresarbeitszeit kann ich problemlos auch mal unter der Woche mit meinen Mädchen in den Zoo oder zum Besuchsmorgen in der Schule. Dafür arbeite ich bei grösseren Projekten auch am Wochenende oder bis weit in den Feierabend hinein. Übers Ganze gesehen, habe ich heute sehr viel mehr Familienzeit als noch im alten Job. Und kann daher jetzt sogar als Präsident des Bassersdorfer Turnverein amten, was früher nicht möglich gewesen wäre.

Trotzdem: Mit Ihrem Hundert-Prozent-Pensum konnten Sie die Entwicklung Ihrer Kinder nicht so eng verfolgen wie Ihre Frau. Bereuen Sie das nicht manchmal?

Für meine Frau, meine Familie hats gestimmt und, wie gesagt, bin ich mit meiner Arbeitszeiteinteilung recht flexibel.

40 Prozent der Ehen werden geschieden, Ihre Frau ist unterdessen seit neun Jahren weg vom Job: ein Thema im Hause Spiess?

Natürlich, Daniela ist nicht umsonst Bankfachfrau (lacht). Nach der Geburt von Kim hat sie sich immer wieder gefragt, wie lange sie pausieren kann, ohne den Anschluss zu verpassen respektive für den Arbeitsmarkt unattraktiv zu werden. Sie hat deshalb auch noch eine Ausbildung als Visagistin gemacht. Lustigerweise ist es bis heute so, dass sie von zwei Banken regelmässig die Anfrage erhält, ob sie nicht doch wieder in ihren Job zurückkehren wolle. Ein super Privileg: Wir leben unser jetziges Familienmodell in dem Wissen, dass wir jederzeit und relativ problemlos umsatteln könnten. Schoggi für alle sozusagen!

Welches Modell Eltern auch wählen: Sie müssen sich meist dafür rechtfertigen. Wie hat Ihr Umfeld auf Ihre Arbeitsteilung reagiert?

Mein Umfeld überhaupt nicht, aber ich bin ja auch der Mann, da wird ja schon fast erwartet, dass ich arbeite (lacht). Daniela hingegen ist im Dorf immer mal wieder gefragt worden: «Ja, schaffst du denn gar nicht?». Meist von Teilzeitfrauen, die sich gar nicht vorstellen konnten, «nur» zu Hause zu sein. Aber belastet hat sie das nicht, dazu hat sie zu viel Rückgrat. Die Kinder sagen mir aber schon ab und zu, ich arbeite zu viel. Ich antworte dann jeweils: «Klar, Ihr wollt ja auch in die Ferien fahren können.» Die Teilnahme an der «Dok»-Sendung hat familienintern aber schon einiges an Reflexionen ausgelöst. Wir sind uns aber alle einig: Momentan ist es tipptopp, wie es ist.

Wie kam es überhaupt zu Ihrer Teilnahme an der «Dok»-Sendung?

Ein Kollege von Daniela hatte uns davon erzählt. Und als dann das Schweizer Fernsehen auf Facebook einen Aufruf lanciert hat, haben wir uns beworben. Lange haben wir nichts gehört, doch dann gings Knall auf Fall.

Und Ihre beiden Töchter?

Die fandens super. Sie dürfen ja ab und zu eine «Dok»-Sendung schauen, vor allem wenn es um Tierli geht. Jetzt plötzlich selber gefilmt zu werden, war dann aber schon etwas sehr Besonderes.

Gedreht wurde unter anderem auch in Ihrem Büro am Zürcher Limmatplatz. Wie war das?

Der Kameratag bei uns im Büro war toll. Ich habe, in Absprache mit meinem Chef, einen Anschlag gemacht, damit meine direkten Kollegen informiert sind. Sie haben das alle sehr positiv aufgenommen, und die Stimmung war immer gut. Und bereits jetzt habe ich schon einige positive Feedbacks erhalten. Wir sind alle gespannt auf die Ausstrahlung.

Sie haben die Sendung noch nicht gesehen?

Nein, man hat uns aber unsere Aussagen am Telefon vorgespielt. Wir werden uns das Ganze am Donnerstag alle zusammen in unserem traditionellen Familienrahmen ansehen.

Die «Dok»-Sendung «Zwischen Kind und Karriere» wird am Donnerstag, 9. März 2017, um 20.05 Uhr auf SRF 1 ausgestrahlt.

Autor: Almut Berger