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02. Dezember 2013

Zwischen den Fronten

Eltern haben es in oder nach einer Trennung vom Partner speziell schwer: Distanz tut Not, doch für die Kinder bleiben beide gemeinsam verantwortlich. Worauf sollten Eltern achten? Die Tipps für eine kindgerechte Umgebung und wenig Scherereien.

In Scheidungs- oder Trennungsfällen benötigen alle zuerst einmal Distanz vom oder von der Ex. Dem Wunsch nach Abgrenzung, bisweilen vielleicht gar ein wenig Abrechnung steht aber das Kindswohl und die Interessen des Nachwuchses entgegen. Und der braucht eine stabile und geregelte Beziehung zu Mutter und Vater.
Worauf sollten Eltern bei und nach der Trennung zuallererst achten?

Stehen am Ende einer langjährigen Ehe oder Beziehung mit Kindern nicht gleich Kampfscheidung und unüberbrückbaren Positionen ums Sorgerecht, dürften beide Ex-Partner an der Erziehung beteiligt bleiben. Damit das halbwegs gut geht, sollten sie sich auf wichtige Punkte im Umgang miteinander und mit den Kleinen einigen und Rache- oder Ruhebedürfnisse hintenan stellen.

Natürlich unterscheiden sich Verhaltenstipps und Ratschläge an getrennte Eltern stark, je nach Art der Beziehung und Trennung. Bei gravierenden Streitpunkten oder grosser Unsicherheit nach dem Zerwürfnis dürfte sich der Gang zur Familienberatung oder dem Psychologen lohnen. Schliesslich hat man dank Nachwuchs noch Jahre miteinander zu tun.
Der Mehrheit ehemaliger Paare, die mehr oder weniger im 'Frieden' auseinandergehen und die Verantwortung für die Kinder gemeinsam tragen, hilft aber oft bereits die Beachtung folgender Regeln etwas weiter:
1. Die Zukunft planen und besprechen. Hat man sich bei oder nach der Trennung nicht heftigst verkracht (und damit juristisch das gemeinsame Sorgerecht verunmöglicht), muss offen über die Zukunft des Kindes gesprochen werden. Wer trägt wie viel Verantwortung bei der Erziehung, ändert sich etwas am Anteil der Erwerbsarbeit von Mutter und/oder Vater? Braucht es den Einsatz von Krippen, Grosseltern u.ä.? Wo wird das Kind den Grossteil der Woche wohnen, wie weit ist der Ex-Partner entfernt und wann respektive wie schnell im Notfall verfügbar?
Tipp: Meistens fallen Diskussionen zu zweit gerade nach der Trennung schwer, weil noch viel unverarbeitete Gefühle da sind oder das Scheitern der Beziehung über allem andern steht. Bloss sollte man ja nicht zu lange warten, um die ersten nötigen Gespräche über die Zukunft und die Perspektive des Kindes zu führen. Dieses und mit der Zeit auch Sie selbst leiden sonst bald darunter. Wenn irgend möglich (und sofern nichts Ausserordentliches wie Gewalt, Vernachlässigung oder Missbrauch vorgefallen ist) ist dem Kind nur gedient, wenn es beide Elternteile regelmässig sehen kann. Und wenn beide an seiner Entwicklung aktiv teilhaben, die (auch räumliche) Distanz nicht zu gross ist und sich die Eltern wenigstens in Bezug aufs Kind verstehen und austauschen.
2. Zuständigkeiten und Aufgaben verteilen. Danach geht es schon bald um die genaue Organisation von Besuchszeiten, Übergaben, aber auch um viele andere «Details». Wer bringt die Kleinen in die Krippe oder den Kindergarten, geht an Elternabende, ist tagsüber fürs Kind (wenn es in der Schule ist) erreichbar, oder wie (früh) werden Ferien geplant?
Tipp: Wenige Eltern handhaben es erfolgreich und ohne gelegentlich heftige Streitigkeiten so locker, dass kaum Regeln und Pläne aufgestellt oder eben festgeschrieben werden müssen. Für die meisten lohnt sich zu Beginn die eine oder andere gründliche Besprechung; mindestens halb- oder jährlich braucht es sie auch später, selbst wenn das meistens am Telefon über die Bühne gehen kann.
3. Keine Kommunikation über die Kinder. Wahrscheinlich geschieht es selbst zusammenlebenden Paaren, dass die/der eine etwas zum Kind sagt, dass eigentlich direkt an den Partner gerichtet wäre. Man redet dann (oft auf distanzierte, bestenfalls liebevoll ironische Art) über das Kind zur abwesenden Person, die sich nicht wehren kann. Bloss kann bei getrennten Elternteilen das Ganze später mit Mutter und Vater nicht angesprochen oder spielerisch erklärt werden. Es bleibt im Raum stehen, und mit der Zeit belastet das Kind dieser Ballast, der bei ihm ungewollt angehäuft wird, stark. Es erkennt nicht, dass es mitunter als Ventil von Enttäuschung und Wut über die/den Ex dient, und dass das Ganze mit ihm nur am Rande zu tun hat.
Tipp: Machen Sie nicht nur nie den/die Ex beim Nachwuchs schlecht, sprechen Sie über die Familie, das frühere Zusammenleben und Probleme mit dem ehemaligen Partner überhaupt nur bei Fragen und Interesse des Kindes mit diesem. Und dann altersgerecht und in der Absicht, zu erklären, nicht etwas loszuwerden oder Ihre Beziehung zum Kind auf Kosten des andern zu verbessern. Sind Sie wirklich wütend, versuchen Sie die Wut etwas hinauszuzögern und später direkt bei der Zielperson abzuladen – wenn das Kind nicht zuhört.
4. Ehrlich sein statt schönreden. Es gibt auch die gegenteilige Gefahr. Viele Eltern versuchen den (bedauernden) Kindern nach der Trennung weiszumachen, es habe nur den einen oder anderen praktischen Grund für das Auseinanderfallen seiner Kernfamilie gegeben. Letztlich sei aber Trotz der Kontrolle schlechter Gefühle (siehe oben) noch immer alles in Ordnung, alle hätten sich (nicht nur das Kind) lieb. Das ist in den meisten Fällen Blödsinn, und der springende Punkt ist: Der Nachwuchs spürt das auch und hat meist schon etliche Anzeichen dafür wahrgenommen.
Tipp: Bloss wenn das Kind nach dem Warum der Veränderungen und der Trennung fragt, sollte man ohne Schuldzuweisungen ehrlich erklären können, dass – oder in Ansätzen weshalb – man sich auseinandergelebt hat. Im besten Fall hat man sich sogar mit der/dem Ex einmal ausgetauscht, in welche Richtung die Erklärung gehen kann. Das Kind soll sie verstehen können und sie sollte den Respekt vor beiden Elternteilen wahren.
5. Leicht anderen Erziehungsstil akzeptieren. Wie die Punkte 1. und 2. nahelegen, gilt es zwischen Mutter und Vater eine tragfähige Grundlage für die künftige Erziehung zu legen. In der Regel genügt es bereits, Eckpunkte des früheren Erziehungsstils in Grundzügen weiterzuführen. Daran sollte sich auch später nicht zu viel verändern, selbst wenn neue «Mitbewohner» ins Spiel kommen sollten.
Allerdings ergeben sich mit der Zeit immer Abweichungen bei den Details der Erziehung. Tochter oder Sohn dürfen an einem Ort eine Stunde länger weg oder fernsehen usw. Werden die Unterschiede nicht allzu gross, heisst es hier, so schwer es manchmal fällt, ruhig zu bleiben.
Tipp: Die Unterschiede aushalten, jedoch in den eigenen vier Wänden darauf pochen, dass die Regeln eingehalten werden. Kinder können ab einem bestimmten Alter durchaus mit zwei leicht unterschiedlichen Universen umgehen und diese nebeneinander gelten lassen. Oft gereicht diese Erfahrung später übrigens gar zum Vorteil.
6. Neue Partner nie als Konkurrenz einsetzen. Oft sorgt die Ankunft einer neuen erwachsenen Person im nahen Kinds-Umfeld für Unruhe. Klar wird auch Papas neue Freundin oder Mamas Freund bald zur wichtigen Bezugsperson – aber sicher nie zu einem Ersatz oder Platzhalter für den biologischen Elternteil. Auch wenn man sich insgeheim wohl denkt, dass nun eine Familie wieder komplettiert wird (vielleicht hat ja die/der neue Partner auch Kinder und entsprechende Erfahrungen), sollte man eines nie tun: Die neue Person in die starkem Druck ausgesetzte Rolle von (Zweit-)Mutter oder Vater pressen und vom Kind verlangen, diese neue Rolle zu akzeptieren.
Tipp: Zwischen dem eigenen Kind und dem neuen Partner soll Schritt für Schritt eine Freundschaft etabliert werden, natürlich auch eine der Mitverantwortung des Erwachsenen in vielen Situationen. In einigen Fällen werden daraus wirklich engste Beziehungen, die sogar ohne gewisse genetisch bedingte Spannungen auskommen, die ein biologischer Vater oder eine Mutter zum Nachwuchs unterhält. Aber: Eine wie zur Mutter oder dem Vater wird es nie. Man sollte neue Partner in der Regel auch nicht so nennen (lassen). Denn sie können dem Kind in keiner Situation die/den abwesenden Ex ersetzen.

Autor: Reto Meisser

Fotograf: Vera Hartmann