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23. Mai 2016

Familienglück im Multipack

Die Zahl der Mehrlingsgeburten steigt markant an – auch, weil immer mehr Paare auf künstliche Befruchtung setzen. Ein mühevoller Weg, wie drei Beispiele zeigen. Und: Familie Fuchs im Video zum Alltag mit Mehrlingen und das Erklärungs-Video von Easyvote.ch zur PID-Abstimmung.

Familienglück im Mutlipack
Die In-vitro-Fertilisation belastete die Beziehung: Astrid Fuchs und Marco Weiss mit Ian (5) und den zweijährigen Zwillingen Rouven und Lina.

Sind das Zwillinge?» Das wird Astrid Fuchs (34) oft gefragt, wenn sie mit ihrem Doppelkinderwagen in Niederhasli ZH unterwegs ist. Auf die rhetorische Frage folgt manchmal eine indiskrete: «Sind sie denn auf natürlichem Weg entstanden?» Nein, ihre drei Kinder seien alle dank künstlicher Befruchtung zur Welt gekommen, antwortet sie dann jeweils. Die Passanten werden verlegen, viele verstummen. «Ich weiss, die Frage ist nicht böse gemeint», sagt Fuchs. «Aber sie nervt trotzdem.»

Astrid Fuchs hatte Mitte 20 zwei Eileiterschwangerschaften, der Befund war eindeutig: Ihr Kinderwunsch würde sich nur dank einer In-vitro-Fertilisation (IVF) verwirklichen lassen. Sie sei eine dankbare Patientin gewesen, erzählt Fuchs. «Ich war erst Ende 20, und man wusste genau, was zu tun war.» Dennoch empfanden sie und ihr Mann Marco Weiss (39) die Prozedur als Belastung für die Beziehung.

Emotionales Auf und Ab

Die Hormone, die Astrid Fuchs einnahm, machten sie dünnhäutig. Die Punktion, bei der ihr Eizellen entnommen wurden, schmerzte. Die Unsicherheit, wie sich die Eizellen entwickeln würden, machten sie und ihren Mann nervös. Und die Ungewissheit nach dem Transfer zweier befruchteter Eizellen in die Gebärmutter war kaum auszuhalten. Astrid Fuchs und Marco Weiss hatten Glück: Gleich beim ersten Versuch kam es zu einer Schwangerschaft.

Zwei Jahre nach Ians (5) Geburt wagten sie einen zweiten Anlauf. Astrid Fuchs wurde erneut gleich schwanger mit einer nach der ersten Punktion gefrorenen Eizelle. In der neunten Woche verlor sie das Kind dann allerdings. Zurück auf Feld eins: Hormonbehandlung, Punktion, Transfer. «Es war, wie wenn nur drei Stücke eines 10'000er-Puzzles fehlen, und dann fällt alles zu Boden.» Fuchs brauchte ein Jahr Pause, bis sie wieder Mumm aufbrachte. Diesmal wurde sie gleich mit Zwillingen schwanger: Rouven und Lina (2).

16'000 Franken fürs Kinderglück

Einen weiteren Versuch hätten Astrid Fuchs und Marco Weiss nicht gewagt. Nebst dem emotionalen Auf und Ab belasteten sie auch die Kosten. Er ist Lastwagenführer, sie putzt im Schulhaus und arbeitet am Samstag im Verkauf. Das Paar hat lange gespart für die 16'000 Franken, die die künstlichen Befruchtungen in etwa gekostet haben. «Wir haderten nie damit, dass wir diesen Weg gehen mussten», sagt Marco. «Dass aber die Krankenkasse eine Abtreibung finanziert, bei einer künstlichen Befruchtung aber rein gar nichts übernimmt, das finde ich nicht richtig.»

Fast jeder hat heutzutage Bekannte oder Verwandte, die Nachwuchs im Doppel- oder gar Mehrfachpack bekommen haben. Ein Blick in die Statistik bestätigt den Eindruck, dass hierzulande noch nie so viele ­Zwillinge zur Welt gekommen sind. Gab es in der Schweiz 2002 bloss 1098 Zwillingsgeburten, waren es 2010 schon 1456 und 2014 bereits 1517.

Reproduktionsmediziner Bruno Imthurn vom Universitätsspital Zürich sieht vier Gründe für den Zwillingsboom. Frauen bekommen heute später Kinder, und ältere Mütter haben häufiger einen doppelten Eisprung. Die Einnahme von Hormonen zur Steigerung der Fruchtbarkeit begünstigt Zwillingsschwangerschaften. Kinderwunschbehandlungen im Ausland, wo weniger strenge Gesetze gelten, führen sehr häufig zu Mehrlingen. Und immer mehr Paare entscheiden sich heute für eine In-vitro-Fertilisation, eine Befruchtung im Reagenzglas: Rund jede fünfte Schwangerschaft nach IVF führt zu Zwillingen oder Drillingen.

Der Grund dafür: Bei der Punktion werden einer Frau durchschnittlich zehn Eizellen entnommen. Davon lassen sich natürlicherweise sechs Eizellen befruchten. Noch bevor sich diese geteilt haben, muss die Frau nach heutiger Gesetzeslage entscheiden, ob sie eine, zwei oder drei Eizellen weiterentwickeln lassen will. Die übrigen, noch ungeteilten Eizellen, werden tiefgefroren. Ob Tage später eine, zwei oder drei Embryonen noch leben, lässt sich sehr schwer voraussagen. Alle entwicklungsfähigen Embryonen müssen in die Gebärmutter übertragen werden – das momentan gültige Fortpflanzungsmedizingesetz will es so. Um die Chance auf eine Schwangerschaft zu erhöhen, setzen viele Paare auf die Weiterentwicklung von zwei oder gar drei befruchteten Eizellen.

Angela und Markus Roos mit Amelie und Mattia (1)
Angela und Markus Roos mit Amelie und Mattia (1). Es war ihr Wunsch, Zwillinge zu bekommen. Zufälligerweise klappte es.

Zwillinge im Bauch – und mit den Nerven am Ende

So auch Angela (41) und Markus Roos (40) aus Zofingen AG. Die Ärzte hatten ihm eine unzureichende Spermienqualität beschieden, und so entschied sich das Paar nach langem Hin und Her für eine In-vitro-Befruchtung. Nach einem ersten gescheiterten Versuch liessen sie drei Eizellen sich weiterentwickeln. «Immer dieser Gedanke, ob es klappt oder nicht», erzählt Markus Roos, «das macht dich fertig.» Die Hormone hätten sie «aufgedunsen wie einen Hefeteig», sagt Angela. Und mit 39 habe sie sich nur noch ein Jahr gegeben, um schwanger zu werden. Nach zwei langen Wochen kam dann die freudige Nachricht: Zwillinge!

Das hatte sich die Mutter von drei bereits erwachsenen Kindern aus erster Ehe gewünscht: Die Nachzügler sollten nicht allein aufwachsen müssen. Doch bereits in der 16. Schwangerschaftswoche musste das Ehepaar Roos wieder zittern. Angela wurde wegen akuter Atemnot ins Spital Zofingen eingewiesen und dann mit Verdacht auf eine Lungenembolie mit der Rega ins Universitätsspital Basel geflogen.

Drei Tage lang war nicht klar, ob Mutter und Kinder überleben würden. Nach unzähligen Untersuchungen konnte eine Lungenembolie schliesslich ausgeschlossen werden. Weil Angela Roos nun aber frühzeitige Wehen hatte, musste sie im Kantonsspital Basel liegen bleiben. Bis in die 24. Woche bangten Angela und Markus Roos um die Zwillinge. Sie diskutierten viel, welche lebenserhaltenden Massnahmen sie ergreifen würden, sollten das Mädchen und der Junge viel zu früh zur Welt kommen. Sie waren sich uneins: Sie wollte die Kleinen gehen lassen, er nicht.

Markus Roos arbeitete tagsüber als Bohrmeister im Leitungsbau, abends fuhr er jeweils zu seiner Frau ins Spital. «In der Zeit vergass ich sogar zu essen, ich war nervlich am Ende», erzählt er. Am 27. April wurden Amelie und Mattia (1) schliesslich zehn Wochen zu früh per Kaiserschnitt auf die Welt geholt. Das Mädchen wog 1150, der Bub 1540 Gramm. Als Angela Roos ihre Kinder zum ersten Mal sah, waren ihre Ärmchen und Beinchen blau und die Gesichter steckten hinter Atemmasken.

Einen Monat lang blieben Amelie und Mattia auf der Neonatologie, einen weiteren auf der Station. Das Warten, bis man sie heimnehmen durfte, habe an den Kräften gezehrt, erzählen die Eltern. Mit ihren Ängsten fühlten sie sich allein gelassen. Oft hätten sie den Vorwurf gehört: «Ihr habt das so gewollt.» Künstliche Befruchtung sei leider noch immer ein Tabuthema.

Heute sind die Zwillinge ein Jahr alt, krabbeln interessiert herum und klettern von Schoss zu Schoss. Es habe lange gedauert, bis der Alltag eingekehrt sei, erzählt das Paar. Noch wissen sie nicht, was die drei Hirnblutungen bedeuten, die Mattia auf der Neonatologie erlitten hat.

Gesundheitliche Probleme sind bei Mehrlingen häufig, weil Zwillinge im Durchschnitt vier Wochen, Drillinge sieben Wochen zu früh zur Welt kommen, sagt Hans Ulrich Bucher, ehemaliger Leiter der Neonatologie am Universitätsspital Zürich. Zu den Komplikationen in den ersten Lebenswochen gehörten unreife Lungen, die Atemunterstützung notwendig machen, Unterkühlung, die eine Pflege im Brutkasten erfordert, und ein unreifer Darm, der die Anfälligkeit auf Infektionen erhöht und eine künstliche Ernährung nötig macht.

Weniger Mehrlingsgeburten dank PID

Statistiken zeigen: Mehrlinge müssen zehnmal häufiger in einer Station für kranke Neugeborene behandelt werden als Einlinge. Sie machen zwar nur knapp zwei Prozent aller Neugeborenen aus, belegen aber rund 20 Prozent aller Intensivbetten für Neugeborene in der Schweiz. Experten glauben, dass es vier- bis fünfmal weniger Zwillinge nach Fruchtbarkeits­behandlungen geben würde, wenn eine Mehrheit der Abstimmenden am 5. Juni ein Ja zur Änderung des Fortpflanzungsmedizingesetzes einlegen würde. In Schweden war dies der Fall.

Laut Gesetzesänderung dürften maximal zwölf befruchtete Eizellen weiterentwickelt werden. Fünf Tage könnte man dann die Entwicklung der befruchteten Eizellen beobachten; in dieser Zeit enden zwei Drittel der Eizellen natürlicherweise in einer Fehlgeburt. Durchschnittlich wären zu diesem Zeitpunkt noch zwei übrig. Bloss eine von ihnen würde in die Gebärmutter übertragen. Der verbleibende Embryo könnte für spätere Transfers eingefroren werden. Die Schwangerschaftschance wäre gleich hoch, möglicherweise sogar höher als mit der heutigen Regelung, das Mehrlingsrisiko wäre aber massiv kleiner.

Ali Coktasar mit seiner Frau Zeynep und Arjen, Alena und Rojen.
Die Entstehungsgeschichte der Kinder war ein wahrer Krimi: Ali Coktasar mit seiner Frau Zeynep und Arjen, Alena und Rojen.

Es ist Anfang Mai, Zeynep und Ali Coktasar (beide 42) stehen in der Abteilung 3 C/D der Neonatologie im Luzerner Kantonsspital, den Blick auf drei Wärmebettchen gerichtet. Darin liegen ihre Drillinge Arjen (1520 Gramm), Alena (1660) und Rojen (1775), alle sind verkabelt. Puls, Sauerstoffsättigung und Atmung werden konstant überwacht und flimmern als farbige Linien über einen Monitor. «Fünf Jahre», sagt Ali Coktasar, «fünf Jahre hat es gedauert – und jetzt sind sie da.» Er lächelt, seufzt, seine Augen sind feucht.

Die Zeugungsgeschichte liest sich wie ein Krimi. Coktasar ist Kurde und ein politischer Flüchtling. Als der Plattenleger in Zypern lebte, lernte er Zeynep kennen, die dort ihre Ferien verbrachte. Die Kurdin arbeitete auf Kursschiffen auf dem Luzerner See als Serviceangestellte. Bald heirateten sie und wünschten sich sehnlichst Kinder. Da die beiden schon 37 Jahre alt ­waren, tickte die Uhr – sie standen unter Zeitdruck.

In der Schweiz klappte es nicht – dafür auf Zypern

Es wollte nicht klappen, und die medizinischen Abklärungen kamen zu keinem klaren Befund. Deshalb entschieden sie sich, nachzuhelfen. Drei Inseminationen und zwei In-vitro-Befruchtungen in der Schweiz scheiterten. Als sie von einer zypriotischen Fruchtbarkeitsklinik mit guter Erfolgsquote hörten, wollten sie einen weiteren Versuch wagen. Das Verfahren kostet dort etwa 2700 Franken, in der Schweiz bewegen sich die Kosten zwischen 4000 und 10 000 Franken, je nach Klinik und notwendigen ­Medikamenten.

Weil Ali Coktasar als politischer Flüchtling nicht nach Nordzypern reisen konnte, wurden seine Spermien in Deutschland eingefroren, verpackt und mit einer Transportfirma via Frankreich und Griechenland nach Zypern spediert. Dort schmuggelte sie ein Freund der Familie über die Grenze in den türkisch besetzten nördlichen Teil der Insel.

Der erste Versuch misslang. Beim zweiten Versuch empfahl der zuständige Arzt, drei Eizellen weiterzuentwickeln. «Vielleicht verlieren wir eine oder zwei», meinte er. Und so kam es dazu, dass Zeynep und Ali auf Zypern, wo sie sich verliebt hatten, getrennt voneinander Eltern von Drillingen wurden.

In der Schweiz verbrachte die schwangere Zeynep zwei Monate im Spital, wegen starker Übelkeit und frühzeitigen Wehen. In der 34. Woche kamen Arjen, Alena und Rojen per Notkaiserschnitt zur Welt. Rojen musste einen Tag beatmet werden. Ansonsten sind die Drillinge wohlauf. Sie werden die Neonatologie des Luzerner Kantonsspitals wohl bald verlassen können. Zu Hause ist alles vorbereitet, bald wird auch der Drillingswagen geliefert.

Darum gehts bei der PID-Abstimmung

Am 5. Juni stimmen wir erneut über die Fortpflanzungsmedizin ab. 61,9 Prozent der Schweizer haben im vergangenen Sommer Ja gesagt zu einer Verfassungsänderung. Sie bildete die Voraussetzung für die Revision des Fortpflanzungsmedizingesetzes. Dieses sollte unter anderem dahingehend geändert werden, dass Embryonen untersucht werden dürfen, bevor sie einer Frau eingepflanzt werden (Präimplantationsdiagnostik; PID).

Paare, die eine schwere Krankheit in der Familie haben oder ungewollt kinderlos bleiben, würden von der neuen Regelung profitieren. Doch die EVP und 18 Organisationen wie Insieme oder der Schweizerische Hebammenverband haben das Referendum gegen das Fortpflanzungsmedizingesetz ergriffen.

Es hält fest, wann und wie genetische Untersuchungen an Embryonen im Reagenzglas erfolgen dürfen. Wird das neue Gesetz angenommen, könnte die PID ab 2018 in der Schweiz praktiziert werden. Wird es abgelehnt, muss das Parlament es nochmals überarbeiten.

So erklärt Easyvote die Abstimmungsvorlage

Umstrittenes neues Gesetz

Kontra: Gegen «Designerkinder» Das überparteiliche Nein-Komitee lehnt eine Selektion von «lebenswerten» und «lebensunwerten» Menschen grundsätzlich ab. Die Gegner der Präimplantations- Diagnostik (PID) fürchten, diese sei ein erster Schritt Richtung «Designerkind». Und sie glauben, dass die Zulassung der PID werdende Eltern unter Druck setzen würde, behindertes Leben zu verhindern.

Pro: Zu strenge Gesetze in der Schweiz

Die Befürworter der PID argumentieren, dass die in Europa fast einzigartig strengen Schweizer Gesetze die Behandlungen für Betroffene unnötig verlängere und diese stark belaste. Es sei ein Widerspruch, dass heute ein Schwangerschaftsabbruch bis zur zwölften Woche zulässig, es aber verboten sei, einen fünf Tage alten Embryo zu untersuchen und allenfalls nicht einzupflanzen. Mit dem neuen Fortpflanzungsgesetz gäbe es zudem weniger risikoreiche Mehrlingsschwangerschaften.

Autor: Monica Müller

Fotograf: Sophie Stieger