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24. Juni 2014

Als Dolmetscher bei der amerikanischen Armee

Das Migros-Magazin suchte zum Supergedenkjahr Andenken oder Bilder von Leser(inne)n zu beiden Weltkriegen oder dem Mauerfall. Detlev K.E. Bandi sandte uns diesen Bericht seines Vaters Leo R. Bandi, der 1946 erstmals im 'Landboten' erschien.

Freitag, der 13. April 1945, ist ein Datum, das mir unvergesslich bleiben wird. Ein schöner Tag, die Sonne strahlte, ein Tag so recht, an alles andere zu denken als an Krieg und Verwüstung. Von Ferne hörte man das kurze, dumpfe Knallen amerikanischer Geschütze, die Bevölkerung des kleinen Städtchens Gera in Thüringen lief durch die Strassen wie aufgescheuchte Hühner, niemand wusste genau, was eigentlich los war. Der Volkssturm war über seine Wertlosigkeit aufgeklärt worden und trat glücklicherweise nicht in Erscheinung.
Plötzlich, so gegen 1100 Uhr, kam die Aufforderung, die Luftschutzräume aufzusuchen, das Geräusch herannahender Panzer war gemeldet worden. Mit meiner Familie ging ich in den Luftschutzkeller des fürstlichen Schlosses, wo wir bereits eine Menschenmenge von rund 500 Köpfen vorfanden.

Auf einmal Feuerwechsel aus nächster Nähe, Salven von Maschinenpistolen, dumpfes Dröhnen von Panzerkanonen, das Rasseln der Tankketten, wir waren mitten im Kriegsgebiet. Es vergingen zwei Stunden unerträglicher Spannung, kein Schuss mehr zu hören, alles verhielt sich still und ruhig. Die Maschinenpistolen im Anschlag, erschienen die ersten amerikanischen Soldaten auf dem Schlosshof. Von einem gut deutschsprechenden Amerikaner wurden wir aufgefordert, den Keller zu verlassen.

«Raus, raus, draussen scheint die Sonne, wir wollen euch mal sortieren», das waren die ersten amerikanischen Worte, die wir hörten. Aufatmend und überrascht ob dieser freundlichen Einladung verliessen wir den Keller. Im Schlosshof mussten zuerst die Uniformierten auf einer Seite antreten, wo sie von Soldaten bewacht wurden. Die Zivilisten wurden ebenfalls sortiert, wobei Frauen und Kinder sofort nach Hause gehen durften, die Männer wurden auf die andere Seite des Hofes geführt. Als ich dem amerikanischen Soldaten meinen Schweizer Pass zeigte und mich mit ihm auf englisch unterhielt, durfte ich gleich zu meiner Familie gehen. Da wir im Schloss wohnten, konnten wir von unserem Fenster aus den ganzen Betrieb im Hof beobachten. Alles verlief ruhig, einige hohe Offiziere wurden abgeführt und die Mannschaften entwaffnet.

Am Nachmittag sammelten sich die Panzer vor dem Rathaus, und etwa um 15 Uhr war kein Amerikaner mehr zu sehen. Eine Stunde später hatten wir Gelegenheit, das unvorstellbare Kriegsmaterial der US-Armee aus nächster Nähe zu bewundern. Bis zum späten Abend rollten ununterbrochen Panzer um Panzer an uns vorbei. Sie gehörten zum Verband des legendären General Patton, der vom Rheinland kommend bis zur tschechischen Grenze vorstiess.

Am nächsten Tag war es, als wäre nichts geschehen, nicht ein amerikanischer Soldat war zu sehen. Erst am Sonntag erschienen grosse Mannschaftswagen der Infanterie sowie Spezialtruppen und besetzten unser Städtchen, Nach einiger Zeit hatten sich die Soldaten überall in Privatquartieren verteilt und der Kommandant liess sein Quartier im Palais einrichten. Von hier erging auch der erste Befehl an die Zivilbevölkerung; die Ausgangszeit wurde auf 09 bis 11 und 15 bis 17 Uhr beschränkt. Da aus 'taktischen' Gründen kurz vor dem Einmarsch der Amerikaner eine Brücke in die Luft gesprengt wurde, wurde das Stromkabel beschädigt und die ganze Ortschaft war ohne Strom. Wir hatten also kein Licht, kein Radio und keinen Strom zum Kochen.

Als Nächstes liess der Kommandant eine Militärpolizei aufstellen, die mit Jeeps durch die Strassen fuhren und für die Wiederherstellung der Ordnung sorgen sollten. Das Unangenehmste waren aber einige ehemalige KZ-Insassen aus Buchenwald, die anfingen zu regieren. In kürzester Zeit wurde ein Polizeikommissariat eingerichtet, das zunächst einmal begann, sogenannte 'Sicherstellungen' vorzunehmen. Während der Sperrzeit wurden sämtlich Geschäfte ausgeräumt, Lebensmittel, Kleider, Tabak und Alkohol wurden zu einer Sammelstelle gebracht. Die Amerikaner liessen die Leute gewähren und kümmerten sich nur um ihre eigenen Angelegenheiten. Als die Lage langsam unaufhaltsam wurde, wurde ich vom noch amtierenden Bürgermeister aufs Rathaus befohlen. Als englisch sprechender Neutraler sollte ich als Dolmetscher oder besser gesagt als Verbindungsmann zwischen den Amerikanern und der neuen Ortsbehörde vermitteln. Der Bürgermeister musste mir für täglich zwei Sprechstunden sein Büro zur Verfügung stellen. Der amerikanische Kommandant kümmerte sich überhaupt nicht um die Zivilbevölkerung. Er überliess diese Tätigkeit einem Stabs-Sargeant, der komischerweise Billingmeyer hiess und kein Wort Deutsch sprach.

Wir beide hielten nun also unsere Sprechstunden ab. Meine erste Massnahme war eine Verlängerung der Ausgehzeit, damit die Bevölkerung Zeit fand zum Einkaufen und Besorgen der Feldarbeit. Gera war bekannt für seine Gärtnereien und ausgedehnten Kirschen- und Erdbeerplantagen.

Eines Tages inspizierte der Kommandant, nennen wir ihn Major M, unsere Sprechstunde und wollte wissen, ob ich der Bürgermeister bin. Das verneinte ich und benützte die Gelegenheit, mich vorzustellen. Darauf lud er mich gleich zum Frühstück ein. Beim Frühstück, das fast eine Stunde dauerte, musste ich ihm Auskunft geben über meine Privatverhältnisse, und die Schweiz war auch ein ausführliches Thema. Wir verstanden uns besser als erwartet und der Kommandant räumte mir gleich viele Erleichterungen ein. Ab sofort wurde meine Familie aus der Offiziersmesse verpflegt und mir wurde ein Jeep zur Verfügung gestellt. Damit ich dem Stabsquartier Bericht erstatten konnte, wurde ich zu den Sitzungen der Ortsbehörde zugelassen. Diese Sitzungen dauerten oft mehr als drei Stunden und waren sehr anstrengend für mich, nicht nur wegen des Übersetzens, sondern vor allem wegen des Vermittelns. Die Meinungen der beiden Parteien trafen oft hart aufeinander, so dass die Sache zu platzen drohte. Ich hatte mich verpflichtet, so neutral wie möglich zu handeln, und es gelang mir auch, manche total verfahrene Lage wieder ins Gleis zu bringen. Meine Arbeit wurde mehr und mehr geschätzt, und das auf beiden Seiten. Die ziemlich verängstigte Bevölkerung wusste, dass ich ihren Wünschen und Sorgen immer so gut wie möglich gerecht zu werden versuchte.

Mit meiner Familie wohnte ich immer noch im Schloss und an unserer Wohnungstüre hatte ich den schweizerischen Schutzbrief angebracht, der von den amerikanischen Soldaten in jeder Beziehung respektiert wurde.

Damit ich die 500 Meter bis zum Rathaus nicht zu Fuss gehen musste, wurde mir ein MP zugeteilt, der mich jeden Tag mit dem Jeep abholte. Auf meinen Einwand, das sei nicht nötig, wurde mir mitgeteilt, zu Fuss zu gehen ist unter der Würde, «eines halben Soldaten der US-Army».
Eines Tage wurde ich aufgefordert, eine Parade der Besatzungstruppen zu organisieren. Mit Hilfe der deutschen Polizei sperrten wir die Hauptstrasse auf einem Kilometer ab und stellten einen Lautsprecher auf. An Schallplatten waren nur amerikanische Swings vorrätig, und ich musste daher improvisieren. Zum Klang der Märsche des Dritten Reiches, in Achter-Reihen, das Gewehr geschultert und Kaugummi kauend glitten die Soldaten auf leisen Gummisohlen an uns vorbei. Dabei bekam ich das komische Gefühl, dass man auch ohne Paradeschritt einen Krieg gewinnen könnte.

In relativ kurzer Zeit hatte ich in Zusammenarbeit mit den Besatzungstruppen einiges erreicht. Unsere Stadt war als erste im weiten Umkreis im Besitz einer funktionierenden Telefonverbindung; Ärzte und die Polizei konnten wieder telefonieren. Die Ärzte und der Tierarzt erhielten amerikanisches Benzin sowie einen Pass, damit sie zu jeder Tages- und Nachtzeit ihre Krankenbesuche machen konnten. Dann organisierte ich einen Lastwagen-Dienst in die nähere Umgebung und wir wurden wieder mit Kartoffeln, Fett, Fleisch und anderen lebenswichtigen Dingen versorgt. 10 Tage nach dem Einmarsch der Amerikaner konnte die lokale Brauerei ihre Tätigkeit wieder aufnehmen. Mit Ausnahme der Stromversorgung funktionierte alles wie in normalen Zeiten. Auf meine Frage beim Kommandanten erhielt ich die Antwort, dass in nächster Zeit eine Abteilung eines Ingenieurs-Batallions kommen würde, um die Brücke instand zu stellen. Zwei Tage später waren die Pioniere schon da und nach einer Woche war eine tragfähige Holzbrücke aufgestellt und das Stromkabel repariert.

Als der amerikanische Kommandant ausgewechselt wurde, wurde ich dem neuen, Captain E. als Adjudant zugeteilt. Mit ihm war ich oft den ganzen Tag unterwegs. Sein Bereich war ziemlich gross und es gab viel zu tun. Die zurückgebliebenen Fremdarbeiter, Polen, Ukrainer und Franzosen zogen plündernd durch die Gegend, um sich für erlittene Entbehrungen bei der Bevölkerung schadlos zu halten. Captain E. war sehr gerecht und griff unerbittlich ein. Auf seinen Befehl erhielt ich von einem MP einen Revolver sowie ein Fernglas mit dem Hinweis, sein Adjudant müsse bewaffnet sein. Einmal musste ich die Militärpolizei in ein benachbartes Dorf schicken, Polen wollten einen Stall mit wertvollen Pferden ausräumen. In letzter Minute konnte die Plünderung verhindert werden und die Polen wurden verhaftet. Als der Brauerei Hopfen und Malz auszugehen drohte, was die Stilllegung der Brauerei zur Folge gehabt hätte, bat mich der Direktor um Hilfe. Am nächsten Tag fuhren fünf amerikanische Lastwagen nach Erfurt und Chemnitz und kehrten noch am gleichen Abend beladen mit Hopfen und Malz zurück, die Brauerei war gerettet.

Von Leuten mit grösseren Betrieben wie die Mühle, Gärtnereien und Lebensmittelgrossisten, wurde ich gebeten, Englisch-Unterricht zu erteilen. Diesen Unterricht liess ich mir mit Naturalien bezahlen; Mehl, Brot, Haferflocken, Gemüse, Milch, Eier, Fleisch und Wein.
Jeden Sonntagnachmittag waren die amerikanischen Offiziere bei uns zu Hause. Meine Frau musste nur heisses Wasser kochen, alles andere brachten die Amerikaner mit, Nescafé, Kondensmilch Konfitüre und Zigaretten. Als unsere grösseren Buben das erste Mal Kaugummi bekamen, amüsierten sich die Amerikaner köstlich über deren Gesichter, die immer länger wurden wie der Kaugummi lange Fäden zog. Schlussendlich gab es gar noch ängstliche Gesichter, die Buben hatten den Kaugummi geschluckt und ein Amerikaner erklärte ihnen, sie hätten nun den Bauch ausradiert.

Ende Mai richtete eine Rotkreuz-Kolonne im Schlosspark ein Lazarett ein. Dieses bestand aus einem grossem und einem kleinen Operationszelt, Zahnstation, Zelt für den Augenarzt sowie eine Apotheke. Jedes Zelt verfügte über elektrisches Licht und Gasheizung. Eine Wasserfilteranlage, Badeanstalt, Baseballplatz, 200 Fahrzeugen und je ein Kirchenzelt für drei verschiedene Konfessionen gehörten ebenfalls zum Lazarett. Für zwei Flugzeuge, eine Kurier- und eine Krankentransportmaschine, wurde ein Flugplatz eingerichtet. Unter der Leitung eines Sanitätsobersten bestand das Personal aus 20 Ärzten, 2 Zahnärzte, 6 Apotheker, 200 Mann technisches Personal sowie 35 Krankenschwestern, die alle aussahen wie Filmstars. Es war alles da, nur keine Verwundeten. Die Kampfhandlungen waren schon lange vorbei und die einzigen Kranken waren amerikanische Soldaten, mit kleineren Weh-Wehchen, die in ein oder zwei Tagen geheilt waren.
Zwei Ereignisse liessen allerdings die Anwesenheit eines Lazaretts notwendig erscheinen; ein Soldat schoss sich beim Pistolenreinigen den halben Zeigefinger weg und der Oberst feierte Geburtstag. Das OP-Zelt hatte einen Holzboden, dort wurde getanzt, die Red-Cross Band spielte mit einem Major als Schlagzeuger und alle waren herrlich blau.

Weil ich einmal ganz durch Zufall das Radio des Apothekers reparieren konnte, war ich beim Roten Kreuz ein gern gesehner Gast. Als es mir erst noch gelang, das Radio des Fliegerarztes wieder in Gang zu bringen, war nicht nur die Freude, sondern auch meine Arbeit gross. Mit einem Lastwagen wurden mir acht defekte Radios zum Reparieren nach Hause gebracht. Was ich für diese Arbeiten erhielt, lässt sich nur schwer schildern: Pfundweise Bohnenkaffee, Konserven, Seife, Tabak und ca. 1'000 Zigaretten. Auf Wochen hinaus war meine Familie aller Nahrungssorgen enthoben.

Anfangs Juni kam die dritte Ablösung der Besatzungstruppen, deren Kommandant sprach reines Hochdeutsch. Die Grosseltern von Captain Q. sind vor Jahren von Thüringen nach Amerika ausgewandert und in unserem Städtchen lebten sogar noch Verwandte von ihm.
Als Dolmetscher hatte ich nicht mehr viel zu tun. Meine Arbeit für die Amerikaner bestand nun vor allem im 'Organisieren' und die manchmal ausgefallenen Wünsche erfüllen; von der Leica-Kamera bis zur Porzellan Plastik oder von der einfachen Postkarte bis zum lebenden Hund. Einer wollte sogar eine Thermosflasche mit deutscher Kuhmilch nach Hause nehmen. Jeder versuchte, den anderen zu übertrumpfen; ein Major sammelte Tabakspfeifen, ein anderer Offizier Kuckucksuhren, aber am meisten verlangt waren Fotoapparate. Dank der Grosszügigkeit der Amerikaner hatte ich immer Sachen zum Tauschen und das machte den Handel etwas leichter.

Eines Tages besuchte mich der Captain zu Hause und als er sicher war, dass wir alleine sind, teilte er mir mit, dass die Rotkreuz-Kolonne in wenigen Tagen abrücken werde. Vom Sanitätsoberst habe er den Auftrag, unsere Familie nach Süddeutschland mitzunehmen. Für unsere Möbel und das Gepäck stehe ein Lastwagen und für uns ein Personenwagen zur Verfügung. Obwohl ich ihn einige Male danach fragte, wollte er mir über die Gründe dieses Angebotes nichts verraten. Leider war meine Frau zu dieser Zeit im Spital und ich konnte daher sein Angebot nicht annehmen. Zwei Wochen später zog die Kolonne ab, nicht ohne uns noch reich beschenkt zu haben.

Danach überstürzten sich die Ereignisse, so verschwand eines Tages unser Polizeikommissar aus Buchenwald. Als ich mich nach seinem Verschwinden erkundigte, sagte man mir lächelnd, dieser ist gut aufgehoben. Nach längerer Diskussion stellte sich heraus, dass er kein politischer Häftling, sondern ein Zuchthäusler ist. Als Fassadenkletterer hatte er vor einigen Jahren auch die amerikanische Botschaft besucht. Das war selbst den Amerikanern zuviel und zusammen mit seinem ganzen Stab wurde er ins Gefängnis gesteckt. Ein Pole, der in einem anderen Dorf Bürgermeister spielte, wurde wegen Pferdediebstahl verhaftet. So etwas liebten die Amerikaner schon gar nicht. Dies waren die letzten Amtshandlungen unseres Kommandanten. Unmerklich, aber mit jedem Tag deutlicher machte das Gerücht die Runde, dass die Amerikaner Thüringen verlassen und durch die Russen abgelöst würden. Ich selbst glaubte nicht daran, denn die Amerikaner haben mir immer wieder bestätigt, dass sie bleiben werden.

Eines Tages aber, ich werde es ebenfalls nie vergessen, es war Sonntag, der 1. Juli 1945, zogen die Russen ein. Tags zuvor war ich noch im Quartier der Amerikaner, alles ging seinen gewohnten Gang, keine Abfahrtsvorbereitungen, es wurde gespielt wie immer. Meine Fragen, ob die Russen kommen, wurden nur belächelt. 24 Stunden später war kein Amerikaner mehr zu sehen, dafür liefen einige hundert russische Soldaten durch unsere Stadt. Kein Mensch wagte sich mehr für einen Abendspaziergang aus dem Haus, die Strassen waren wie ausgestorben. Endlich begriff ich die Bedeutung der geheimnisvollen Einladung zum Mitfahren nach Süddeutschland. Aber es liess sich nicht mehr ändern. Wenn wir die Einladung des amerikanischen Obersten hätten annehmen können, wäre uns viel Leiden und Sorgen erspart geblieben. Vielleicht werde ich später mal Gelegenheit haben, unsere Erlebnisse bei den Russen zu schildern.

Leo R. Bandi (zur Verfügung gestellt von Detlev K.E. Bandi, Zürich)