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06. Oktober 2014

Zweisprachige Bergtour

«Allegra» im Engadin und «Pfiat eich» im Vinschgau: Auf der Wanderung von Sent nach Italien und zurück ins schweizerische S-charl durchqueren wir die abenteuerliche Uinaschlucht. Ausserdem im Artikelr rechts: drei weitere Wanderungen im Jura, in Bern und Gotthardmassiv.

die Uinaschlucht
Am Anfang ist die Uinaschlucht noch dicht bewaldet.

«A revair» verabschiedet sich der Postautochauffeur bei der Haltestelle «Sent, Sur En» von Cintia 40), Claudio (45) und mir (46). Das Unterengadiner Dörfchen Sent gilt als Hochburg unserer vierten Landessprache – obwohl auch hier der Anteil der rätoromanisch Sprechenden von 80 Prozent (1980) auf 68 Prozent (2000) gesunken ist. Überhaupt zählt Rätoromanisch zu den gefährdeten Sprachen Europas und müsste, zumindest rein statistisch gesehen, eigentlich in wenigen Jahrzehnten verschwunden sein. Genauso wie der Bär einst. Eine Infotafel auf unserem Wanderweg durch das ­ Val d’Uina erzählt von der «Chatscha d’uors», der Bärenjagd, und davon, dass hier 1897 der zweitletzte Bär in der Schweiz erlegt worden ist.

Am Anfang ist die Uinaschlucht noch dicht bewaldet.
Am Anfang ist die Uinaschlucht noch dicht bewaldet.

Über uns versucht sich die Sonne durch die Wolken zu kämpfen – wird aber leider am Ende des Tages die Verliererin sein. Die ersten zwei Stunden führt die Wanderung stetig ansteigend über ein Naturfahrsträsschen entlang dem Uinabach bis zur Alp Uina Dadaint. Mal geht es durch den Wald, dann wieder durch schluchtartige Abschnitte, wo etwa ein Wasserfall aus einem Felsloch schiesst. Nach der Alp wird der Pfad schmäler, und bald stehen wir vor dem knapp 1000 Meter langen Felsweg durch La Charvogia dal Quar, die Quarschlucht.

Eine Galerie für die Wanderer quer durch den Fels

«Wahnsinn!» Wir staunen über diesen Weg, der sich rund 100 Meter über dem Schluchtgrund wie ein dunkles Band durch die beinahe senkrechte Felswand nach oben zieht. Zwei Mal verschwindet der Pfad in einem Tunnel und führt am Ende der Schlucht ins scheinbare Nichts. Gebaut wurde der Weg zwischen 1908 und 1910 auf Initiative der Betreiber der Pforzheimerhütte, die hinter dem Val d’Uina liegt und heute leer steht. Die Hüttenbesitzer versprachen sich durch den damit viel kürzeren Weg zu ihnen mehr Schweizer Gäste, was sich bis zum Ausbruch des Ersten Weltkriegs auch erfüllt hatte. So entstand diese einmalige Felsgalerie also vorwiegend aus touristischen Überlegungen, wurde aber gern auch von Bauern oder Schmugglern benutzt.

Bergseits zieht sich zur Sicherung ein Drahtseil den Fels entlang, und talseits befinden sich stellenweise Geländer. Dies macht die Durchquerung des Felswegs für erfahrene Berggänger relativ einfach. Nicht zuletzt auch weil der Pfad mit rund 1,3 Metern recht breit ist. Da ist selbst das häufige Kreuzen mit Mountainbikern, die ihr Rad schieben, kein Problem. Selbstverständlich kann einem beim Blick über die Kante dann und wann doch das Gruseln überkommen.

Die stolzen Minderheiten hier oben

Am Ende der Galerie, wo wir glauben, der Weg führe ins Nichts, macht er eine enge Kurve um den Fels und führt durch einen schmalen Felsengang aus der Schlucht hinein in die Hochebene der Alp Sursass. Hier dominieren die Farben Grasgrün und Felsgrau. Bald überqueren wir die Landesgrenze zu Italien, laufen über den Passo di Slingia, vorbei an der alten Pforzheimerhütte zu deren Ersatz, der Sesvennahütte. Weil draussen bereits nur noch fünf Grad herrschen, lassen wir die grosse Terrasse links liegen und stapfen in die per Holzofen geheizte Gaststube. Begrüsst werden wir mit einem herzlichen «Servus».

Mitten im spektakulären Weg durch die Il-Quar-Schlucht.
Mitten im spektakulären Weg durch die Il-Quar-Schlucht.

Wir sind von der einen Sprachminderheit, den Rätoromanen, zu einer anderen gekommen: den Deutsch sprechenden Italienern. Hier im Vinschgau, das zum Südtirol gehört, läuft Italienisch in der Schule unter Fremdsprache. Und überhaupt, diese Warnung vorweg: Bezeichne einen Südtiroler nie als Italiener. Denn seit 1972 ist die Provinz Südtirol autonom, hat sich dank Selbstverwaltungsrechten von Italien etwas losgelöst. Zum üppigen und sehr guten Nachtessen bestellen wir uns einen feinen Lagrein. Jemand an unserem Tisch wagt die Bemerkung, dass dieser Wein doch vorzüglich passe, käme er doch von hier – aus Italien. «Wia bitte? Hots di? Der kimmt ausm Südtirol!», echauffiert sich der 40-jährige Hüttenwirt Andreas Pobitzer und läuft davon – mit dem Wein. Selbstverständlich stellt er die Flasche zehn Sekunden später, augenzwinkernd, doch auf unseren Tisch.

«Pfiat eich» verabschiedet uns Andreas am nächsten Morgen, und wir machen uns im Nieselregen auf in Richtung Fuorcla Sesvenna. Je höher wir kommen, desto karger wird die Umgebung: Wir wandern in herrlicher, hochalpiner Szenerie und sind auch entsprechend eingekleidet mit Strickmütze, Handschuhen und hochgeschlossenem Kragen. Nach der Fuorcla Sesvenna passieren wir eine Geissenherde, deren Bock wir olfaktorisch schon im Voraus wahrgenommen haben, und steigen einen steilen Blocksteinhang hinunter.

Von etlichen Murmeltieren neugierig beäugt laufen wir das Val Sesvenna hinunter und gelangen mehr und mehr in die Vegetation. Und was für eine: wildromantisch und märchenhaft mutet sie an – die Bäumchen, Büsche, Blumen sowie Felsblöcke scheinen extra so arrangiert worden zu sein. Von hier ist es noch eine gute Stunde bis S-charl, unserem Endziel. Das hübsche Engadiner Dörfchen wird als «einer der abgelegensten Orte der Schweiz» bezeichnet. Die Strassen und der Dorfplatz sind gekiest, nicht geteert, und im Winter ist das Dorf nur per Pferdeschlitten erreichbar. Hier steigen wir wieder ins Postauto, wo uns die Chauffeuse mit einem freundlichen «allegra» begrüsst

Autor: Üsé Meyer

Fotograf: Tanja Demarmels