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26. Mai 2015

«Wir rechen seit 31 Jahren fremdes Laub!»

Zwietracht im Thurgau: Erika Sprenger ärgert sich über das Laub, das vom Garten des Nachbarn auf ihr Grundstück weht. Eine Geschichte über zwei Streithähne und zu viele Pappeln.

Erika Sprenger beim Einsammeln von fremdem Laub. Schuld daran: die Pappeln des Nachbarn im Hintergrund.
Erika Sprenger beim Einsammeln von fremdem Laub. Schuld daran: die Pappeln des Nachbarn im Hintergrund.

Man kann nicht sagen, dass Erika Sprenger (74) gut auf das Thema Nachbarschaft zu sprechen ist. Das Problem ist aber nicht direkt ihr Nachbar, der hier gern einfach Peter Müller genannt werden möchte, sondern die Botanik. Seit Jahrzehnten besitzt Peter Müller 14 Pappeln, die in 13 Meter Entfernung zum Haus des Ehepaars Sprenger stehen. Das hat Folgen: «Dachrinne, Balkon, Hausplatz und Garten sind bei uns das ganze Jahr hindurch mit Ästen und Laub belegt. Bei Gewitter und Sturm ist es arg», sagt Sprenger. Das Laub mit dem Handrechen zu entfernen bringe jeweils wenig. «Dann fährt er unmittelbar nachher freundlicherweise mit dem Motormäher durch seinen Garten und befördert das Laub von seinem Areal wieder zu uns.» Damit nicht genug: Müller habe einen Landwirt gesucht, der Schweinegülle auf sein Areal verteilt, damit es stinke. Die letzten 31 Jahre seien nicht einfach gewesen, sagt Erika Sprenger. Nun will der Unruhestifter von nebenan auch noch seine Garage zur Töffliwerkstatt umbauen. Daraufhin reichte Sprenger Einspruch gegen das Baugesuch ein. Es gehe ihr um den Umweltschutz.

«Streit ist ihr Hobby»

Der beschuldigte Nachbar zeigt sich zumindest teilweise einsichtig: «Manchmal gefällt mir das auch nicht, wie es hier aussieht», sagt Peter Müller (67). Ende April habe sich dann die Gemeinde eingeschaltet. Frau Sprenger habe gedroht, das Laub in seinen Teich zu werfen. «Von wegen Umweltschutz», spottet Müller. Später habe Frau Sprenger ihn noch beim Kanton angeschwärzt. Er sei ein «böser Hagel», soll sie gesagt haben. Danach habe sie ihm einen Ast vor die Haustür gelegt. Als Warnung, wie Peter Müller meint. «Streit ist ihr Hobby. Vor Jahren hatte sie mit einem Bauern über die Heubelüftung und den Dreck gestritten. Wenn alle so wären, gäbe es gar keine Bäume mehr. Von wo soll denn der Sauerstoff herkommen?», fragt er sich. Er sei zu alt für solche Stürmereien.

Bis die Sache mit der Garage kam: «Ich habe keine Pensionskasse; ich muss arbeiten. Der Umbau der Garage zur Werkstatt ist wichtig für mich.» Also ging er Unterschriften sammeln. Erika Sprenger habe geschimpft wie ein «Wald voller Affen». «Wissen Sie, Fehler habe ich schon gemacht», gibt Peter Müller zu, «zum Beispiel mal im Garten Sperrholz verbrannt.» Damit habe er aber aufgehört. Nur schon wegen des Teichs. Erika Sprenger habe er nun versprochen, sich um das Laub zu kümmern.

Und auch sie kann der Geschichte etwas Gutes abgewinnen: «Immerhin ist mein 84-jähriger Mann heute noch fit, nachdem er 31 Jahre lang fremdes Laub zusammengesammelt hat.» Wenn Herr Müller wolle, dann solle er halt diese Garage einrichten. Die Einsprache habe sie mittlerweile zurückgezogen.

Autor: Anne-Sophie Keller

Fotograf: Salvatore Vinci