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25. April 2016

Zwei Schweizer helfen Erdbebenopfern in Nepal

Roland Diethelm und Daniel Juzi versorgen ein Jahr nach der Katastrophe die Ärmsten mit dem Allernötigsten. Die Lage noch immer prekär, viele Überlebende haben nur eine Notunterkunft. Diethelm: «Ungewissheit ist die einzige Gewissheit.»

Das Bergdorf Langtang
Das Bergdorf Langtang wurde beim Beben durch Erdrutsche fast ganz verwüstet.

Nichts geht mehr. Das Geländefahrzeug steckt ein Meter tief in schlammiger Unwegsamkeit, fünf Fahrstunden von Kathmandu entfernt. «Wer Nepal nicht kennt, weiss nicht, was ein Schlagloch ist», sagt Roland Diethelm (52), der für das Kinderhilfswerk World Vision Schweiz auf Inspektionstour ist und bereits im ver­gan­ge­nen Jahr, nur wenige Tage nach dem ­verheerenden Erdbeben vom 25. April, im Land war.

«Damals gabs fast nirgendwo mehr ein Durchkommen», sagt der Hüne aus Lufingen ZH, Vater einer Adoptivtochter und eines Adoptivsohns aus Kenia. Überall türmten sich Trümmerberge, 602'000 Häuser waren zerstört, «im Land herrscht noch immer ein fast apokalyptisches Chaos».
Die Wucht des Bebens, bei dem rund 9000 Menschen starben, wurde mit 7,8 auf der Richterskala gemessen. Und am 12. Mai erschütterte ein zweites Beben 14 von 75 Distrikten mit der Stärke von 7,3. Mittlerweile verbessere sich die Lage für die betroffene Bevölkerung zunehmend, sagt Diethelm, «aber es wird noch Jahre dauern, bis Nepal zu einer gewissen Normalität zurückfindet.»

Roland Diethelm in der zerstörten Stadt Lalitpur
Roland Diethelm in der zerstörten Stadt Lalitpur.

Rund 80 internationale Nichtregierungsorganisationen agierten in der Akutphase vor Ort, davon fast ein Dutzend aus der Schweiz. Im Einsatz war zudem ein Heer von privaten Idealisten, das mithalf, Notunterkünfte zu bauen, verschüttete Trinkwasserquellen wieder zugänglich zu machen und provisorische Schulzimmer einzurichten. «Die Zusammenarbeit ist bis heute beispielhaft. Alle Beteiligten wissen: Allein wäre man in vielen Belangen vielleicht schneller, aber nur gemeinsam kommt man effizient weiter. Zudem», sagt Diethelm, «erwarten die Spender im Westen, dass alle Synergien optimal genutzt werden.»

Mann für alle Katastrophenfälle

Diethelm gehört zu den Erfahrenen in Katastrophengebieten. Der gelernte Elektromonteur ist «seit Ewigkeiten» Pilot und hat für humanitäre Einsätze schon über 6000 Stunden in der Luft verbracht. Unter anderem flog er während des Bürgerkriegs im Südsudan, der von 1987 bis 2005 tobte. «Nicht ganz ungefährliche Momente» erlebte er auch in Kenia und in der Mongolei, wo er einen eigenen Flugdienst gründete. Die meisten Missionen unternahm er für das weltweit tätige aviatische Hilfswerk Mission Aviation Fellowship (MAF), dessen Stützpunkt in Kathmandu von einem Kollegen, dem Zürcher Daniel Juzi (47), geleitet wird. «Ohne die MAF-Helikopter wären zahlreiche Hilfsbedürftige in der zerklüfteten Bergwelt völlig auf sich allein gestellt», sagt der Pilot, der bei seiner bisherigen Arbeit «nebst viel Elend auch einmal die Rolling Stones angetroffen» hat.

Dhanyabad – Danke!

Für Nepal leistet Diethelm Bodenständiges. «Ich suche im Auftrag von World Vision Schweiz nach Kooperationen und Geldgebern», sagt er, der im gebeutelten Land bis vor Kurzem der Hauptverantwortliche des Kinderhilfswerks war, das sich seit 15 Jahren in Nepal engagiert. Rund 400'000 Bedürftige im 33-Millionen-Volk hat dieses bisher mit dem Allernötigsten unterstützt. Mit vielen Einwohnern hat der Entwicklungshelfer innige Kontakte geknüpft. «Dhanyabad», hört er, wo immer er auftaucht: «Danke.» Und das, sagt Diethelm, sei das schönste Geschenk in einer Gegend, in der das durchschnittliche Jahreseinkommen bei nicht einmal 600 Franken pro Kopf liegt.»

Unser Fahrzeug ist nach Stunden wieder flott, wir erreichen den kleinen Fleck Kubinde im Distrikt Sindhupalchok, wo die Beben fast alles dem Erdboden gleichgemacht haben. Tonnen von Material hat Diethelms Organisation in diese Gegend geliefert, Wellblech für Unterkünfte, hygienische Artikel, aber auch Schulmaterial. Vieles im Dorf ist katastrophensicher rekonstruiert, und wie überall haben die Bewohner selbst Hand angelegt: «Die Hilfswerke stellen nichts fertig hin, sondern leisten Hilfe zur Selbsthilfe», sagt Diethelm. Kinder spielen mit jungen Hunden, Händler dösen vor verstaubten Früchten an Wegrändern, niemand zeigt sich verzagt.

«Die Leute haben gelernt, die Ungewissheit als einzige Gewissheit zu akzeptieren.» Denn jederzeit kann neues Unheil ausbrechen. Seit Jahresbeginn gab es bereits wieder 400 Beben, glücklicherweise aber bloss leichte um den Wert 3 herum. «Wer hier wohnt, führt ein in beklemmendem Sinn bewegtes Leben», sagt Diethelm.

Die Ärmsten triffts am schlimmsten

Eine einzige Fernstrasse bloss führt durch Nepal, das dreimal grösser ist als die Schweiz, Eisenbahnen gibt es nicht und motorisierte Vehikel fast ausschliesslich in Kathmandu, dem Moloch mit 4,5 Millionen Einwohnern, der unter ständigem Smog liegt. «Die ganze Stadt wurde durch die Erdstösse um fast einen Meter angehoben», erzählt Diethelm. Zahllose Hauptstädter wurden obdachlos, und kurzfristig musste auch die Schweizer Botschaft evakuiert werden.

Doch die meisten Schäden trafen die Landbewohner, «die Ärmsten der Armen», ein Volk ohne Versicherungen, das nach den Beben lange vergeblich auf Hilfe vom Staat oder von den Hindugöttern gewartet hatte. Kleine medizinische Zentren wie das von Gaikhur, das World Vision nahe dem Epizentrum errichten liess, sind deshalb wie 54 behelfsmässige Schulhäuser dringliche Investitionen, denn auf 2100 Nepalesen kommt gerade einmal ein Arzt.

Pflegerin Parbati Sharma im medizinischen Zentrum Gaikhur
Die Pflegerin Parbati Sharma im medizinischen Zentrum Gaikhur: Hier behandelt sie rund 20 Patienten pro Tag.

Die Pflegerin Parbati Sharma (38) behandelt hier täglich rund 20 Patienten, die von Angehörigen vor dem Bau des Hauses oft tagelang in Tragkörben zum nächsten Spital gebuckelt werden mussten. «Ohne die Hilfe des Auslands wären viele verloren», sagt die gute Seele, die noch nie in ihrem Leben das Dorf verlassen hat.

Zerstörungskraft einer Atombombe

Alles um uns ruckelt, wir heben ab mit einem Helikopter, den das MAF von der lokalen Fishtail Air gechartert hat, einer Gesellschaft, deren Piloten zum Grossteil von der Air Zermatt ausgebildet wurden. «Rund 1000 Tonnen Material brachten wir seit dem Desaster von 2015 in die Berge», sagt Daniel Juzi, der wie Roland Diethelm schon in den unwegsamsten und politisch heikelsten Gebieten der Welt unterwegs war und in Nepal die Lufteinsätze des Hilfswerks koordiniert.

Daniel Juzi instruiert einen Piloten
Daniel Juzi instruiert einen Piloten des weltweit tätigen Hilfswerks Mission Aviation Fellowship in Kathmandu.

Nach 40 Minuten landen wir auf 4000 Meter Höhe im Dorf Langtang, das Erdrutsche «mit der halben Kraft einer Atombombe» verwüstet haben. In diesem Inferno kamen 175 Menschen «ohne Hauch einer Chance» um. Und ohne Juzis Männer, die im Land bisher 2500 Stunden Nothilfe leisteten, wären die Überlebenden vermutlich ohne Perspektive.

Einer von ihnen, der die halbe Familie verloren hat und noch einige Mitglieder unter dem nahen Schuttkegel vermutet, macht uns in einem kleinen Bretterverschlag Tee. Sein «Dhanyabad», spürt man, kommt von Herzen. «Die menschliche Wärme in dieser unsicheren Welt ohne Luxus- und Labeldenken ist berührend», sagt Daniel Juzi, Vater von zwei Söhnen aus Gossau ZH. «Ich liebe nichts so sehr wie das Licht, das in den Augen derer angeht, denen wir helfen ­können.» 

Autor: Roland Falk

Fotograf: Manuela Eberhard