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02. November 2015

Zwei Gymnasiasten erobern Youtube

Niemand in der Schweiz hat derzeit mehr Erfolg auf Youtube als die beiden Gymnasiasten Nicola Petersen und Ken Rotaris. Sie lassen Animations-Clips zu populären Videogames herstellen und verdienen damit richtig viel Geld.

Ken
 Rotaris und Nicola Petersen
Gerade mal 20 und bereits global erfolgreich: Ken Rotaris (links) und Nicola Petersen mit ihrem wichtigsten Arbeitsinstrument.

Typhoon Cinema heisst ihr Youtube-Kanal. Er generiert täglich 1,5 Millionen Klicks und monatlich einen fünfstelligen Betrag an Werbe­einnahmen. Wer kein Teenager mehr ist und sich die verspielten, teils düsteren Animations- und Musik-Clips anschaut, kratzt sich verwirrt am Kopf: Mit so was erreicht man rund 850 000 Abonnenten? Doch wer so denkt, unterschätzt die Videogame-Leidenschaft der 13- bis 16-Jährigen. Sie sind die Zielgruppe von Ken Rotaris (20) aus Magden AG und Nicola Petersen (20) aus Muttenz BL.

«Wir haben uns sehr genau angeschaut, was auf Youtube die meisten Clicks generiert», sagt Rotaris. Es steht also mehr geschäftliches Kalkül als persönliche Leidenschaft für die Inhalte hinter ihrer Geschäftsidee, wie er offen zugibt. «Gaming hat enorm zugenommen in den letzten Jahren, und auch Animationen sind sehr gefragt.» Mit ihrem Typhoon Cinema führen sie beides zusammen, indem sie Zusatzmaterial rund um populäre Videogames herstellen: animierte Clips, die mit den Figuren und den Handlungselementen der Games spielen.

Jeden Tag zwei neue Clips online

«Youtube-Kanäle, die als Plattformen für Videos verschiedenster Leute dienen, gibt es schon lange», sagt Petersen. «Wir haben dieses Konzept übernommen und bieten freien Animationsdesignern einen Kanal für ihre Clips.» Als sie im April 2014 damit anfingen, fokussierten sie auf das extrem erfolgreiche Videogame «Minecraft»; mittlerweile sind sie umgestiegen auf «Five Nights at Freddy’s», ein Survival-Horror­game, in dem man die Rolle eines Nachtwächters in einer Pizzeria übernimmt, der von diversen Robotern attackiert wird und versuchen muss zu überleben. Pro Tag stellen die beiden zu diesem Game zwei neue Clips online, immer um 20 Uhr und um 1.30 Uhr nachts. Und sehen anhand der Clicks auch rasch, was gut läuft und was weniger.

«2 Evil Eyes» wurde von einem professionellen russischen Animations-Studio produziert und ist qualitativ auf höchstem Niveau.

Ihre Geschäftsidee schlug ein wie eine Bombe. «Wir sind extrem schnell gewachsen», sagt Petersen, «und inzwischen gibt es einige, die uns zu kopieren versuchen, aber wir sind mit Abstand die grössten – weltweit.» Niemand in der Schweiz hat derzeit mehr Clicks auf Youtube als ihr Typhoon Cinema. Inzwischen haben die beiden sogar einen festen Angestellten.

Das alles funktioniert nur dank der internationalen Vernetzung: Die Abonnenten kommen aus der ganzen Welt. «Zu Beginn hatten wir vor allem Zugriffe aus den USA, mittlerweile aber auch viele aus Russland und der spanischsprachigen Welt.» Genauso international wie ihr Publikum sind auch ihre bis zu 20 Animatoren. Die stammen aus Schweden, Norwegen, Serbien, England und anderen europäischen Ländern. «Der asiatische Markt ist relativ abgeschottet von Youtube, wir haben je einen Kontakt in Japan und Indien, aber das ist es dann schon.»

Gefunden haben sie ihre Designer online, der Kontakt läuft über Skype und auf Englisch. «Die jüngsten sind 13 Jahre alt, und das sind die besten von allen», so Petersen. «Die sind extrem motiviert und kreativ.» Die ältesten sind Mitte 30. Das Honorar ist Verhandlungssache und hängt von Alter und Erfahrung des Animators ab, aber auch von der Grösse des Auftrags. Die Bandbreite liegt zwischen zwei- und vierstelligen Beträgen.

Ideen für die Clips entwickeln sie selbst, schreiben kleine Drehbücher und komponieren Songs. «Manche Animatoren sind nicht so kreativ, die arbeiten gerne mit Vorgaben; sie begleiten wir auch sehr eng und geben immer wieder Inputs», erklärt Rotaris. «Andere sind sehr selbständig, die lassen wir einfach mal machen und schauen dann.» Der kreative Teil ist das, was ihnen am meisten Spass macht. Und obwohl sie von sich aus weder diese Spiele spielen noch ihren eigenen Kanal abonnieren würden, müssen sie inhaltlich gut genug über die Games Bescheid wissen, um Ideen zu entwickeln. «Das passiert aber bereits schon durch das kritische Anschauen der Clips quasi automatisch.» Es kann auch vorkommen, dass Videos nicht ihren Qualitätskriterien entsprechen, dann müssen die Designer nochmals ran. «Bei den Jüngeren ist es manchmal nicht so leicht, ihnen das beizubringen und sie zu motivieren, nochmals einen Anlauf zu nehmen.»

«Coldplay - A Sky full of Stars (parody)» ist die Maturarbeit von Nicola Petersen, welche er für uns natürlich zu einem speziellen Video verarbeitet hat.

Kennengelernt haben sich die beiden vor zweieinhalb Jahren im Fitnesscenter. Dort kamen sie ins Gespräch, entdeckten gemeinsame Interessen. Mittlerweile sind sie Geschäftspartner. Aber die Freundschaft gehe vor, versichern beide. Sie sind gemeinsam im Ausgang, gehen ins Kino, treffen Freunde. Aber sie haben deutlich weniger Zeit als früher, nicht mal für Freundinnen. «Das Business hat Vorrang», erklärt Petersen das Singledasein der durchaus attraktiven Jungs.

Erst die Matura, dann ein neues Projekt

Ihr Umfeld hat von ihrem Unternehmen lange gar nichts mitbekommen. Ein Artikel in «20 Minuten» hat dann allerdings viele Reaktionen ausgelöst. «Die meisten waren sehr positiv, aber ab und zu bekamen wir auch ein bisschen Neid zu spüren», sagt Rotaris. Zudem würden sie im Ausgang jetzt gern aufgefordert, eine Runde zu bezahlen, aber das sei jeweils scherzhaft gemeint, ergänzt Petersen.

Das meiste Geld legen sie ohnehin auf die hohe Kante, denn wenn die Schule nächstes Jahr abgeschlossen ist, wollen sie ein noch professionelleres und grösseres Unternehmen gründen. Derzeit denken sie darüber nach, ihren Kanal samt Geschäftsidee zu verkaufen, um so Startkapital für eine weitere Idee zu generieren, zu der sie sich aber noch bedeckt halten. Klar ist nur eins: Auch das soll ein gemeinsames Unternehmen werden. Vorerst müssen sie beide noch die Matura hinter sich bringen. Bei Rotaris stehen jetzt im Herbst die Prüfungen an, bei Petersen im Frühling. Zum Glück zeitversetzt, so dass der jeweils weniger stark belastete sich mehr ums Geschäft kümmern kann.

«Alone With Them» ist ein Music Video, welches wir mit einem talentierten Sänger (bei Vevo unter Vertrag) produziert haben. Für uns zählt es zu den Top 3 Songs auf unserem Kanal.

Ein Ziel wollen sie mit ihrem Youtube-Kanal aber auf jeden Fall noch erreichen: die Millionenmarke knacken. Als sie Anfang ­April 100 000 Abonnenten erreichten, ­bekamen sie von Youtube eine Gratulationsplakette. Die nächste gibt es bei einer Million Abonnenten, die sei dann grösser und wertvoller, erklärt Petersen. «Wenn wir in diesem Tempo weiterwachsen, ist es spätestens im Laufe des Novembers so weit.»

Autor: Ralf Kaminski

Fotograf: Mirko Ries