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06. Juni 2017

Zwei grosse Golftalente in einer Familie

Die Schwestern Kim und Morgane Métraux träumen von einer Profikarriere als Golferinnen. Nach ihrer Silbermedaille an der Amateur-WM im vorigen Jahr, werden sie bei der kommenden Heim-EM in Lausanne als Favoritinnen gehandelt.

Kim Métraux mit ihrer Schwester Morgane
Trockenübung: Kim Métraux (21, links) mit ihrer Schwester Morgane (19)

Der Golfsport prägt das Leben von Kim (21) und Morgane (19) Métraux. Die Waadtländerinnen leben zusammen in einer Zweizimmerwohnung in der Nähe der Florida State University in Tallahassee. Dort studieren sie Business Management. Dass sie das ausgerechnet im «Sunshine State» der USA tun, hat einen Grund: Nur zehn Fahrminuten vom Campus entfernt befindet sich ein 18-Loch-Golfplatz, der das ganze Jahr geöffnet ist.

Kim und Morgane sind im beschaulichen Winzerdorf Cully VD am Genfersee aufgewachsen. Eines Tages meinten die Eltern, dass es doch schön wäre, einen Sport zu machen, den man in den Ferien gemeinsam betreiben kann. Bis zu diesem Zeitpunkt war für die Töchter das Klavierspielen die grosse Freizeitbeschäftigung. «Dann mussten wir uns irgendwann für das eine oder andere Hobby entscheiden, weil das Pianospielen täglich zwei Stunden Üben erforderte», erzählt Morgane. Die Wahl sei vor rund zehn Jahren aufs Golfen gefallen, weil «der Sport draussen stattfindet und für einen sozialen Austausch sorgt. Selbst im Wettkampf unterhält man sich miteinander. Klavier muss man allein üben.»

Aufwand: 25 Stunden pro Woche

Aus dem Hobby wurde eine Leidenschaft. Der Ehrgeiz wuchs. Heute investieren die beiden rund 25 Stunden pro Woche in den Sport, drei Stunden davon sind Fitnesstrainings. Morgane: «Wir stehen meist um 6 Uhr für das Fitnesstraining auf, gehen an die Uni, nachmittags spielen wir Golf, kochen, gehen schlafen. Am nächsten Tag beginnt das Programm von vorn.»
Gemeinsam wohnen, studieren und auch noch trainieren: Führt das nicht zu Konflikten? «Nein. Wir kommen sehr gut aus», sagt Kim. Und Bekannte bestätigen: Hat eine mal eine schlechte Phase, wird sie von der Schwester motiviert.

Sind die Sportlerinnen, die für den Club Lausanne spielen, zu Besuch bei den Eltern am Lac Léman – was noch ein-, zweimal jährlich vorkommt –, fahren sie mehrmals wöchentlich zur Fitness- und Indooranlage von Golf-Fit in Puidoux VD. Dort trainieren sie neben Fitness auf einer Simulationsanlage das Einputten. In den USA werden die Schweizerinnen von einem Coach der Uni betreut. Trotzdem haben sie einen Haupttrainer: den in Salzburg lebenden Südafrikaner Jonathan Mannie. Mit ihm tauschen sie sich regelmässig aus. Der 54-Jährige war zuvor für das Schweizer Team verantwortlich.

Der Einsatz trägt erste Früchte. An den Golfweltmeisterschaften der Frauen vom vergangenen September im mexikanischen Cancún holten Kim und Morgane zusammen mit der Walliserin Azelia Meichtry (20) im Teamwettkampf eine Silbermedaille. Dies war der grösste Erfolg in der Geschichte der Schweizer Golfamateurinnen.
«Der zweite Rang war ein grossartiges Gefühl», sagt Kim. Und ihre Schwester ergänzt: «Ich glaube, unsere Eltern sind ziemlich stolz auf uns. Sie begleiten uns auch an viele Turniere.»

Nach dem Studium hat Golf Vorrang

Morgane zählt zu aufstrebenden Amateurspielerinnen der Welt. Mit einem Handicap von +4,6 belegt sie auf der Weltrangliste den 44. Platz, Kim den 74. Rang (mit einem Handicap von +4,1). Die Schwestern träumen davon, eines Tages bei den Profis zu spielen. Vorerst hat aber das Studium Vorrang, das sie im Frühling 2018 abschliessen werden. Trotzdem haben sie in ihrer Freizeit bis April mehrere Golfturniere bestritten. Im Sommer spielen sie in Europa, vom 26. bis 29. Juli an der EM der Amateurgolferinnen in Lausanne VD, wo sie zu den Favoritinnen gehören – auch wenn sie das nie von sich behaupten würden.

Es ist das erste Mal überhaupt, dass ein solcher Anlass in der Westschweiz ausgetragen wird. «Ende August nehmen wir dann an einem Turnier in Kalifornien teil, um uns für die Professional Tour zu qualifizieren», sagt Morgane.
All das bedingt Investitionen von jährlich mehreren tausend Franken. Der Schweizer Golfverband kommt für die Reisen nach Europa, die Übernachtungen und Mahlzeiten auf, die Universität begleicht die Kosten für das Golfmaterial, die Reisen in den USA und den akademischen Teil. «Ein paar Turniere bezahlen wir selbst respektive unsere Eltern», sagt Kim.

Es bleibt noch Zeit für die Liebe: Harry (21) aus dem englischen Southampton ist Morganes Freund und studiert an derselben Universität in Florida. Kims Freund Rodolphe (23) wohnt am Genfersee und spielt ebenfalls für den Golfclub Lausanne. Das Paar überbrückt die Distanz mit Skype, und ab und zu besucht Rodolphe seine Freundin in Florida. Das hat dann zur Folge, dass es in diesen Tagen mit der Zweisamkeit der Schwestern kurz vorbei ist. 

Autor: Reto E. Wild

Fotograf: François Wavre