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28. April 2014

Zwangsstörungen im Alltag

Melanie Eicher* leidet unter zwanghaftem Verhalten. Sie ekelt sich vor Bakterien anderer Leute und muss deshalb immer wieder ihre Hände waschen. Und bei der Arbeit kontrolliert sie jeden Schritt so oft, bis sie mit allem zu spät ist.

Fünf Minuten. Nur fünf Minuten, fünf Minuten. Länger nicht. Melanie Eicher* schwitzt. Sie streckt die Hand aus. Herzrasen. Ihre Finger berühren die Zahnbürste. Zittern. Ekel.

«Sie schaffen das», sagt die Therapeutin, ihre Hand auf Melanies Schulter. «Nein, ich kann das nicht!» Melanie Eicher schreit, sie brüllt. Schmutz, überall Schmutz. Sie will sich die Hände ­waschen, sofort, nicht in fünf Minuten, jetzt!

Melanie Eicher leidet unter Zwangsstörungen: Kontrollzwänge, Zwangsgedanken, Handwaschzwang. Mit 18 machte sie im Sanatorium Kilchberg ZH, einer Privatklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, eine Verhaltenstherapie. Das ist jetzt zehn Jahre her.

Das zwanghafte Verhalten begann schon in der Schulzeit

An ihre Kindheit, daran, wie das früher zu Hause war, erinnert sich Melanie noch gut. Sie sagt, dass das zwanghafte Verhalten bei ihr in der Familie liegt. «Melanie, iss dein Gipfeli, iss dein Gipfeli, iss dein Gipfeli, iss endlich dein Gipfeli.» Immer wieder wiederholte die Mutter ihre Anweisungen, auch wenn das Mädchen längst gefolgt hatte. «Und mein Vater hat sich ständig beschwert, dass es bei uns nicht sauber genug sei. Dabei stimmte das gar nicht.»

Als Melanie zwölf ist, bekommt sie eine neue Lehrerin. Die ist sehr streng. Melanie will alles richtig machen, 200-prozentig. Immer wieder kontrolliert sie ihre Hausaufgaben, sitzt stundenlang am Schreibtisch, bis drei Uhr in der Nacht. «Ich konnte nicht anders», sagt sie. «Ich hatte so grosse Angst, Fehler zu machen.» Damals fing es an, auch das mit dem Händewaschen. Melanie hat zu dieser Zeit viel Streit mit ihrem Vater. Sie ist in der Pubertät. Im Badezimmer sieht sie seine Bartstoppeln im Handtuch. Es gibt nur ein Handtuch für alle. «Davor habe ich mich so geekelt, ausgerechnet von ihm.»

Eins, zwei, drei vier … eins, zwei, drei vier … eins, zwei, drei, vier … 20 bis 30 Mal geht sie die Zahlenreihe im Stillen durch, lässt die Seife über die Handrücken gleiten, den Schaum durch ihre Hände. Drückt kräftig zu. Nach dem Aufstehen, vor dem Essen, nach dem Essen, vor dem WC, nach dem WC bevor sie das Haus verlässt und wenn sie wieder nach Hause kommt. Eins, zwei, drei, vier … bis das Gefühl weg ist. Sie sich sauber fühlt, rein.

Mit 17 zieht sie in eine betreute Wohngemeinschaft. Da gibt es ein Badezimmer für alle. Sie hat Angst vor den Bakterien der anderen. Eins, zwei, drei, vier … «Ich wusste, dass das total übertrieben ist, aber die Angst war einfach zu gross», erinnert sie sich.

Nach dem Schulabschluss macht sie ein Praktikum in einer Kinder- und Jugendeinrichtung, arbeitet fleissig und gewissenhaft, zu gewissenhaft. Mit den zugewiesenen Aufgaben wird sie nicht fertig. Ihr Kontrollzwang. «Melanie, warum sind deine Hände so rot und aufgerissen?», fragt die Chefin. Melanie schweigt. Die sehnlichst gewünschte Lehrstelle bekommt sie nicht.

Wie würden sich ‹normale› Menschen benehmen?

Daraufhin geht sie zu einer Kinder- und Jugendtherapeutin, die überweist sie ins Sanatorium Kilchberg. Die Zeit dort war sehr anstrengend, aber gut. Sagt sie.
«Wie würden sich ‹normale› Menschen benehmen, Melanie?», fragt die Therapeutin. Melanie weiss es. Und doch.

«Es gibt keinen 100-prozentigen Schutz vor Bakterien, sie sind überall. Und das ist nicht schlimm.» Dieser Satz ihrer Therapeutin ist ihr im Gedächtnis geblieben. «Er hat mir sehr geholfen», erinnert sich Melanie. Teil ihrer Therapie ist es auch, Aufgaben zu erfüllen: Ihre mitgebrachte Zahnbürste aus der Wohngemeinschaft berühren, ohne sich anschliessend die Hände zu waschen. Zum Beispiel. «Das war die Hölle. Aber es ging. Von Mal zu mal besser», sagt sie. Ihren Waschzwang bekommt sie dort in den Griff, der Kontrollzwang ist hartnäckiger.

Und dann kamen noch diese Gedanken. «Spring ins Wasser», zum Beispiel. Die Worte sind plötzlich da, in ihrem Kopf. «Nein, nein, das kann ich nicht machen», sagt sie sich dann. Und erzählt der Freundin, mit der sie gerade am Zürichsee spazieren geht, nichts davon. Zu gross sind die Scham und die Angst, es irgendwann doch zu tun. Die Kontrolle zu verlieren. «Schenken sie diesen Gedanken nicht so viel Beachtung, dann wird es besser», rät ihr die Therapeutin.

Die IV-Stelle ihres Kantons weist Melanie einen geschützten Arbeitsplatz in einem Büro zu. Dort weiss man um ihre psychische Störung, nimmt Rücksicht. Mittlerweile arbeitet sie seit fast zehn Jahren dort. Es fällt ihr immer noch schwer, die Rechnungen, die sie schreiben muss, nicht immer wieder zu kontrollieren. Sind alle Wörter richtig geschrieben, fehlt ein Komma, oder hat sie gar eine Zahl vertauscht? In der Regel nicht. In der Regel stimmt alles, schon nach der ersten oder zweiten Kontrolle. Sie versucht es dann gut sein zu lassen. Das gelingt ihr nicht immer, aber manchmal schon, wie einem ganz normalen Menschen.

*Name von der Redaktion geändert

Fotograf: Evelin Hartmann