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15. April 2013

Zurückgezogen in die Arbeitswelt

Menschen mit Asperger-Syndrom leben am liebsten zurückgezogen und meiden den Kontakt zu anderen. Trotzdem können sie in der Arbeitswelt einen wertvollen Beitrag leisten. Wie Cassidy Schaffhauser bei Asperger Informatik.

Cassidy Schaffhauser
Cassidy Schaffhauser leistet bei Asperger Informatik einen wertvollen Beitrag. (Bild: zVg.)

Die Familie von Cassidy Schaffhauser wanderte vor sechs Jahren aus den USA in die Schweiz ein. Damals wusste das Mädchen noch nicht, warum sie anders war als alle anderen. Die Mutter beschloss, ihre Tochter erst am 13. Geburtstag mit dem schlimmen Schicksal zu konfrontieren. Es war ein herber Schlag für das Kind. Denn zu diesem Zeitpunkt stand für die Familie schon beinahe zehn Jahre lang fest, dass Cassidy das Asperger-Syndrom hat. Davon betroffene Menschen zeigen zum Beispiel grosse Schwächen in der Kommunikation und haben Mühe, Gesten und Mimik von Mitmenschen zu erkennen.

«Ausser Haus bin ich scheu, nervös und habe wenig Selbstvertrauen», sagt Cassidy deshalb. Nur zu Hause benimmt sich das Mädchen ganz normal – fröhlich, offen, laut und ab und zu auch frech. Diese Ausgangslage macht schon die Schulzeit schwierig genug. Aber für eine Anstellung ist sie noch viel problematischer. Denn in der Arbeitswelt spielt der soziale Kontakt mit anderen Menschen eine noch wichtigere Rolle und für Solisten gibt es normalerweise wenig oder gar keinen Platz. Trotzdem absolviert die heute 17 jährige Cassidy eine Berufslehre als Mediamatikerin in Stäfa (ZH).

Sie wird dabei von ihrem Arbeitgeber Asperger Informatik unterstützt und gefördert. Geschäftsführerin Susan Conza will der Gesellschaft mit diesem Engagement zeigen, welches Potenzial in Aspergern steckt und wie die Wirtschaft von ihnen profitiert. Allerdings ist das kein Zuckerschlecken: Betroffene kommen in Stress- oder Drucksituationen nicht zurecht und brauchen ein ruhiges, bequemes Arbeitsumfeld. Telefonläuten oder andere Lärmquellen wie laute Gespräche stören Aspergerpatienten mehr als andere. Das Unternehmen muss seine Räume und die Einsatzplanung deshalb so gestalten, dass sich niemand gestört fühlt.

Weil sich ihr Arbeitgeber so gut auf seine Angestellten einlässt, fällt der Lernenden ihr Einstieg in die Arbeitswelt sehr leicht. Dabei hilft, dass der Betrieb weitere Asperger-Betroffene beschäftigt. «Nur wenn ich reden muss, habe ich Mühe», sagt Cassidy deshalb. Besonders mit Gruppenarbeiten oder Sitzungen tut sie sich deshalb noch schwer. Trotzdem ist Asperger Informatik der optimale Lehrbetrieb für die junge Frau. Sie absolvierte vor ihrer Anstellung zahlreiche Schnupperwochen bei anderen Firmen, fühlte sich aber nirgends so wohl wie hier.

Davon profitiert auch der Arbeitgeber: Asperger bringen Geduld, Ausdauer und eine hohe Konzentration mit. Zudem tragen sie eine frische Sicht in die Firma, da Menschen mit diesem Symptom bestehende Prozesse zehnmal hinterfragen, bis sie diese verstehen. Zu den grossen Stärken der Asperger zählen aber ihre besonderen Talente wie zum Beispiel musische, künstlerische, sprachliche, visuelle oder rechnerische Fähigkeiten. In einer Informatikunternehmung hilft Letztere zum Beispiel bei Programmierarbeiten, die analytisches Denken erfordern.

Cassidy Schaffhauser denkt nicht analytisch. Sie ist dafür sehr kreativ und ihr grösstes Talent ist das Zeichnen. «Seit ich drei Jahre alt war, habe ich nichts anderes gemacht», sagt Cassidy. Die angehende Mediamatikerin liebt alles, was auch nur im Entferntesten damit zu tun hat. Im Arbeitsalltag beschäftigt sich das Mädchen deshalb am liebsten mit Grafiken.

Schon in einem Jahr ist die Lehrzeit vorbei und die Suche nach einem neuen Arbeitgeber steht an. Wenn immer möglich, möchte sie aber immer mit Asperger Informatik verbunden bleiben. Doch insgeheim hat Cassidy Schaffhauser einen ganz anderen Wunsch: «Ich will mich auf mein Talent konzentrieren und am liebsten berühmt werden.»

Autor: Reto Vogt