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02. April 2013

Zum Brüllen

Ein Brüllaffe
Ein Brüllaffe – tierischer Verwandter von nervlich herausgeforderten Eltern. (© Okapia)

Ich beginne jeden Tag mit einem Mütter-Mantra: Heute werde ich meine Kinder nicht anbrüllen. Heute werde ich meine Kinder nicht anbrüllen. Nicht anbrüllen. Nicht anbrüllen. – Anbrüllen? Es tut mir leid, dass wir jetzt die Komfortzone verlassen müssen, aber die Wahrheit ist: Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich meine Mädchen nicht wenigstens ein Mal anplärre, anschnauze oder anbelle. Wäre ich ein Affe, ich gehörte garantiert zur Gattung der Brüllaffen.

Okay, meine Schreikrämpfe kommen nicht aus dem Nichts. Ich rede mir erst den Mund fusselig oder zähle bis «drü-ü». Ich drohe mit diversen Sanktionen und stelle komplexe Ultimaten. Zum Beispiel: Eva, wenn du die bunten Bastelfedern, die du in der ganzen Wohnung verstreut hast, nicht augenblicklich einsammelst, dann, ja dann gibts … äh … Fernsehverbot. Genau! Ein Jahr lang Fernsehverbot. Das Kind guckt dann immer total verständnislos. Es versteht nämlich nicht, dass man schon vor dem Mittagessen das Anrecht auf den Sandmann am Abend verlieren kann. Laut Elternratgeber sollte man immer mit Konsequenzen drohen, die direkt mit der eigentlichen Situation in Zusammenhang stehen. Das klänge dann ungefähr so: Eva, wenn du nicht augenblicklich alle Bastelfedern, aufsammelst, dann muss Mami dich teeren und federn. (Abgesehen davon, dass ich erst mal googeln müsste, wie genau man das macht, bezweifle ich, dass das erziehungstechnisch funktionieren würde.) Was mache ich also? Irgendwann fange ich an zu brüllen. «EEEVA! FEDERN AUFLESEN, SOFORT!» Ich krähe so laut, dass bei uns die Wände wackeln. Dabei spucke ich winzige Tröpfchen. Es sieht bestimmt unattraktiv aus. Wenigstens funktioniert das meistens. Die Kids murren, meine Grosse verdreht die Augen, doch dann spuren beide.

Wenn das nicht klappt, bin ich allerdings aufgeschmissen. In meiner Familie geht es nämlich an dieser Stelle nicht mehr weiter. Bei uns wird weder geschüttelt noch an Gliedmassen gezerrt. Es wird auch nicht geschlagen. Mir ist noch nie die Hand ausgerutscht (und darauf bin ich sehr stolz!). Meine Kinder werden weder kalt abgeduscht noch müssen sie im Winter auf den Balkon. Ich nehme den Kleinen auch nicht ihre Stofftiere weg. Und Sätze wie: Wenn du jetzt nicht folgst, hat das Mami dich nicht mehr lieb! sind bei uns tabu. Die Liste ist übrigens nicht frei erfunden. Eltern sind sehr kreativ, wenn es darum geht, ihren Willen durchzusetzen. Manchmal ist man unfreiwillig Zeuge und würde am liebsten laut schreiend davonlaufen.

Im Vergleich dazu erscheint mir mein Geplärre relativ harmlos. Und doch – ich würde es gerne abstellen. Bisher scheitere ich an der Aufgabe. Ich bin halt auch nur ein Mensch. Mamas sind übrigens Menschen, wussten Sie das?

Autor: Bettina Leinenbach