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24. November 2014

Zuhören

Stilles Trösten ist angesagt
Hier ist stilles Trösten angesagt. (Bild Getty Images)

In einem Moment rennt das Mädchen, im nächsten fliegt es. Rumms! Landung mit den Knien, Stossdämpfung durch die Handflächen. Natürlich brüllt es wie am Spiess. Die Kindsmutter ist ungerührt und bringt Standardsprüche: «Nicht schlimm, ist doch nichts passiert! Ich habs genau gesehen. Steh wieder auf!»

Hallo? Was heisst hier nichts passiert? Das Kind hat die Erdanziehung vorübergehend ausser Kraft gesetzt. Es hat spätestens in dem Moment, als der Boden wieder näher kam, sehr viel Angst bekommen. Das Adrenalin rauscht immer noch durch seine Adern. Ausserdem klebt ein Teil seiner Epidermis am Asphalt. Es war eben doch schlimm. Sehr sogar. Das alles buttert die Mutter aber unter und merkt es nicht einmal. Warum schaffen Eltern es oft nicht, sich in ihre Kinder hineinzuversetzen? Warum fertigen sie die Kleinen mit Floskeln ab, statt zuzuhören?

Für alle, die sich nicht mehr daran erinnern, wie das geht: Zuhören heisst vor allem Schweigen. Das Kind anschauen, es in den Arm nehmen, ihm beistehen. Die Erfahrung zeigt: Wenn die Grossen leise sind, öffnen sich die Kleinen. «Ich bin gerannt, plötzlich gestolpert … schlimm … aua … sehr erschrocken …» Es ist ein bisschen wie beim Kotzen: Alles muss raus, damit die Genesung beginnen kann. Wer in einem solchen Moment partout nicht die Klappe halten kann, der darf gern auch «oooh!» oder «aaah!» sagen, wenn er das Unglückskind tröstet. «Das hat sicher sehr wehgetan!» ginge auch. Oder: «Ich kann mir gut vorstellen, wie sehr du dich erschreckt hast.» Alles andere ist in der Regel aber unnötig. Das leuchtet ein, oder? Ich hätte diesen englischen Ratgeber, den mir meine Freundin aus Amerika geschickt hat, gar nicht erst lesen müssen, um zu dieser Erkenntnis zu gelangen. Als Supermutter weiss ich schon lange, wie es richtig gemacht wird.

Schon merkwürdig, dass ich neulich trotzdem «Nicht schlimm, ist doch nichts passiert! Ich habs genau gesehen. Steh wieder auf, Eva!» gesagt habe. Ich bin diese Mutter, die in jenem Moment so ziemlich alles falsch gemacht hat. Vielleicht war ich genervt oder gestresst, vielleicht fand ich es schlicht zu anstrengend, mich mit dem Malheur meiner Kleinen auseinanderzusetzen. Keine Ahnung. Aber ich gelobe Besserung. Vielleicht schliessen Sie sich mir an und versuchen es beim nächsten Sturzflug ihres Kindes auch einmal mit Zuhören.

Autor: Bettina Leinenbach