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10. Oktober 2011

Zuhause in der Blocksiedlung

In der Schweiz wird pro Sekunde ein Quadratmeter Kulturland verbaut. Verdichtetes Wohnen verhindert, dass die Bauzonen schon in 20 Jahren ausgeschöpft sind. Was verdichtet heisst, zeigt sich in der Genfer Grosssiedlung Le Lignon, im Aarauer Telli-Quartier sowie in Brünnen, dem neuesten Stadtteil von Bern: Man wohnt in grossen Blöcken.

Le Lignon
Ausserhalb Genfs, in der Nähe der Rhone, steht ein gut 1000 Meter langer Wohnblock in der Landschaft.

Rund 15 Fahrminuten westlich des Genfer Hauptbahnhofs erstreckt sich das mit 1054 Meter längste Wohnhaus der Schweiz. Hier lebt Karin Kaukorat (68) seit 1992 in einer 52 Quadratmeter kleinen, nicht renovierten Wohnung und bezahlt monatlich 1000 Franken Miete. Ihr Wohnblock bildet zusammen mit zwei Wohntürmen mit 29 und 25 Etagen die Cité du Lignon. Die Gebäude locken Architekturstudenten aus der ganzen Welt an. Von 1962 bis 1971 für 10 000 Mieter des Mittelstands konzipiert und gebaut, leben hier neben der deutschen Rentnerin rund 6500 Menschen — weniger Familien und mehr Singles als früher. Le Lignon gehört zu Vernier GE, einer Gemeinde mit 47 Prozent Ausländern aus 100 Nationen.Passanten sagen, Le Lignon sei wie der Turmbau zu Babel, aber meist ruhig.Es sei denn, Hunde bellen, Kinder lärmen oder ein Flugzeug fliege Genf-Cointrin an.

Karin Kaukorat wanderte vor mehr als 40 Jahren von Frankfurt in die Romandie aus und arbeitete als Sekretärin bei einer internationalen Organisation in Genf. Sie erinnert sich: «Als mir mein damaliger Arbeitgeber diese Wohnung vorschlug, fühlte ich mich unsicher, denn im Quartier gibt es Vandalismus und Einbrüche. Das riesige Gebäude war abschreckend.» Doch für die alleinstehende Frau, die seit zehn Jahren in der Katze Kiki eine treue Begleiterin hat, überwogen die Vorteile. Sie schätzt die öffentlichen Verkehrsmittel nach Genf, die Grünflächen und das Einkaufszentrum. Kaukorat blickt gerne vom Wohnzimmer auf die Rhone. Zu der nach französischem Vorbild erstellten Grosssiedlung gehört ein Kindergarten,eine Bibliothek, die grösste Primarschule des Kantons Genf,ein Gesundheitszentrum sowie eine katholische und eine reformierte Kirche.

In Le Lignon ist der Umgang mit den Nachbarn distanziert

Der Umgang mit den 6500 Mitbewohnern sei nicht anonym, aber distanziert. «Ich kenne die Dame, die oberhalb wohnt, und die Familie unter mir, und auf der gleichen Etage lebt meine beste Freundin. Die Bewohner der anderen Etage kenne ich nur vom Sehen», sagt Kaukorat. Manchmal begegnet sie den Nachbarn in den Waschküchen, die es auf jedem vierten Stockwerk gibt. Die rüstige Rentnerin sagt: «Ich fühle mich hier ziemlich sicher und habe keine Lust mehr umzuziehen.» Der schlechte Ruf von Le Lignon, das in Anlehnung an einen berüchtigten Stadtteil von New York auch schon als die Bronx der Schweiz bezeichnet wurde, sei unbegründet.

Obwohl die Riesensiedlung vor knapp 50 Jahren entstanden ist, gilt sie als architektonisches Vorbild für die Zukunft. Denn der Schweiz geht das Bauland aus — laut dem Bundesamt für Statistik (BfS) schon in 20 Jahren. Die Gründe: 1950 hatte die Schweiz 4,7 Millionen Einwohner, heute sind es bei einer jährlichen Zuwanderung von deutlich über 100 000 Personen rund 7,9 Millionen. Damit ist die Schweiz nach den Niederlanden das am dichtesten besiedelte Land Europas. Alleine in den letzten zwölf Jahren wurde in der Schweiz gemäss BfS eine Fläche in der Grösse des Kantons Nidwalden verbaut. Jede Sekunde verschwindet schweizweit ein Quadratmeter Kulturland. Heute nimmt eine Person im Schnitt gut 50 Quadratmeter Wohnflächefür sich in Anspruch. Vor 50 Jahren waren es noch halb so viel. Mit der von Pro Natura gestützten, im August 2008 eingereichten Landschafts-Initiative ist diese Entwicklung definitiv zum Politikumgeworden (siehe Interview mit Stadtwanderer Benedikt Loderer ).

Der Ruf nach verdichtetem Bauen wird immer lauter. In Brünnen-Westside, acht S-Bahn-Minuten vom Berner Stadtzentrum entfernt, zeigt sich, wie das in Zukunft aussehen könnte: Das Wohnviertel mitten im Grünen, umgeben von Bauernhöfen, wird bis 2018, wenn das Projekt abgeschlossen ist, rund 1000 Arbeitsplätze und 800 Miet- und Eigentumswohnungen für 2600 Menschen umfassen. In diesem Quartier wohnen seit Herbst 2008 André Moro (48),seine aus Griechenland stammende Frau Eva und Tochter Lina (19).

Moros und Kater Manfred fühlen sich wohl in Brünnen-Westside

«Wir waren die ersten Eigentümer im ganzen Quartier», sagt der Familienvater. Die Moros besitzen eine helle, 163 Quadratmeter grosse 6-Zimmer-Wohnung mit Waschmaschine und Bodenheizung. Die dreiköpfige Familie mit ihrem Kater Manfred lebt damit pro Kopf auf einer grösseren Fläche als der Schweizer Durchschnitt. Moros fühlen sich wohl im nach Minergie-Standard gebauten Eigenheim. Zuvor wohnten sie in Spiez am Thunersee. Doch André Moro war des jahrelangen Pendelns zwischen Spiez und seinem Arbeitsort Bern müde. Auch für die angehende Mediamathikerin Lina ist Bern Arbeitsort.

«Wir wollten eine Wohnung fürs Alter und haben den Umzug noch nie bereut», sagt Eva Moro. Sie hat die Wohnung im Internet entdeckt und schwärmt von der Nähe zum Einkaufszentrum Westside mit den Kinos, Restaurants sowie dem Erlebnisbad Bernaqua. «Unsere ältere Tochter, die in Thun wohnt, sagt, wir seien moderner geworden, seit wir in Brünnen leben.» Das soziale Netz ist in diesem neuen Wohngebiet engmaschig. Und Eva Moro gilt als aktive Bewohnerin: Sie ist im Quartier als Tante Eva bekannt, weil sie manchmal Nachbars Kinder hütet und mit der 86-jährigen Nachbarin Tee trinken geht.

Im Mai 2010 haben alle vom Baufeld 8, die wie André Moro im Sternzeichen des Stiers geboren sind, die Bewohner zum gemeinsamen Grillfest eigeladen. Inzwischen sind mit Ausnahme der Parterrewohnungen alle bereits gebauten Einheiten belegt.Besucher können kaum glauben, dass die Autobahneinfahrt zur A1 nur 300 Meter weit entfernt ist — die Autobahn führt unterirdisch am Quartier vorbei. Ein begrünter Streifen am Rand der Wohnblöcke ist das einzige Indiz dafür. In dieser Umgebung fühlt sich auch der neunjährige Kater wohl: Er bringt regelmässig Mäuse in die Wohnung.

Auch Ursula Bickel (45) und Silvio Petrecca (47) haben eine riesige Nachbarschaft: 2500 Menschen, verteilt auf 1258 Wohnungen. Bickel und Petrecca sind Eltern einer Patchworkfamilie, die in Einer 114 Quadratmetergrossen5,5-Zimmer- Wohnung im Herzen von Aaraus Telli-Quartier wohnen, und zwar im 18. und obersten Stock, umgeben von einer riesigen Terrasse.Sie gibt den Blick frei auf die bis zu 50 Meter hohen Telli-Blöcke,dieimVolksmund«Staumauern» heissen, auf das Atomkraftwerk Gösgen, den Aarewald,das 1,5 Kilometer entfernte Stadtzentrum von Aarau, die Aare sowie den Jurasüdhang.«Die Aussicht darauf ist mein Favorit», sagt Petrecca. Er arbeitet als Kundenberater bei einer Versicherung und ist Vater zweier Söhne.

Ursula Bickel: «Oh Gott, da könnte ich nie wohnen»

Als Ursula Bickel erstmals zu ihrem Freund ins Telli-Quartier fuhr und die in den 1970er- und 1980er-Jahren entstandenen Blöcke an der Delfterstrasse sah,war sie vom Anblick nicht sonderlich erbaut. «Oh, Gott, da könnte ich nie wohnen», habe sie damals gesagt. Sie ist in einem Einfamilienhaus in Sonnental SG aufgewachsen. Als Kind verband sie Überbauungen mit dem Buch der Christiane F., «Wir Kinder vom Bahnhof Zoo».

Dennoch ist Aussendienstmitarbeiterin Ursula Bickel im März 2010 zusammen mit ihrer Tochter und ihrem Sohn vom Zürcher Unterland ins Telli-Quartier gezogen. «Wir bezahlen pro Monat 2500 Franken Miete. Dieses Preis-Leistungs-Verhältnis für diese tolle Wohnung ist das Beste Aaraus.»

Die passionierte Sängerin, die immer wieder gerne auf Firmen- und Privatanlässen Hits von Louis Armstrong bis Amy Winehouse vorträgt, schätzt die Vorteile des Telli-Quartiers: Zwischen den Wohnzeilen sind Parklandschaften, Rasenflächen und Bäume gepflanzt; das Naherholungsgebiet zum Joggen, Velofahren oder Spazieren entlang der Aare befindet sich vor der Haustür. Pingpongtische, ein Fussball- und ein Grillplatz, ein Kindergarten, ein Kleintierzoo und eine Sauna (allerdings nur für sechs Personen) sorgen für Erholung unter den Tellianern, wie sich die Einwohner nennen. Diese bestehen zu 30 Prozent aus Ausländern, vor allem aus Italien, der Türkei und Ex-Jugoslawien. Dies teilt das Gemeinschaftszentrum Telli mit, das zusammen mit dem Quartierverein zehnmal pro Jahr das Mitteilungsblatt «Telli Post» herausgibt.

«Es hat hier viele Ausländer und Rentner.Wenn ich zur Arbeit fahre,steht der Spitex-Wagen jeden Morgen vor meiner Haustür», sagt Bickel. Sie bezeichnet den Umgang mit den Anwohnern als «eher anonym». Vermutlich hänge dies mit den häufigen Miterwechseln zusammen. «Trotzdem fühlen wir uns in dieser Siedlung wohl», sagt Petrecca. Ein Nachteil ist die Tiefgarage, beträgt doch die Distanz vom Eingang bis zum Parkplatz ganze 900 Meter. Petreccas Freundin ist deshalb froh über die Überwachungskameras und die vielen Lichtschalter. So fühle sie sich in diesem Untergrund sicher.

Nach getaner Arbeit geniesst die Patchworkfamilie die einmaligen Sonnenuntergänge, 50 Meter über dem Boden: Das reicht manchmal, um oberhalb der Nebelgrenze zu sein.

Autor: Reto Wild

Fotograf: Markus Bertschi