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07. Mai 2012

«Zufriedene Väter arbeiten produktiver»

Jesper Juul (64), Gründer von Familylab International und Autor des Buchs «Mann und Vater sein», über den Vaterschaftsurlaub.

Jesper Juul (64) ist ein international renommierter dänischer Familientherapeut, Gründer von Familylab International und Autor des Buchs «Mann und Vater sein».
Jesper Juul (64) ist ein international renommierter dänischer Familientherapeut, Gründer von Familylab International und Autor des Buchs «Mann und Vater sein».

Jesper Juul (64) ist ein international renommierter dänischer Familientherapeut, Gründer von Familylab International und Autor des Buchs «Mann und Vater sein».

Jesper Juul, für wen ist der Vaterschaftsurlaub wichtiger – für die Väter oder für die Kinder?

Ganz klar: Er ist für beide gut. Die Väter tun es zwar primär für sich, aber für die Kinder ist es die beste Ausgangslage, wenn ihr Vater seine Rolle nicht nur als Mithelfer sieht und sich nicht nur über seine Berufsarbeit definiert, sondern ein echter Vater ist. Und das kann er nicht nur über das Wochenende sein. Allerdings ist es für die heutigen Väter nicht einfach, weil sie ja keine Vorbilder haben. Umso wichtiger sind jene Männer, die das wagen — sie sind echte Pioniere.

Was macht die Väter besonders wichtig für ihre Kinder?

Der liebe Gott hat sich das gut ausgedacht, als er den Kindern zwei sehr verschiedene Eltern zudachte — und der Unterschied zwischen Männern und Frauen ist genau das, was Kinder brauchen! Im Allgemeinen gehen Väter mit den Kindern etwas lebhafter um, sie trauen ihnen mehr zu und reagieren weniger ängstlich als Mütter. Das stärkt die Autonomie und die soziale Kompetenz der Kinder: Sie merken sehr schnell, wo welche Regeln gelten. Deshalb müssen Väter und Mütter gar nicht alles genau gleich machen.

Wie viel Vaterschaftsurlaub und wie viel Vaterzeit insgesamt würden Sie als ideal bezeichnen?

Meiner Erfahrung nach ist es für die Kinder — und damit für die Gesellschaft — optimal, wenn sie in den ersten drei Jahren zu Hause bleiben dürfen, egal, mit welchem Elternteil. Ideal wäre jedoch, wenn der Vater mindestens ein halbes Jahr lang mindestens Halbzeit zu Hause sein und damit eine echte Bindung zum Kind aufbauen kann. «Qualitätszeit» gibt es nämlich für Kinder nicht, für sie gibt es nur Zeit, und die ist enorm wichtig — für Kinder und Väter.

Ist denn mehr Väterzeit in nächster Zeit tatsächlich realisierbar?

Oh ja! Es dauert eine Weile, aber Tatsache ist: Die Politiker brauchen Stimmen, und die Pionierväter sind Stimmen — darauf müssen die Politiker irgendwann hören. Arbeitgeber und Politiker haben jedoch keine Fantasie, sie müssen erst merken, dass produktives Arbeiten nicht davon abhängt, wie lange jemand am Bürotisch präsent ist. Väter, die zufrieden sind, arbeiten viel produktiver, und Lebensqualität bringt viel bessere Leistungen.

Was muss sich ändern, damit mehr Männer die optimale Vaterzeit realisieren können?

Die Initiative muss von den Männern kommen, sie müssen es wirklich wollen. Und das ist sehr wichtig: Väter müssen die Unternehmen, die Führungskräfte, auf ihre Seite ziehen und prägnante Botschaften formulieren. So wie beispielsweise jener dänische Chefredaktor, der ein Buch über seine Vaterschaftserfahrungen geschrieben hat und darin sagt: «In dieser Zeit habe ich mehr über das Leben gelernt als in den 30 Jahren zuvor.»

Mehr unter: www.familylab.ch

Autor: Claudia Weiss