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29. Mai 2012

Zu zweit hoch hinaus

Die beste Schweizer Stabhochspringerin heisst Nicole Büchler. An den Olympischen Spielen will die Rekordhalterin in den Final vorstossen. Ihr Techniktrainer Raynald Mury ist dabei eine wichtige Stütze.

Nicole Büchler und Techniktrainer Raynald Mury im Berner Leichtathletikstadion Wankdorf. «Eine Stabhochspringerin muss athletisch, schnell und kräftig sein», sagt Büchler.

Beim Anlauf auf der Stabhochsprunganlage im Berner Leichtathletikstadion Wankdorf tanzt der Rossschwanz von Nicole Büchler (28) wild hin und her. Die 162 Zentimeter kleine Athletin wird immer schneller, bis sie sich mit dem 4,30 Meter langen und gegen 1000 Franken teuren Fiberglasstab wie eine Zirkusartistin über die Latte hievt — immer unter den wachsamen Augen ihres Techniktrainers Raynald Mury (44). Kaum ist die beste Stabhochspringerin der Schweiz aus einer Höhe von gut vier Metern auf der Matte gelandet, analysiert Mury gemeinsam mit Nicole Büchler auf seiner Kleinbildkamera das Video des Sprungs.

Hoch hinaus will Nicole Büchler auch 2014: Dann findet in Zürich die Leichtathletik-Europameisterschaft statt.
Hoch hinaus will Nicole Büchler auch 2014: Dann findet in Zürich die Leichtathletik-Europameisterschaft statt.

«Der technische Ablauf ist sehr gut. Du musst aber noch ein bisschen weiter vorne abspringen», rät Mury. Der Bankangestellte wendet praktisch seine gesamte Freizeit für die Leichathletik auf und arbeitet deshalb nur 80 Prozent. Das Verhältnis zu seiner Athletin Nicole Büchler ist kollegial. Zur Begrüssung geben sich die beiden einen Kuss auf die Wange. «Wir sind ein Team und arbeiten auf der gleichen Ebene. Wir vertrauen uns blind», sagt der zweifache Vater Raynald Mury, der einst die Latte bei 5,45 Meter übersprang.

Eine psychische Blockade stellte die Beziehung auf die Probe

Vor rund einem Jahr wurde seine Beziehung zu Nicole Büchler arg auf die Probe gestellt: Seine Vorzeigeathletin und Schweizer Rekordhalterin (4,55 Meter) hatte beim Anlauf eine psychische Blockade und brach die Sprünge immer wieder ab. Das ist beim Stabhochsprung kein unbekanntes Phänomen. Nur: Kaum jemand weiss, wie es so weit kommen kann. Die Bielerin erinnert sich: «Das war für mich eine schwierige Situation. Raynald kam ins Training und musste zusehen, wie ich nicht springen konnte.» Er habe aber viel Geduld bewiesen und ihr nie das Gefühl gegeben, vergebens angereist zu sein. Letztlich löste eine Psychologin mit Visualisierungen den Knopf. Dazu ihr Techniktrainer: «Sie suchte den Fehler bei sich. Das muss ich Nicole hoch anrechnen. Eine andere Athletin hätte vielleicht den Trainer gewechselt.»

Raynald kam ins Training und musste zusehen, wie ich nicht springen konnte.

Nicole Büchler fand diese Saison zum alten Selbstvertrauen zurück und qualifizierte sich für die Olympischen Spiele in London. Als nächstes Ziel möchte sie den Schweizer Rekord auf 4,60 Meter verbessern; der Frauenweltrekord steht bei 5,06 Meter. «Ich nehme Schritt für Schritt», sagt sie, die ausser sonntags täglich trainiert und so wöchentlich rund 20 Stunden für den Sport aufwendet. «Mich fasziniert die Vielseitigkeit. Eine Stabhochspringerin muss die Schwerkraft überwinden und dabei gleichzeitig athletisch, schnell und kräftig sein», sagt Büchler. Die Muskulatur ihrer Oberarme bestätigt das.

Anfang August in London heisst das Ziel Finalqualifikation. Mury ist sich sicher, dass seine Athletin das Potenzial dazu hat, denn Erfahrung ist wichtig. Nicole Büchler betreibt bereits seit 2003 Leichtathletik. Vorher versuchte sie sich in der Rhythmischen Sportgymnastik. Rückenprobleme zwangen sie aufzugeben. Im Dezember 2010 heiratete sie ihren amerikanischen Freund Mitch Greeley, den sie in einem Trainingszentrum in Arkansas im April 2009 kennengelernt hatte. Er trainiert mit einer Bestleistung von 5,56 Meter ebenfalls unter Raynald Mury. Ende Saison will Nicole Büchler im Jura und in ihrer Heimat am Bielersee endlich wieder Zeit zum Klettern haben, ihrem Hobby. Hoch hinaus will sie auch 2014: Dann findet in Zürich die Leichtathletik-Europameisterschaft statt.

Autor: Reto Wild

Fotograf: Gerry Nitsch