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27. Oktober 2014

Zu später Stunde quer durch Europa

Nachtzugschaffner René Kukuk schätzt die Arbeit in der Nacht – seine langjährige Freundin hat er jedoch nicht bei der Arbeit kennen gelernt.

René Kukuk am Hauptbahnhof in Zürich
Der Nachtzug würde auf ihn warten: Schaffner René Kukuk am Hauptbahnhof in Zürich.

Es wird langsam dunkel. René Kukuk (31) rückt im nahe des Zürcher Hauptbahnhofs gelegenen Hotel ein letztes Mal seine rote Krawatte zurecht. Er muss sich nicht beeilen. Der Nachtzug in seine Heimatstadt Hamburg würde auf ihn warten, falls Kukuk zu spät käme. Der ausgebildete Zugchef betreut den heute komplett ausgebuchten Schlafwagen auf seiner Fahrt durch die Nacht.

Zu seinem Beruf kam Kukuk eher durch Zufall: Während seines Studiums jobbte er als Servicemitarbeiter in einem Nachtzug der Deutschen Bahn. Dort gefiel es ihm so gut, dass der sportliche Mann mit BWL-Abschluss heute Vollzeit in den Citynightlinern arbeitet. 160 bis 180 Stunden Nachtarbeit im Monat. Ihm gefällt der ungewöhnliche Rhythmus, weil er nach drei bis vier Tagen Nachtarbeit mindestens ebenso viele Freitage geniessen darf.

René Kukuk begrüsst an jedem Bahnhof die neu zugestiegenen Gäste und weist ihnen eine der 15 Kabinen zu. Zeigt, wie man diese abschliesst, und notiert die Frühstückswünsche. Teils hält er einen kurzen Schwatz, mehr als Small Talk ist es jedoch nie. Seine langjährige Freundin hat er in der Disco kennengelernt und nicht am Arbeitsplatz. Die langen Abwesenheiten stören das Paar nicht, solange keine Kinder da sind. «Vielleicht ist sie sogar froh, mich ein paar Tage nicht zu sehen.»

Bei einem Gast ist das Bett kaputt, weshalb er im Dienstabteil nächtigen darf. Kukuk reserviert sich das defekte: «Der Kunde ist schliesslich König.»

Kurz nach der Grenze will ein Pärchen für 30 Euro mitfahren. «Wir brauchen auch kein Bett oder einen Sitzplatz.» Kukuk lehnt den Bestechungsversuch ab: «Dafür riskiere ich den Job nicht.»

Nachts um drei Uhr verlangen zwei Kunden noch ein paar Bierchen. So schläft René Kukuk nur eine kurze Stunde, bevor er den Gästen das Frühstück serviert, damit alle wohlgenährt und zufrieden in Hamburg aussteigen können.

Autor: Reto Vogt

Fotograf: Dan Cermak