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10. November 2014

Zu gut, um wahr zu sein

Goldener Herbsttag! Die Wendung ist fast zu abgegriffen. Aber dieser Tag war es wirklich: golden. Wir unternahmen, getreulich der Route aus einem von Thomas Widmers Wanderbüchern folgend, eine Wanderung und machten während des Abstiegs vom Etzel Halt, wobei Pfadfinder Hans fürs Feuer zuständig war, wir Eltern dann fürs Schlangenbrotbacken. Darauf querten wir ein Feld, auf das gerade frisch Jauche ausgebracht worden war … Unsere Wanderschuhe stinken noch immer erbärmlich. Wofür wir aber nicht den Verfasser des Wanderführers verantwortlich machen wollen! Wir haben eine Scheissabkürzung genommen, buchstäblich. Staunend marschierten wir schliesslich in Einsiedeln ein. (Dort siedeln ja inzwischen viele, und ich weiss nun endlich, wo diese rassigen Sportwägelchen mit Schwyzer Kennzeichen herkommen, deren blondierte Lenkerinnen sich freitagmorgens einen Weg in die Tiefgarage des Zürcher «Globus» bahnen.)

«Fürs Feuer war Hans zuständig.»
«Fürs Feuer war Hans zuständig.»

In der Gnadenkapelle des Klosters, angesichts der Schwarzen Madonna, trifft Anna Lunas Frage uns unvorbereitet: Weshalb die denn schwarz sei? «… Müssen wir dann nachschauen», antworten meine Frau und ich fast gleichzeitig. Als Eltern versucht man heute gar nicht mehr, irgendetwas zu behaupten, die Kinder könnten einen mittels Smartphone Minuten später der Lüge überführen. Wie hätte mein Vater in dieser Situation zu fabulieren angehoben! Er war Lehrer, und am Anfang meiner Kindheit, als ich noch nicht wusste, was ein Lehrer genau sei, glaubte ich ihm alles. In Einsiedeln hätte er, ohne mit der Wimper zu zucken, eine Story von den Königen aus dem Morgenland aufgetischt, von denen einer ja ein Mohr gewesen sei. Wie der dann, nachdem er in Bethlehem das Jesuskind gesehen hätte, in einer Karawane mit Kamelen und Dromedaren und Maultieren weiter gen Westen gezogen und in den Voralpen angelangt sei, wo er als Einsiedler gehaust und eine Kapelle errichtet habe. Vater hätte vermutlich gar noch Elefanten zur Karawane hinzugedichtet und den Mohrenkönig auch gleich noch das Skispringen erfinden lassen.

Später kam ich ihm auf die Schliche. Und einmal gab er es sogar zu: Ein Lehrer müsse auf alles immer eine Antwort wissen, nur schon aus Gründen der Autorität. Deshalb gebe er «Lehrerantworten», indem er Halbwissen als ganzes präsentiere oder notfalls frei erfinde. Auch dann noch, als wir Kinder um die Fraglichkeit seiner Antworten wussten, hätte er in Einsiedeln freilich eine wunderbare Lehrerantwort improvisiert. Zum Beispiel die, dass die Madonna ursprünglich gar nicht schwarz gewesen, sondern vom Russ und Rauch der Kerzen und Öllämpchen geschwärzt worden sei. «Verzell doch ke Seich!», hätte mein grosser Bruder vielleicht erwidert, und Vater hätte insistiert: «O doch! Und als sie im vorigen Jahrhundert mal restauriert wurde, von einem Österreicher, der sie wieder original blass machte, hat das Volk aufbegehrt und wollte seine Madonna wieder schwarz haben.» Irgend so hätte er schwadroniert.

Die Geschichte von Russ und Rauch stimmt übrigens, wie auf der Heimfahrt in der Südostbahn ein Check am Handy zeigt. Und dass hier lebende Tamilen in der Schwarzen Madonna ihre Schutzgöttin Kali erkennen und nach Einsiedeln pilgern, wo man ihnen ganz religionsübergreifend Einlass gewährt – auch diese Geschichte ist wahr. Aber so gut, die könnte von meinem Vater sein.

Bänz Friedli live: 12. 11. Steffisburg BE, 15. 11. Sommeri TG, 16.–18. 11. Zürich, Hechtplatz.

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Autor: Bänz Friedli

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