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02. September 2013

Zu früh aufgeklärt

Sexualkunde kann schon im Kindergarten stattfinden, so sieht es der neue Lehrplan vor. Zu früh, finden gewisse Eltern.

zwei kleine Kinder, die sich umarmen
Auch Kinder haben manchmal schon ein Schätzeli, das hat aber nichts mit erwachsener Erotik zu tun. (Bild: Getty Images/Adrian Weinbrecht)

Kürzlich wollten Basler Eltern die Aufklärung im Kindergarten sogar auf gerichtlichem Wege verhindern. Doch das Appellationsgericht wies den Rekurs ab. Sind Kindergärtler wirklich zu jung? «Nein, Sexualunterricht im Kindergartenalter bedeutet etwas anderes, als wir Erwachsenen uns ausmalen», sagt der Berner Sexualpädagoge Bruno Wermuth (50). «Es geht dabei nicht um Geschlechtsverkehr, sondern um Körperempfinden und um die Auseinandersetzung mit Geschlechtlichkeit.»

Sexualität betrifft uns alle von Geburt an. «Kinder sind von Beginn an sexuelle Wesen – wir werden ja mit einem Geschlecht geboren», sagt Bruno Wermuth. Sexualität bedeutet bei Kindergärtlern der Unterschied zwischen Mädchen und Buben, geschlechterspezifisches Verhalten, Lustempfinden und ein minimales Wissen zu Fruchtbarkeit und Fortpflanzung. Bei Erwachsenen ist der Blickwinkel auf die Sexualität oft stark verengt: «Sie reduzieren Sexualität meist auf sexuelles Handeln, Lustbefriedigung und den genitalen Orgasmus.» Dass der Begriff aber auch Körperlichkeit, allgemeines Lustempfinden und die geschlechtliche Identität umfasst, geht oft vergessen.

Bei angemessener Sexualerziehung bestehe keine Gefahr, dass man Kinder schädige. «Wichtig ist aber, dass sie altersgerecht erfolgt und ihnen nichts aufgezwungen wird», sagt Bruno Wermuth. Eigentlich müsse man hauptsächlich auf die Fragen der Kinder antworten. Erwachsene sollen sich aber nicht überall einmischen. Beim kindlichen «Dökterle» haben Eltern beispielsweise nichts verloren.

Aufklärung schütze auch vor Übergriffen. Wermuth: «Kinder lernen, dass der Körper etwas Wertvolles und Wichtiges ist. Sie wissen, was ihr Recht ist und getrauen sich eher, darüber zu sprechen.» Zu früh problematisiert werde Sexualität damit nicht, findet Wermuth. «Je früher sie etwas wissen, desto besser können sie damit umgehen.»

Autor: Claudia Langenegger