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11. April 2016

«Zoos sind PR-Agenturen für die Erhaltung von Lebensräumen»

Zoos sind für Alex Rübel mehr als exotische Erlebniswelten, es sind Orte der Bildung und des Naturschutzes. Ein Gespräch mit dem langjährigen Direktor des Zoos Zürich über Trophäenjagden in Afrika, sich selbst organisierende Elefanten und die neuen Pläne seines Hauses.

Alex Rübel
Alex Rübel über die Galápagosschildkröten, den Stolz seines Zoos: «Wir sind europaweit die Einzigen, denen Nachzuchten dieser seltenen Tierart gelungen sind.»

Alex Rübel, was halten Sie davon, wenn Touristen in Afrika zum Vergnügen Löwen und Elefanten abschiessen?

Persönlich schockiert es mich, dass man Spass daran haben kann, einen halbnarkotisierten Löwen abzuschiessen. Für die Entwicklung Afrikas ist aber nicht der Verlust eines einzelnen Tiers das Problem. Entscheidend ist es, Wege zu finden, wie Mensch und Tier in diesen Ländern zusammenleben können. Die Bevölkerung muss ein Interesse entwickeln, dass die Tiere dort leben. Abschüsse bringen den Einheimischen bis zu 50 000 Franken pro Tier, auch die Wilderei ist lukrativ. Es braucht finanzielle Alter-nativen, um die Tiere zu schützen.

Gibt es denn Fortschritte?

Kaum, der Druck auf die Tiere wird eher grösser, der Mensch besetzt immer mehr Land, was zu mehr Konflikten führt. An einigen Orten ist der Tiertourismus eine alternative Geldquelle, der die Menschen motiviert, die Tiere zu erhalten. Aber das Problem ist komplex und lässt sich mit emotionaler Aufwallung über den Abschuss eines Löwen auch nicht lösen.

Beim Rosenholz auf Madagaskar sind die Profite ähnlich gross wie im Drogenhandel. Gegen dieses Geld kommen wir nicht an.

Den Rückgang der Artenvielfalt können alle Zoos der Welt nicht aufhalten. Die Zürcher Masoala-Halle ist zwar ein Erfolg, aber der Regenwald auf Madagaskar wird trotzdem abgeholzt.

Das ist so. Gerade beim Rosenholz sind die Profite ähnlich gross wie im Drogenhandel. Gegen dieses Geld kommen wir nicht an, erst recht nicht bei einem relativ korrupten Staat wie Madagaskar. Hingegen konnten wir Brandrodungen in Zusammenarbeit mit der Bevölkerung von drei auf ein Prozent reduzieren. Wir müssen den Menschen Wege zeigen, wie sie mit der Natur leben können.

Aber es ist ein Kampf gegen Windmühlen. Verzweifeln Sie nicht manchmal?

So lange die Bevölkerung auf unserem Planeten wächst, wird der Druck zunehmen. Dennoch bin ich überzeugt, dass sich der Einsatz lohnt. Pessimistischen Aussichten muss man mit Optimismus begegnen. Es geht ja nicht nur darum, eine Zukunft für die Natur zu gewährleisten, sondern für den Menschen. Und auch wir hier müssen uns verändern, unser ökologischer Fussabdruck ist deutlich zu gross.

Der Zoo Zürich ist Mitglied des Weltverbands der Zoologischen Gärten. Was hat dieser erreicht?

Er hat die Zoos davon überzeugt, sich für den Naturschutz einzusetzen, so wie wir das in Zürich schon seit einiger Zeit tun. Mittlerweile haben wir keine Tiere aus der Wildnis mehr in den Zoos, die stammen alle aus Zuchten und werden untereinander ausgetauscht. Aus meiner Sicht müssten die Zoos nun noch einen Schritt weitergehen: Ich sehe uns als PR-Agenturen zur Erhaltung der natürlichen Lebensräume, denn ohne diese wären keine Auswilderungen mehr möglich. Es ist nicht sinnvoll, ein Nashorn in Afrika wiederanzusiedeln, wenn es dort -sofort gewildert wird.

Viele stellen sich vor, dass es irgendwo da draussen noch die grosse, unberührte Wildnis gibt. Aber das ist schon lange vorbei. Der Mensch ist überall.

Welche Tiere wird es dereinst nur noch im Zoo geben?

Schon jetzt gibt es grosse Tierarten, die fast nur noch geschützt in Reservaten leben oder gejagt werden, etwa Nashörner, Grossraubkatzen oder Menschenaffen. Viele stellen sich vor, dass es irgendwo da draussen noch die grosse, unberührte Wildnis gibt. Aber das ist schon lange vorbei. Der Mensch ist überall.

Gibt es Tierarten, die man eher wieder auswildern kann als andere?

Den grossen Tieren fehlt dafür zunehmend der Lebensraum, bei kleinen gibts dafür durchaus Chancen, etwa bei den Fröschen. Rund ein Drittel der 7500 Amphibienarten ist bedroht – ihr Verschwinden führt zu einer Kettenreaktion in der Natur. Wichtiger als einzelne Tierarten ist aber die Biodiversität. Die Vielfalt stellt die Balance sicher, sorgt dafür, dass nicht irgendwelche Schädlinge dereinst die Oberhand in der Natur erhalten.

Und die Frösche könnte man wieder ansiedeln?

Der Hauptgrund für ihr Sterben ist ein Pilz, den wir Menschen global verbreitet haben. Im Zoo kann man den behandeln und versucht nun, resistente Frösche zu züchten. Wenn das gelingt, kann man sie auch wieder aussetzen. Es gibt da durchaus Chancen, aber der Aufwand ist gross.

2004 gab es noch 357 Tierarten im Zoo Zürich. Wie sieht es heute aus? Eisbären oder Keas zum Beispiel leben ja schon lange nicht mehr hier.

Es sind etwa 10 bis 20 Prozent weniger -Arten. Wir wollen nicht mehr alle beherbergen, dafür diejenigen gut halten, die hier sind. Bildung und Naturschutz sind uns -genauso wichtig. Die Tiere haben eine Funktion. Wir halten sie, um etwas in eine bestimmte Richtung zu bewegen. Eisbären zum Beispiel sind sehr attraktiv, aber sie brauchen viel Wasser und Platz.

Das Alphatier ist nicht mehr der Tierpfleger, sondern eine Elefanten-Matriarchin. Sie sagt heute, wo es lang geht.

Dafür leben die Elefanten in einem Park von mehr als 11 000 Quadratmetern, sechsmal mehr Platz als vorher. Fühlen sie sich wohler als vorher?

Das Wohlbefinden ist wissenschaftlich schwierig zu definieren. Die grösste Veränderung war nicht der Platz, sondern, dass die Pfleger nicht mehr ins Gehege -gehen. Das Alphatier ist nicht mehr der Tierpfleger, sondern eine Elefanten-Matriarchin. Sie sagt heute, wo es lang geht. Dadurch hat sich das Verhalten der Gruppe verändert. So durfte etwa der jüngste Nachwuchs lange nicht ins Wasserbecken, und dann nur in Begleitung. Die Elefanten laufen auch mehr und haben dabei an Gewicht verloren.

Sie haben abgenommen?

Ja, unser Bulle hat eine halbe Tonne verloren, er wiegt jetzt noch rund 5,5 Tonnen.

«Auch in der Wildnis laufen die Tiere nicht, damit sie gelaufen sind, es geht dabei meist um Futtersuche.»
Rübel: «Auch in der Wildnis laufen die Tiere nicht, damit sie gelaufen sind, es geht dabei meist um Futtersuche.»

Und doch legen Elefanten in der Wildnis im Schnitt zehn Kilometer pro Tag zurück. Sogar dieser grosse Park ist doch eigentlich viel zu klein.

Auch in der Wildnis laufen die Tiere nicht, damit sie gelaufen sind, es geht dabei meist um Futtersuche. Deshalb ist das Futter im neuen Gehege so verteilt, dass sie mehr laufen müssen. Genaue Zahlen haben wir noch nicht. Wir messen derzeit mit Schrittzählern.

Der Circus Knie hat seine Elefantendressur aufgegeben. Ein guter Entscheid?

Ich habe den Eindruck, dass es den Elefanten im Circus Knie gut gegangen ist. Dennoch ist es wohl ein vernünftiger Entscheid, denn die Gesellschaft hat mehr und mehr Mühe mit den Auftritten von Wildtieren. Man möchte sie nicht mehr auf diese Weise vermenschlicht sehen. Aber es ist schon auch schade: Viele Kinder haben über den Zirkus ihre Tierliebe entwickelt.

Hat der Zirkus eine Zukunft?

Dass die Zirkusse verschwinden, glaube ich nicht. Aber es gibt schon welche, in denen die Tiere nicht gut gehalten werden. Mühe macht mir, wenn man glaubt, dass die Lage bei den Haustieren so viel besser sei.

Wir halten immer öfter Tiere, die einander gefährlich werden können, in gemeinsamen Gehegen.

Es gibt heute viele naturnahe Anlagen, dennoch müssen die Tiere etwas nicht tun, was in der Natur Alltag ist: um ihr Überleben kämpfen. Wie wirkt sich das aus?

Tatsächlich versuchen wir, den Tieren die Nahrungsbeschaffung zu erschweren, in vielen Gehegen müssen sie sich das Futter erarbeiten. Und wir halten auch immer öfter Tiere, die einander gefährlich werden können, in gemeinsamen Gehegen. Bei den Brillenbären etwa sind auch die Nasenbären, und die müssen schon ein bisschen aufpassen. Das löst bei ihnen einen gewissen Stress aus, der Teil des natürlichen Lebens in der Wildnis ist. Auch der Brillenbär muss aufpassen, denn wenn ausgewachsene Nasenbären als Gruppe daherkommen, sind sie nicht ungefährlich. In der Masoala-Halle befinden sich ebenfalls natürliche Feinde in der gleichen Anlage; da wird ab und zu auch einmal ein Tier gefressen. Natürlich ist es immer noch anders als in freier Wildbahn.

Hätte ein Bär, der nur das Zooleben kennt, eine Chance in der Wildnis?

Ich denke schon, jedenfalls wenn es ein halbwegs junger Bär ist. Da sind noch alle natürlichen Instinkte vorhanden. Das Haupt-problem beim Auswildern ist, dass die Tiere an Menschen gewöhnt sind und dann in die Dörfer gehen, was zu Konflikten führt.

Wie oft töten Sie Zootiere, weil es zu viele hat und Sie diese nicht anderweitig unterbringen können?

Das kommt nur noch sehr selten vor. Die Jungenaufzucht gehört zu den wichtigsten Verhaltensäusserungen vieler Arten. Wir verhindern aber unerwünschte Zeugungen mit Antibabypillen und Implantaten. Allerdings klappt das nicht immer, etwa bei Antilopen, dann müssen wir ab und zu ein Tier töten. Die meisten Menschen reagieren darauf sehr emotional, aber in der Natur sterben viele Jungtiere, das gehört dazu.

Vor Kurzem bekam ich einen Brief von jemandem, der uns aufforderte, unseren Raubkatzen Soja zu verfüttern statt Fleisch. Das gehe doch, oder?

Warum ist das dem Publikum so schwer zu vermitteln?

Als Zoo nutzt man die Tiere, um Beziehungen zu schaffen. Wenn ein solches Tier getötet wird, löst das natürlich starke Gefühle aus, und es tut auch einem selbst weh. Kurz nachdem ich die Direktion des Zoos übernommen hatte, gab es auf der Frontseite der «Züri-Woche» vor Ostern eine Story: «Der Zoo verfüttert den Osterhasen», als Bild eine in Tränen aufgelöste Familie. Das gab ziemlich heftige Reaktionen. Wir hatten Kaninchen tot verfüttert - ein Löwe frisst nun mal andere Tiere und kein Fleisch aus der Migros. Vor Kurzem bekam ich einen Brief von jemandem, der uns aufforderte, unseren Raubkatzen Soja zu verfüttern statt Fleisch. Das gehe doch, oder? (lacht) Möglicherweise ginge das tatsächlich. Aber so würden wir jeden Bezug zur Natur verlieren, und wir müssten den Tieren Zusatzstoffe geben, die in Fabriken hergestellt werden.

Direktor Rübel bei einer Zooführung.
Direktor Rübel bei einer Zooführung.

Züchten Sie hier im Zoo Tiere speziell für die Raubtierfütterung?

Wir verfüttern alle Tiere tot, ausser dort, wo es nicht anders geht. Das betrifft einige -junge Schlangen und Krötenarten. Für die haben wir eine kleine Mauszucht, damit wir ihnen Babymäuse verfüttern können. Für das restliche Fleisch arbeiten wir mit diversen Schlachthöfen zusammen, die Löwen bekommen zum Beispiel Fleisch von alten Kühen oder Pferden.

Wie finanziert sich der Zoo?

Zu 50 Prozent aus Eintritten, 25 Prozent der Einnahmen stammen aus Restaurants und Läden, 25 Prozent aus Subventionen. Neue Anlagen finanzieren wir ausschliesslich mit Geldern, die aus Schenkungen oder Testamenten fliessen. Ohne sie wäre vieles nicht möglich.

In der Masoala-Halle können auch Gruppen-Events stattfinden. Wie wichtig sind solche Anlässe?

Sie sind eine Gelegenheit, auch die Erwachsenen für unsere Anliegen zu sensibilisieren. Das ist mir fast wichtiger als die finanziellen Einnahmen. Wir organisieren etwa 4000 Führungen pro Jahr, etwa 800 mit Apéro und 200 mit Abendessen. Auch die neuen Übernachtungsmöglichkeiten in der Himalaja-Anlage sind sehr populär.

Der Zoo Zürich ist heute 27 Hektar gross, viermal grösser als bei der Gründung 1929. Welche Projekte stehen als nächstes an?

Grösser wollen wir nicht mehr werden, wir möchten ein Tagesausflugsziel bleiben. Aber wir modernisieren unsere Anlagen weiter und stärken die Verbindung mit Natur- und Tierschutz. Im Sommer renovieren wir das Aquarium, dann wandeln wir das Afrika- in ein Australienhaus um. Das nächste, richtig grosse Projekt ist die Afrika-Savanne neben dem Elefantenpark. Da kommen in rund vier Jahren die Nashörner, Giraffen, Zebras, Strausse und Antilopen rein. Auch die Menschenaffen bekommen eine neue Anlage.

Wir möchten, dass möglichst viele Besucher mit den öffentlichen Verkehrsmitteln kommen.

Die Zahl der Besucher ist an Spitzentagen schon heute fast nicht mehr zu bewältigen.

Im Zoo selbst haben wir eigentlich keine Schwierigkeiten, das Problem ist die Anreise. Wir möchten, dass möglichst viele Besucher mit den öffentlichen Verkehrsmitteln kommen. Umso wichtiger ist uns das Seilbahnprojekt vom Bahnhof Stettbach aus. Wir hätten das gerne so schnell wie möglich realisiert, aber es gibt einige Einsprachen. Die Seilbahn kommt frühestens 2022.

Sie sind letztes Jahr 60 geworden und seit 1991 Direktor des Zürcher Zoos. Wie lange bleiben Sie noch?

Etwas Neues fange ich nicht mehr an, ich werde wohl bis 65 bleiben. Es ist eine schöne, vielfältige Arbeit. Die Tiere sind das, was man sieht, aber dahinter steht ein grosser Betrieb. Fundraising und Medienarbeit machen etwa 50 Prozent meiner Arbeit aus.

Sie sagten einmal, Sie hätten kein Lieblingstier, stimmt das?

Mich interessieren die Zusammenhänge in der Natur mehr als einzelne Tierarten. Aber es gibt schon Tiere, mit denen ich mehr gearbeitet habe, etwa die Galápagosschildkröten. Wir sind europaweit immer noch die einzigen, denen Nachzuchten dieser seltenen Tierart gelungen sind.

Haben Sie Haustiere?

Heute nicht mehr. Zu meiner Zeit als Tierarzt hatte ich zweimal einen Papagei, weil die Halter sie nicht mehr wollten, einmal auch Schildkröten, die in einer Schachtel bei mir zu Hause vor der Tür standen.

Welches ist Ihr Lieblingszoo – ausser Zürich?

Der Bronx-Zoo in New York war lange eine Vorbild für mich. Die haben allerdings ein wenig nachgelassen. Der in Singapur ist immer noch eindrücklich. Beide setzen den Zoo sehr gezielt für Naturschutzanliegen ein. Aber wenn ich heute in Zoos gehe, schaue ich mir weniger die Tiere an als zum Beispiel wie ihr Abfallkonzept funktioniert (lacht). Tiere beobachte ich lieber in der Natur.

Autor: Reto E. Wild, Ralf Kaminski

Fotograf: René Ruis