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24. November 2014

Zoodirektor ade!

«Ich glaube, die Eltern haben einen schlechten Einfluss», befand Hans unlängst, während des Zvieris in irgendein herumliegendes Blatt vertieft. (Macht er immer: sich das nächstbeste Druckerzeugnis greifen, wenn ich «Spiegel» und «Zeit» und «NZZ» und «Tagi» und «Die moderne Hausfrau» und «Rolling Stone» nicht rechtzeitig aus seiner Reichweite entfernt habe … Und sonst liegt da bestimmt noch der «Blick am Abend», den seine Schwester auf dem Küchentisch hat liegen lassen. Er vergisst sich ob jeder Lektüre und vertieft sich selbst dann in eine Zeitung, wenn sie verkehrt herum vor ihm liegt, das Geschriebene also auf dem Kopf steht.) Item, er befindet also, die Eltern hätten einen schlechten Einfluss auf ihre Kinder: «Sonst hätten wir nicht zu wenige Maurer und zu wenige Lokführer! So was wollen doch ganz viele Buben werden. Aber dann raten die Eltern davon ab …»

Er vertieft sich in jede rumliegende Zeitung
Er vertieft sich in jede rumliegende Zeitung.

Selber ist er freilich auch von seinem Berufswunsch abgekommen, unser Sohn: Weltraumforscher wollte er werden und befand, dafür müsse man ja nicht zur Schule gehen. Ich weiss noch genau, wie er als Erstklässler auf demselben Triptrap sass, auf dem er gerade wieder sitzt, und fragte: «Warum muss man als Weltraumforscher lesen können?» Er hätte seine Hausaufgaben machen sollen, doch er hatte keine Lust, mir TIMI TOMI OMI OTTO TIM vorzulesen. «Man muss doch ganz viele Bücher und Forschungsberichte im Internet lesen, wenn man selber forschen will», erklärte ich, «damit man weiss, was die anderen schon rausgefunden haben.» – «Dann halt.» Als er aber TIMI TOMI OMI OTTO und TIM auch noch hätte schreiben sollen, bockte er erneut: «Und warum muss man als Weltraumforscher schreiben können? Säg!» – «Weil, hmm … du deine Forschungsergebnisse dann ja auch publizieren willst.» – «Was heisst publizieren?» Die kleine Ewigkeit von sieben Jahren ist das nun her. Schwester Anna Luna will auch nicht mehr Pizzakurierin werden. Es war ihr erster Berufswunsch, geäussert, kaum konnte sie sprechen.

Er vertieft sich in jede rumliegende Zeitung.

«Es wäre spannend zu erfahren, was aus den Zirkusprinzessinnen, Bäuerinnen und Zoodirektoren geworden ist», schrieb mir neulich Annemarie, die diese Kolumne im Elsass verfolgt. Sie war hier mal mit den Berufswünschen ihrer Söhne zitiert: Superstar wollte der eine werden, Zoodirektor der andere … «Mittlerweile wollen sie Musiker und Architekt werden.» Mit dem Wunsch, Zoodirektor zu werden, war Annemaries Kleiner übrigens nicht allein. Fast alle Buben, ergab meine Umfrage, wollten dies werden. Und sollte das nicht klappen, dann Fussballprofi oder Zirkusdirektor oder möglichst beides aufs Mal. Was mich damals betrübte: Die Mädchen waren allesamt realistischer, wollten Kleinkinderzieherin werden, Floristin, Arztgehilfin. Herrgott, fragte ich mich, fängt das denn so früh an, dass die Männlein sich in hochtrabende Wünsche nach einem abenteuerlichen Männerberuf versteigen und die Weiblein sich mit hergebrachten Frauenrollen bescheiden? Sollte man nicht eher ihr zur Weltraumforscherin samt Nobelpreis raten und ihm zum Zahnärztinnengehilfen?

Was solls, es kommt sowieso anders. Hans' Klassenlehrerin führt gerade Einzelgespräche über die mögliche Berufswahl. «Morgen muss ich ihr sagen, was ich werden will», erwähnt er, als er kurz von seiner Zeitschrft aufschaut. «Und?», will ich wissen. – «Keine Ahnung. Hat ja noch Zeit bis morgen.»

Bänz Friedli live: 28. und 29. 11. in Mettendorf TG

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Autor: Bänz Friedli