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19. April 2010

Zivildienst konkurrenziert Armeedienst

Der Zivildienstchef Samuel Werenfels plädiert für eine klare Aufgabenteilung zwischen der Armee und dem Zivildienst.

Zivildienstchef Samuel Werenfels
Der Zivildienst kann nicht die Probleme der Armee lösen, sagt Zivildienstchef Samuel Werenfels.

Samuel Werenfels, noch nie wollten so viele junge Männer Zivildienst leisten. Als dessen Leiter müssen Sie glücklich sein.
Ja und Nein. Es ist fantastisch, wenn man in Zeiten der Wirtschaftskrise den Umsatz vervierfacht. Ernsthaft: Wir wurden auf dem falschen Fuss erwischt, was den Anstieg der Zivildienstleistenden betrifft. Es ist zwar ein schönes Zeichen, dass junge Menschen sich für die Allgemeinheit einsetzen wollen. Das Problem ist aber, dass mit der Ab- schaffung der Gewissensprüfung auch junge Männer zu uns kommen, die noch nicht mal den Unterschied zwischen Zivildienst und Zivilschutz kennen.

Haben Sie es versäumt, die Leute zu informieren, dass der Zivildienst kein Pfadilager ist? Es ist erkannt, dass wir verstärkt informieren müssen. Dass beispielsweise der Zivildienst eineinhalb Mal länger dauert und der allerletzte Zivildiensttag geleistet werden muss und wir dies von Gesetzes wegen durchsetzen, wenn nötig auch mit Disziplinar- oder Strafverfahren. Der Zivildienst kennt keinen «blauen Weg», also die Möglichkeit zur Ausmusterung, wie dies im Militär möglich ist. Wer einmal im Zivildienst ist, kommt nur weg, wenn er auf Dauer über 70 Prozent arbeitsunfähig ist und eine IV-Rente bezieht. Da gab es schon manche Aha-Erlebnisse bei den neuen Zivildienstleistenden.

Der Zugang zum Zivildienst soll wieder erschwert werden. Die Rede ist von der Wiedereinführung der Gewissensprüfung. Wir dürfen jetzt nicht dem Aktionismus verfallen. Ich kann Ihnen versichern, dass wir den Ernst der Lage erkannt haben. Die Prüfung des Gewissens als Selektionsverfahren ist aber heikel und kostet sehr viel Geld, am Ende wurden nur fünf Prozent der Gesuche abgelehnt. Auch ist es eigentlich nicht möglich, das Gewissen eines Menschen zu prüfen. Wer gut schreiben oder reden kann, ist klar im Vorteil – darüber hinwegzusehen ist ungerecht.

Sie werden aber Hand reichen müssen für Lösungen des aktuellen Problems.Ich will den Schwarzen Peter nicht weiterreichen, aber: Auch die Armee muss schauen, warum die Leute sich von ihr abwenden. Sie sollte überlegen, welches die Gründe sind, warum immer mehr Dienstpflichtige den längeren Zivildienst wählen.

Sie schieben das Problem einfach auf die Armeeseite. Nein. Mir ist klar, dass sich beim Zivildienst etwas ändern muss – aber auch auf der Seite des Militärs. Ein Freund von mir ist militärischer Untersuchungsrichter und hat mir von zahlreichen Fällen berichtet, in denen Strafverfahren eröffnet wurden, weil Soldaten, deren Dienstverschiebungsgesuch nicht beantwortet wurde, nicht in den Militärdienst einrückten. Wir hören immer wieder dasselbe: Die Leute fühlen sich in der Armee oft nicht ernst genommen, immer wieder wird der Umgang untereinander kritisiert. Moniert wird oft auch das häufige Warten müssen oder Dinge leisten zu müssen, die nicht unmittelbar Sinn ergeben. Das höre ich auch von militärischen Kaderleuten, die zum Zivildienst wechseln. Natürlich kann man sich auf den Standpunkt stellen und sagen, dass die Wehrpflicht in der Verfassung steht und diesen Umgang jeder Angehörige der Armee aushalten muss und es schon immer so war. Aber das verdrängt das Problem und löst es nicht. Die Tatsache der gestiegenen Zivildienstgesuche zeigt nur ein grundsätzlicheres Problem unserer Armee – und dieses kann nicht mit Änderungen ausschliesslich beim Zivildienst gelöst werden.

Und was sind jetzt Ihre Vorschläge, um die Gesuchszahlen wieder zu reduzieren? Unabhängig von der Motion, die auf eine rasche Änderung des Zivildienstgesetzes drängt und den Zugang zum Zivildienst wieder erschweren will, haben wir gehandelt. So werden Gesuche, die in der RS oder im Militärdienst eingereicht werden, erst frühestens vier Wochen nach Einreichung des Gesuchs behandelt. Diese Massnahme trägt bereits Früchte. So hat sich die Gesuchszahl aus den ersten zwei Wochen der Rekrutenschule von 338 (Start November 2009) auf 70 (Start März 2010) reduziert. Was weitergehende Massnahmen betrifft, suchen wir Lösungen, die den Zivildienstleistenden nicht zu hart treffen.

Wie wird der Zivildienst in der Schweiz im 2020 aussehen?Es gibt mehrere Szenarien. Als realistisch schätze ich dieses ein: Die allgemeine Wehrpflicht bleibt bestehen und somit auch der Zivildienst. Wir haben eine klare und partnerschaftliche Aufgabenteilung zwischen der Armee und dem Zivildienst. Beispielsweise, dass die Armee bei Unwetterkatastrophen bereit steht und der Zivildienst die Armeeleute nach dem Ersteinsatz ablöst. Dafür sollten Armee und Zivildienst das Gespräch pflegen, um für unser Land die beste Lösung zu finden.

Autor: Almut Berger, Oliver Demont

Fotograf: Andreas Eggenberger