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02. November 2015

Artist Pascal Häring und sein Roue Cyr

Mit 31 gab Pascal Häring seinen gut bezahlten Managerjob auf und erfüllte sich einen Kindheitstraum: Er wurde Zirkusartist. Seither tourt er mit seinem Roue Cyr um die Welt.

Pascal Häring auf seinem Monorad
Liebe auf den ersten Blick: Auf seinem Monorad fühlt sich der Sissacher Pascal Häring am wohlsten.

Ein Reifen, 15 Kilogramm schwer, 181 Zentimeter Durchmesser, aus Metall, mit PVC überzogen: ein ­so­genanntes Roue Cyr – mehr braucht Pascal Häring (37) nicht, um los­zulegen. Der 1, 72 Meter grosse Artist klammert sich mit Händen und Füssen am Ring fest und dreht sich rasend schnell um die eigene Achse. Er hebt zwischendurch eine Hand hoch, geht in die Hocke oder stemmt sich spektakulär über den Reifen. Im Licht glitzern die Swarovski-Steine seines Kostüms. Häring lässt die akrobatischen Kunststücke lässig und elegant aussehen. Doch wenn er eine Pause macht, schnappt er nach Luft – das Ganze kostet Kraft.

Das Jonglieren ist eine von Pascal Härings Spezialdisziplinen
Vielseitig begabt: Das Jonglieren ist eine von Pascal Härings Spezialdisziplinen.

Pascal Häring ist professioneller Zirkusartist. Im Gegensatz zu vielen anderen Akrobaten trainiert er nicht seit seiner Kindheit, sondern erst seit sechs Jahren. Vor dieser Zeit beschäftigte er sich vor allem mit seinem Kopf: Er studierte Physik und Mathematik und arbeitete nach dem Studium als Key Account Manager in einer international tätigen Firma.

Mit 31 Jahren wurde ihm klar, dass er sein Leben komplett verändern möchte. Er kündigte seinen Job. «Ich jonglierte bereits als Kind zum Spass. Später traf ich mich regelmässig mit Leuten aus der Jonglierszene», sagt Häring. Auch sonst ist er ein begeisterter Sportler: Er arbeitete als Skilehrer und spielte Unihockey.

Roue-Cyr-Training übers Internet

Häring fand kurze Zeit später in der Zirkusschule CircoArts in Christchurch in Neuseeland Unterschlupf. «Es war nicht einfach, eine Schule zu finden. Vielen war ich schlicht zu alt, eine Ausbildung kam nicht mehr in Frage.» Doch am anderen Ende der Welt fand er genau das, wonach er so lange gesucht hatte. «Es war das schönste Jahr meines Lebens. Ich konnte tun, was ich ­liebte, mit Leuten, die alle gleich tickten wie ich, die offen und kreativ waren.»

Pascal Häring trainierte von früh bis spät, übte Kunststücke ein, arbeitete an seinem Programm. Hier entdeckte er auch das Roue Cyr. «Es stand in einer Ecke. Als ich das erste Mal damit übte, hat es mich gleich begeistert.» In der kleinen Zirkusschule gab es jedoch keinen Roue-Cyr-Experten, der ­Häring hätte trainieren ­können. Also suchte sich der Sissacher einen Trainer übers Internet und wurde in Los Angeles fündig. «Er war bereit, mich zu coachen. Ich schickte ihm jede Woche Videoaufnahmen meines Trainings. Er gab mir, ebenfalls per Video oder in langen Mails, Feedback, wie ich mich verbessern konnte.»

So war Häring auf dem besten Weg, die Zirkusschule mit Diplom und einer eigenen Nummer abzuschliessen. Zwei schwere Erdbeben machten ihm 2011 jedoch einen Strich durch die Rechnung. «In unserem Haus kollabierten zwei Hauptmauern. In der Zirkusschule konnte wegen der Schäden nicht mehr trainiert werden. Man hatte Angst um das Gebäude.»

Zum Glück nahm das National Institute of Circus Arts im australischen Melbourne die Artisten aus Neuseeland auf. «Die hatten sogar ein höheres technisches Level.» Ein Jahr blieb er in Australien und konnte die Zirkusschule mit einer eigenen Nummer, einem australischen und einem neuseeländischen Diplom in der Tasche abschliessen.

Kunststücke auf hoher See

Seither ist er auf das Roue Cyr, Jonglage und Partnerakrobatik spezialisiert und führt ein für Zirkusartisten typisches Nomadenleben. So war Häring mit dem Circus Aotearoa auf Neuseelandtournee, spielte in den Weihnachtsshows «Swiss Christmas» in ­Zürich und «Noël en Cirque» in Valence d’Agen ­sowie auf einem Kreuzfahrtschiff, das zwischen Kiel und Oslo verkehrt. «Ich war Teil einer Tanz- und Musicalshow. Bei hohem Wellengang war es manchmal schwierig, die Nummer durchzuführen.» Häring hat kein Problem damit, ständig unterwegs zu sein. «Unter den Artisten bildet sich an jedem Ort eine kleine Familie. Ausserdem habe ich zu Hause in Basel ja noch meine Freunde.» Im Moment hat er sich in Bristol niedergelassen.

Bis vor Kurzem tourte Häring durch Grossbritannien mit dem Musical «Barnum», einer erfolgreichen Show des weltbekannten Produzenten Sir Cameron Mackintosh, der Musicalhits wie «Cats», «Das Phantom der Oper» und «Les Misérables» produziert hat.

Sollte er im fortgeschrittenen Alter nicht mehr in der Lage sein aufzutreten, möchte Häring eine Zirkus-Compagnie oder -schule managen. Denn ein Leben ausserhalb der Manege kann er sich kaum vorstellen. «In der Zirkuswelt kann man das neugierige Kind in sich bewahren. Das möchte ich bis zu meinem Lebensende tun.»

Autor: Andreas Bättig

Fotograf: Dan Cermak