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01. Juni 2015

Zen oder die Kunst des Beikrautzüpfelns

Frau Bohnebluescht hats nicht so mit Jäten. Ausser sie braucht gerade eine Auszeit von Job und Familie.

Gartenweg mit Unkraut
Ein Vorgartenweg? Ja, aber auch eine Auszeit und ganz viel Zen.

Eigentlich finde ich Jät ja ein nerviges Zeug: Es wächst, ich züpfle, es wächst, ich hacke, es wächst, ich rode – Sisyphus lässt grüssen. Und deshalb mache ich normalerweise einen möglichst grossen Bogen drum herum. Was sich mit dem Fortschreiten des Gartenjahrs naturgemäss aber immer weniger erfolgreich bewerkstelligen lässt, soll es mir nicht über den Kopf wachsen.

Doch immer dann, wenn ich nach einem langen, nervigen Tag ein bisschen Distanz vom beruflichen und familiären Getümmel brauche, kommt es mir gerade recht, das Jät. Dann verkrümle ich mich klammheimlich in unseren Vorgarten, dort, wo zwischen den runden Bsetzisteinen, die unseren Hauszugangsweg pflastern, Chrottepösche und Spitzgras, Hornsauerklee und diverse andere unbestimmte Beikräuter zu spriessen pflegen.

Der Weg ist das Ziel
Gerade an den Sommerabenden ist es dort nämlich angenehm kühl. Dazu kommt, dass mich dort (mit etwas Glück recht lang) meist keiner sucht. Vor allem aber kann ich beim Zwischen-den-Bsetzisteinen-Züpfeln ganz unbeschwert vor mich hin sinnieren, ohne mir zu überlegen, woran ich da eigentlich gerade züpfle. Denn anders als im Gemüse- oder Blumengarten muss zwischen den Bsetzisteinen einfach alles raus.
Und deshalb ist es auch nicht mein Ziel (Achtung, Geständnis!), möglichst rasch fertig zu werden. Im Gegenteil: Das Ziel ist der (Garten)Weg. Und alles andere, sprich der Restgarten mit all seinem Jät, nur Beigemüse.

Und so sinniere, meditiere und Beikraut-züpfle ich mich Abend für Abend und Quadratmeter für Quadratmeter durch meinen Vorgarten, die Knie auf den Bsetzisteinen und den Geist in den Wolken, während die Amsel auf dem Dach nebenan ihr Abendlied anstimmt und vorn an der Strasse die Fledermäuse um das soeben angegangene Licht der Kandelaber tanzen. Aus Nachbars Garten links weht der Duft nach Gebratenem herüber, in Nachbars Garten rechts dreht ein Rasensprenger Runde um Runde, und ein paar Häuser weiter kläfft das dort beheimatete Rudel Retromöpse (sic!) jedes vorbeifahrende Auto an. Was mich für ein Mal nicht weiter nervt, da ich geistig sowieso grad in anderen Sphären schwebe. Spätestens aber, wenn der Sohnemann im Pyjama vor mir steht und seinen obligaten Gutenachtkuss einfordert, spätestens dann hat mich die Welt wieder. Und meist ist die Überraschung gross: Hab das wirklich alles ich gejätet?!
Wie jätet Ihr Euch durch Euren Garten? Fadengerade und effizient oder ähnlich abgehoben und spintisierend wie Frau Bohnebluescht?
Outet Euch über einen Kommentar, oder erstellt einen eigenen Artikel inklusive Fotos.

Autor: Almut Berger

Fotograf: Almut Berger