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01. September 2014

Zeit statt Geld fürs Alter sparen

Rüstige Rentner betreuen bedürftige Senioren und sollen dafür später selbst Hilfe erhalten. Ein Pilotversuch in St. Gallen gilt als Testlauf für die Schweiz. Lesen Sie auch das Porträt des Pionier-Vereins KISS (rechts).

Trudy Manzoni (links) hat ihr Autobillet abgegeben und ist deshalb froh um die Ausflüge mit Gret Rohrer (hier in die St.-Laurenzen-Kirche in St. Gallen).
Trudy Manzoni (links) hat ihr Autobillet abgegeben und ist deshalb froh um die Ausflüge mit Gret Rohrer (hier in die St.-Laurenzen-Kirche in St. Gallen).

Während andere eine Jacke in zwei Sekunden anziehen, dauert das bei Jakob Brassel eine gefühlte Ewigkeit. Der 70-Jährige leidet seit 14 Jahren an Multipler Sklerose. Und bei all den kleinen Alltagsdingen, für die man keine Pflegeausbildung braucht, hilft ihm nicht nur seine Ehefrau Ruth, sondern auch seine Betreuerin von der Zeitvorsorge, Elsbeth Messerli. Sie hält ihm die Jacke hin, kämmt ihn, macht Kaffee oder schiebt ihn im Rollstuhl über die Schwelle auf seinen geliebten Balkon.

Messerli selbst ist 73 Jahre alt, aber noch rüstig. «Ich bin fast jede Woche einen Tag da», sagt sie. Ohne ihren Einsatz wäre Jakob Brassel im Pflegeheim. Denn seine Frau könnte ohne Freiwilligenhilfe die Betreuung nicht allein leisten. Die Spitex kommt morgens und abends, aber tagsüber ist sie die Einzige, die da ist. «Ich kann meinen Mann nicht länger als zwei Stunden allein lassen», sagt Ruth Brassel. Der Grund ist offensichtlich: Er kann sich ohne Hilfe kaum bewegen.

Einmal in der Woche kommt Elsbeth Messerli vorbei und hilft Jakob Brassel.
Einmal in der Woche kommt Elsbeth Messerli vorbei und hilft Jakob Brassel.

Je mehr Senioren es gibt, umso mehr wird auch nach neuen Modellen in der Altenpflege gesucht. Vor allem geht es darum, neben der professionellen Hilfe von Pflegeheimen oder Spitex und der Hilfe durch Angehörige ein zusätzliches Angebot zu schaffen. Für Menschen, die noch zu Hause leben wollen, aber denen die Spitex bei kleinen Dingen wie Kaffeekochen, Spazieren oder Einkaufen nicht helfen kann. Und deren Partner oder Kinder allein damit überfordert sind.

Auch das Ehepaar Brassel hat drei Söhne und fünf Grosskinder. Aber die leben nicht alle in der Nähe und sind berufstätig. Zeit dagegen hat Messerli, die das Ehepaar Brassel aus der Evangelischen Kirchgemeinde Straubenzell kennt. «Die ersten beiden Jahre nach der Pensionierung habe ich das Leben genossen, dann habe ich wieder ein Ziel gebraucht», sagt die Witwe. Auch sie hat Kinder und Grosskinder, für die sie da ist. Aber sie will auch anderen helfen.

Rüstige Senioren helfen denen, die Unterstützung brauchen

Das frisch gestartete Pilotprojekt Zeitvorsorge in St. Gallen schafft für diese Hilfe eine neue Grundlage. Denn alte Menschen verdienen Zeit: Senioren, die Betreuung brauchen, bekommen sie von noch rüstigen Pensionären. Jede Helferstunde wird dabei auf einem Zeitkonto gutgeschrieben. Das bedeutet, wer heute hilft, bekommt die Stunden dann zurück, wenn er oder sie selbst Betreuung braucht. Statt Geld ist Zeit die neue Art der Vorsorge. «Ich gebe heute und nehme morgen, wenn ich es brauchen sollte», sagt Messerli. Der springende Punkt dabei ist, dass in 10 oder 20 Jahren, wenn Messerli selbst vielleicht Hilfe braucht, wiederum Menschen bereit sein müssen, sie gegen eine Zeitgutschrift zu betreuen. Das Projekt setzt Vertrauen in die Menschen der Zukunft voraus. Anders als bei Geld oder bei einem direkten Tausch von Dienstleistungen – wie zum Beispiel Waschmaschine reparieren gegen Pulli stricken – ist die Zeitvorsorge nämlich nicht nur von den Menschen von heute, sondern auch von den Menschen von morgen abhängig: Elsbeth Messerli setzt darauf, dass es in Zukunft Menschen geben wird, die sie betreuen werden. Und zwar wieder gegen eine Zeitgutschrift.

Die Idee der Zeitvorsorge setzt so eine Solidarität über die Zeit hinweg voraus und schafft eine neue Art von Generationenvertrag. «Geld würde ich nicht nehmen, ich habe lange genug für Geld gearbeitet», sagt Messerli. Sie bekommt stattdessen für jede Stunde, die sie Jakob Brassel betreut, eine Gutschrift auf ihrem Zeitvorsorgekonto.

Die Stadt St. Gallen garantiert allen, dass sie für ihre so angesparte Zeit bis zu 750 Stunden Betreuung zurückerhalten – auch wenn sich keine oder nicht genügend neue Zeitvorsorgende engagieren wollen. Dann werden die Leistungen bei der Spitex oder anderen Institutionen eingekauft. Dabei ist der Clou der Zeitvorsorge, dass sie ohne Geld auskommt. Sie basiert auf Vertrauen, das heisst auf Beziehungen. Deshalb würden die Gutscheine verfallen, wenn Elsbeth Messerli in eine Region zieht, wo es keine Zeitvorsorge gibt.

Das Projekt in St. Gallen will das generelle Gemeinschaftsgefühl aufwerten. Als die Stadt sich vor zwei Jahren auf den Pilotversuch einliess und die Stiftung hierfür gründete, hiess es in der Parlamentsvorlage: Das Modell einer Zeitvorsorge basiert auf zentralen Werten unserer Gesellschaft, insbesondere jenem der Solidarität: Eltern sorgen für ihre Kinder, Gesunde helfen Kranken, Starke unterstützen Schwache.

Jakob Brassel freuts, wenn Elsbeth Messerli mit ihm eine Partie Qwirkle spielt.
Jakob Brassel freuts, wenn Elsbeth Messerli mit ihm eine Partie Qwirkle spielt.

Diese Solidarität ist der Grund, warum sich Elsbeth Messerli wie auch Gret Rohrer bei der Zeitvorsorge als Betreuerinnen engagieren. «Ich komme aus einem Dorf im Rheintal, wo es normal war, dass man sich gegenseitig hilft», sagt die 65-jährige Gret Rohrer. Die alte Dorfgemeinschaft soll im St. Gallen von heute wieder aufleben.

Für Rohrer ist klar, dass das kaum ohne ein Zeitvorsorgeprojekt geht. «Wir müssen lernen, dass man etwas machen kann, ohne Geld dafür zu nehmen, aber dennoch etwas dafür bekommt», sagt sie. Gret Rohrer war Zeit ihrer Lebens sozial engagiert und betreut nun neben gelegentlichen Arztfahrten für ältere Menschen regelmässig ihre Nachbarin Trudy Manzoni. Die 82-Jährige ist zwar noch sehr agil und unternehmungslustig, aber sie kann grössere Einkäufe und Ausflüge nicht mehr allein machen. Nun unternimmt sie die Fahrten an den Bodensee zusammen mit Gret Rohrer, und die beiden haben Spass gemeinsam.

Dennoch lässt sich Rohrer die Stunden für die Betreuung bei der Zeitvorsorge gutschreiben. Denn: «Dadurch kommt kein schlechtes Gewissen bei Trudy oder bei anderen auf, und allgemein trauen sich die Leute so eher, um Hilfe zu bitten», sagt sie.

Prinzipiell gebe es mehr Menschen, die helfen wollen, als solche, die Hilfe annehmen können, sagt François Höpflinger, der zusammen mit einem Team das Zentrum für Gerontologie an der Universität Zürich leitet. Wichtig sei, dass die Zeitgutscheine auch tatsächlich eingelöst werden und nicht zu lange gewartet werde. Er ist jedoch zuversichtlich, dass es gelingen kann, den alten Gemeinschaftsgeist in den Dörfern und Städten wieder zu etablieren. «Das entspricht unserem Zeitgeist und auch einem Bedürfnis», sagt er.

Es trauen sich nun viel mehr Menschen, um Hilfe zu fragen

«Das Besondere an der Zeitvorsorge ist, dass man jemandem helfen kann, den man vorher gar nicht gekannt hat», erläutert Höpflinger. Die Grenze zwischen Betreuung durch Zeitvorsorger und Pflege durch bezahlte Pflegefachpersonen müsse allerdings klar sein. «Die Zeitvorsorge ersetzt keine professionelle Pflege.»

Im Zentrum steht die Idee, die Kosten in der Altenpflege einzudämmen, mit dem Mangel an professionellen Pflegekräften umzugehen und trotzdem mehr Lebensqualität zu schaffen. So kann etwa Jakob Brassel dank der Zeitvorsorge immer noch zu Hause leben und auf eine teure Rundumbetreuung in einem Pflegeheim verzichten.

Entscheidend für das Zeitvorsorgeprojekt ist letztlich, ob es auch Menschen anspricht, die sich bisher nicht freiwillig engagiert oder diese Hilfe nicht in Anspruch genommen haben. Das scheint der Fall zu sein: «Es trauen sich nun viel mehr Menschen, um Hilfe zu fragen, weil sie wegen der Zeitgutschriften kein schlechtes Gewissen mehr haben», sagt Rachel Diem-Rohrer, Tochter von Gret Rohrer und Stiftungsrätin der Stiftung Zeitvorsorge in St. Gallen. Ausserdem interessieren sich nun mehr Menschen für einen freiwilligen Einsatz. Für sie ist der Sinn des Helfens durch die Zeitgutschrift plausibler geworden.

Autor: Isabel Strassheim

Fotograf: Daniel Ammann