Archiv
07. Oktober 2013

Zeit für Nachtcreme

Der Coiffeurstift, der mich schamponiert hat, weist mir einen Sitzplatz zu, offeriert mir einen Kaffee und legt mir dann ungefragt zwei Heftli hin: «Auto Motor Sport» und «GQ Men». Fehlt nur noch, dass er mir auch «Penthouse» oder sonst ein Blättchen mit halbblutten Frauen darreicht. Aber der meint das ja nicht böse, er kennt mich nur nicht — ist ja nur eingesprungen, der Junge, weil meine angestammte Coiffeuse noch grad damit beschäftigt ist, einer Kundin die Spitzen zu bleichen.

Badezimmerregal mit Zahnbürsten, Cremes und Parfüms
«Sie tragen Aufschriften wie ‹Turbo Booster›.»

Männermagazine sind nicht so mein Ding, Motorsport schon gar nicht. Ihr, meiner langjährigen Haareschneiderin, ist das bewusst. Sie räumt die Heftli denn auch wortlos beiseite und legt mir die «Gala» hin. Sie weiss: Der Hausmann ist ein Waschweib. Ich bin dann allerdings gar nicht zum Lesen gekommen (und vermutlich ist das besser so, denn womöglich hätte wieder etwas über diese Sylvie van der Dingsbums dringestanden, und ich hätte Vögel bekommen). Es gab nämlich eine weit lebendigere Neuigkeit: den gewölbten Bauch meiner Coiffeuse! «Wann ist es so weit?», frage ich. Und gerate ins Schwärmen, wie wunderbar das Leben mit Kindern sei. Sie hört etwas gequält zu; der Ärmsten ist im Moment vor allem eines: übel. Obs ein Bub oder ein Mädchen wird? Wie auch immer, die Fixierung auf die entsprechende Rolle beginnt bereits pränatal. Es fängt doch schon mit den Strampelhöschen an, die werdende Eltern kaufen: «Princess» steht auf den rosafarbenen, «Super Hero» auf den braunen geschrieben. Kinder sind süsse Prinzessinnen oder taffe Helden, noch ehe sie auf der Welt sind. Und das hört dann nicht mehr auf, dass den Jungs eingehämmert wird, welch geile Sieche sie seien … Bis man schliesslich ein Bub von 48 Jahren ist und reflexartig das «Auto Motor Sport» hingelegt bekommt. Und wie sagt man eigentlich «geile Siech» auf weiblich?

Sie tragen Aufschriften wie ‹Turbo Booster›.

Mir gefiel immer, wenn unsere Kinder sich anders verhielten, als das Klischee es vorsieht. Er spielte früher fürs Leben gern mit ihren Polly-Pocket-Püppchen, sie liest noch heute seine Agentenromane. Aber nur weil unsere Tochter jahrelang im FC war, derweil dem Hans der Fussball schnurzegal ist, will ich ja nicht behaupten, bei uns sei alles anders. Auch er ist zuweilen «typisch» Junge, Anna Luna «typisch» Mädchen. Die Roboter und Raumschiffe von «Star Wars» etwa sind seine Welt, nicht ihre.

«Möchten Sie eine Salbe für strapazierte Hände probieren?», fragt unlängst eine Produktepräsentatorin jede Kundin, die unsere Apotheke betritt. Mich nicht, dabei klaffen schon wieder Schrunden an meinen Fingern, wie immer im Herbst: diese saumässig schmerzhaften Hautrisse, die hausfrau nun mal hat. Item, ich wollte nach einer Nachtcreme fragen, man ist ja nicht mehr der Jüngste und möchte wenigstens gefühlt etwas gegen die Augenfältchen unternehmen — wissend, dass man sie nie mehr los wird. Die Verkäuferin reicht mir eine Tube aus der Frauenlinie, pastell grün und so «weiblich», dass es sogar mir fast zu viel ist. «Sanft pflegend», steht darauf. Männerkosmetika sind ja meist schwarz verpackt, und sie tragen Aufschriften wie «Ultra strong», «Energy booster», «Power lifter» und «Turbo Kick». Die Frau muss mein Zögern bemerkt haben. «Ach wissen Sie», sagt sie und senkt die Stimme dann zum Flüstern, «in den Männer- und Frauentuben ist sowieso dasselbe drin. Die ändern nur die Verpackungen.»

Bänz Friedli (48) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

Die Hausmann-Hörkolumne, gelesen von Bänz Friedli (MP3)

Die Hörkolumnen bei iTunes

Die Hörkolumnen mit RSS-Client
www.derhausmann.ch
Sein Facebook-Auftritt

Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli