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18. August 2014

Zeit für einen Bart?

Meinen die mich? «Altä!» Unser Team – zusammengewürfelt aus Freunden, Verwandten, Anna Luna und mir – hat am Fussballturnier auf dem Lande gegen eine Bubenschaft anzutreten. 16-, 17-jährig sind sie. Und fit, diese jungen Kerle! Dass just der heutige schwülheisse Nachmittag in einem ansonsten so furchtbar verregneten Sommer die Ausnahme bildet, macht das Kräftemessen für mich, den Ältesten auf dem Platz, nicht leichter. «Ey, Altä!», rufen die gegnerischen Jungs ein ums andere Mal, wenn sie an mir vorbeipfeilen. «Altä! Was lauft?», «Huere Fählpass, Altä!» … Und damit könnten sie durchaus mich gemeint haben.

«Anna Lunas Zimmer ist tapeziert ...»
«Anna Lunas Zimmer ist tapeziert ...»

Doch dann werde ich gewahr: Die reden miteinander. «Altä» ist unter sehr jungen Menschen zur Daueranrede geworden. In Zürich, wo ich wohne, höre ich es schon länger. Mich erstaunt nur, dass der Ausdruck nun schon im Bernbiet angekommen ist, auf diesem holperigen, von Kuhweiden, Mais- und Weizenfeldern umgebenen Fussballrasen mitten im ländlichen Nirgendwo. Wobei ich froh bin, dass sie nun «Huere Fail, Altä!» nicht zu mir sagen, sondern zum eigenen Goalie, nachdem uns wenigstens noch das Ehrengoal zum 1:6 gelungen ist.

Mich lächert es jedes Mal aufs Neue, wenn ein Halbwüchsiger zum anderen «Ey, Altä!» sagt, wo sie doch beide blutjung und womöglich nicht einmal alte Kollegen sind. Eine rührende Sehnsucht nach Vertrautheit spricht daraus, der Wunsch nach echten Weggefährten in einer Zeit der flüchtigen Kontakte. «Altä» heisst nichts anderes als: guter alter wahrhaftiger Freund. Denn die Jugend hat durchaus Sinn für verlässliche Werte. Natürlich haben auch unsere Kinder aus London Postkarten geschrieben: an ihre Grosseltern und Gotten, an Freundinnen, ehemalige Lehrerinnen. Und dies nicht, weil wir Eltern es ihnen befohlen hätten. Nein, weil sie selber ein Faible fürs Altmodische haben. Sie stehen Schlange vor dem letzten Fotoautomaten der Stadt, wo man noch die Viererstreifen schwarzweisser Sofortbilder machen lassen kann, zwängen sich dann zu dritt in die Kabine und machen Faxen wie wir anno 1976 – Anna Lunas Zimmer ist tapeziert mit solchen Bildern.

Die Jugend fährt wieder auf Rollschuhe mit vier Rädern ab, bevorzugt alte Velos, die aussehen wie mein «Halbrenner» von 1974, und Skateboards, exakt wie mein allererstes, gekauft 1972. Hans beobachtet meine LP-Sammlung mit wachsendem Interesse und wünscht sich schon ein eigenes Abspielgerät. Wohlverstanden: Für Vinyllangspielplatten! Zu schweigen davon, dass er schon mehrere Kassettengeräte besitzt. Seine Schwester fotografiert fürs Leben gern mit der Sofortbildkamera, und die Fotos, die rauskommen, sehen aus, als wären sie 1979 geschossen worden.

Denn was eben noch völlig out war, ist heute schon «vintage» und daher chic. Als Erstes kamen die fetten alten Kopfhörer wieder, dann die Röhrlijeans, die Espadrilles und – als ich meinen bescheidenen Bart gerade wegrasiert hatte – die Bärte. Sie sprossen und sprossen, wurden wild und wuchernd … Je jünger, desto Bart! Und ich komme zuweilen noch immer um ein Schmunzeln nicht herum, wenn ich einen Jüngling mit Vollbart erblicke, halb Kind noch, der sich furchtbar up to date gibt in Kleidern und Turnschuhen, wie wir sie 1982 trugen. Aber, Halt! Bereits seien diese Hipsterbärte, hab ich in irgendeiner Trendfibel gelesen, wieder démodé. Zeit, vielleicht, mir wieder einen wachsen zu lassen?

Die Hausmann-Hörkolumne, gelesen von Bänz Friedli (MP3)

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli