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27. Mai 2013

Zehn Thesen zum Pendlerland Schweiz

Wie glücklich sind Pendler, wovon hängt Ihre Zufriedenheit mit Arbeits- und Wohnsituation ab? Was lässt sich zu den akzeptierten Distanzen oder der Wahl des Verkehrsmittels sagen? Eine Schweizer Hochschulstudie bringt Licht ins Dunkel. Migrosmagazin.ch formuliert 10 Thesen und fragt nach Ihrem Pendler-Ablöscher.

Vor einigen Monaten kam die Studie der Zürcher Fachhochschule Kalaidos und einem Team um Professor Christian Fichter mit dem Titel Pendlerglück heraus. Sie brachte aus Befragungen von 1600 Schweizer Verkehrsteilnehmern etliche erhellende Fakten ans Tageslicht. Eine hauptsächliche und zumindest teilweise überraschende tönt der Titel bereits an: Eine Mehrheit der Pendler, egal ob Benutzer des öffentlichen Verkehrs, von eigenen Autos oder gar des Fahrrads wie die im Migros-Magazin (vom 27. Mai 2013 ab Seite 14) Porträtierten, sind zufrieden mit Ihrer Situation. Natürlich ist die Zufriedenheit jedoch an bestimmte Bedingungen geknüpft.

Fahrrad, PWs und Güterverkehr sucht sich einen Weg durch Stadt
Fahrrad, PWs und Güterverkehr sucht sich einen Weg durch Stadt und Agglomeration.

Die wichtigsten Resultate der Studie sowie einige Erkenntnisse einer deutschen und schwedischen Untersuchung der letzten beiden Jahre hat Migrosmagazin.ch in der Folge zu zehn Thesen zusammengestellt. Einige mögen überraschen, andere verstehen sich scheinbar von selbst.
Dazu können Sie ebenfalls basierend auf den Studienerkenntnissen Ihren persönlichen Ablöscher im Pendlerleben in öffentlichen Verkehrsmitteln wählen (rechts).

1. Eine Mehrheit der Pendler ist glücklich
Wer denkt, Pendler verfügten generell über eine geringere Lebensqualität oder nähmen dies jedenfalls selbst an, irrt. Die Schweizer Erhebung konnte dieses Vorurteil, das bei ausländischen Studien teilweise bestehen bleibt, klar entkräften.
Weiter interessant: Pendler sehen sich in der Mehrheit nicht als Opfer von zu wenig oder überteuertem Wohnraum oder lokal konzentriertem Stellenangebot. Eher akzeptieren sie Pendeln als Preis für den erreichten Wohlstand.
Und drittens: Eine (Teil-)Entschädigung vor allem für den finanziellen Aufwand eines längeren Arbeitswegs erhöht die Akzeptanz. Pendler ohne jegliche Entschädigungsform (abgesehen von steuerlicher Anrechnung) waren deutlich weniger zufrieden. Dies deckt sich mit einer Mehrzahl internationaler Studien.

2. Zufriedenheit hängt zu kleinem Teil vom Arbeitsweg ab
Der Faktor Pendeln wirkt sich – als isoliert erfasster Faktor bei den Befragungen – statistisch wenig aus. Andere Werte und Grössen haben einen markant grösseren Einfluss auf das individuell wahrgenommene Glück respektive die Zufriedenheit (siehe 3).

3. Job und die Wohnsituation machen es aus
Als die vier grössten Faktoren für Zufriedenheit mit der aktuellen Lebenssituation kristallisierten sich Arbeitsstelle, Wohnsituation, Sozial- und Familienleben und Gesundheit heraus. Die beiden erstgenannten Kriterien weisen natürlich einen klaren Bezug zum Pendeln auf. Daraus lässt sich vereinfacht schliessen: Entspricht der Job und die Wohnung respektive das Haus mitsamt der Wohnlage den persönlichen Bedürfnissen, wird Pendeln durchaus (gern) in Kauf genommen.

4. Pendlerglück sinkt nach knapp einer Stunde markant
Geht es um die Zeit, die für das Pendeln in der Schweiz im Durchschnitt noch ohne grössere Einschränkung der Zufriedenheit akzeptiert wird, stellte sich bei der Kalaidos-Studie ein Wert von rund 50 Minuten heraus. Bei grösserem zeitlichen Aufwand zur Zurücklegung eines Arbeitswegts sank die Zufriedenheit stark, respektive das Thema eines Wohnort- oder Jobwechsels wurde viel häufiger in Betracht gezogen.

5. Die tolerierte Distanz geht bis gegen 100 km
Bei den noch mehrheitlich tolerierten Distanzen bildete sich eine Schwelle von gut 80 Kilometern. Bei einer höheren Distanz sank die Zufriedenheit rapide. Die akzeptierte Distanz ergibt sich nicht automatisch aus der aufgewendeten Zeit, weil zum Beispiel einerseits die Reise dank schnellen Zugverbindungen zwischen Städten (lange Distanz!) eher toleriert wird, auch zum Beispiel eine Reise ohne Umsteigen und mit Sitzplatz im ÖV oder eine ohne Stau im Personenwagen.

6. Pendeldauer innerhalb eines Orts ist unwichtiger
Der innerhalb einer grösseren Stadt (kurze Distanz!) benötigte Zeit- und Distanzaufwand scheint eher in Kauf genommen zu werden. Dies widerspricht sogar ein paar Erkenntnissen in anderen Bereichen. Das Denken scheint sich für innerorts zurückgelegte Wege durchzusetzen: Man ist ja eigentlich schon (fast) da.

7. Der Zeitaufwand entscheidet die Verkehrsmittel-Wahl
... aber nicht allein: Die Flexibilität bei der Planung, allenfalls ein möglicher Wechsel des Verkehrsmittels, sowie natürlich die Kostenfrage sind in zweiter Linie ebenfalls von entscheidender Bedeutung. Zuerst ist also wichtig, mit welchem Mittel man am schnellsten vom Wohn- zum Arbeitsort gelangt. Gleich danach, wie sehr man von einem Verkehrsmittel abhängig ist und wie viel es kostet.

8. Der ÖV hat zwar generell ein gutes Image...
Der öffentliche Verkehr geniesst in der Schweiz im Grunde einen hervorragenden Ruf, trotz aller Probleme (siehe 10). Das Grundangebot mit der geografischen Abdeckung und der Angebotsdichte wird tatsächlich positiv wahrgenommen, vor allem aber sehen die Befragten in der Nutzung des ÖV eher einen positiven als einen negativen Image-Wert. Etwas zugespitzt: Nach den Zeiten des 'Kann mir kein Auto leisten' haben jene des 'Ich schone Umwelt, Mitmenschen und meine Nerven' längst begonnen.

9. ... aber Velo- und Autofahrer sind (noch) zufriedener!
Eine weitere Überraschung der Kalaidos-Studie liegt aber in der Erkenntnis, dass bei den ÖV-Nutzern trotz des generell guten Images (siehe oben) die Zufriedenheit mit der Pendlersituation geringer ist als bei den Autofahrern. Scheinbar macht Autofahren trotz permanenten Staus auf bestimmten Strecken klar mehr Spass als die Benützung von Zug, Bus, Tram und Co. Professor Fichter und sein Wissenschaftsteam gehen aufgrund ihrer Interviews davon aus, dass der Autopendler seine Selbstverantwortung und Aktivität geniesst, während der ÖV-Nutzer eher Mühe hat, die Kontrolle über seinen Arbeitsweg zu einem grossen Teil anderen zu überlassen.
Übrigens: Am zufriedensten überhaupt, also im Durchschnitt mit dem Arbeitsweg am ehesten glücklich, sind tatsächlich die Velofahrer. Die körperliche Betätigung scheint zusätzlich zur Eigenverantwortung positive Auswirkungen zu haben.

10. Was Pendlern unterwegs die Freude vergällt
Überblickt man die spezifisch genannten Nachteile des Pendelns, fallen neben allgemeinen Mankos wie dem eingeschränktem Sozialleben oder den Verspätungen auch besonders zwei bis drei Punkte auf, die in erster Linie im öffentlichen Verkehr auftreten. Im Detail am häufigsten erwähnt wurden:

a) Von Verspätungen bis zum Ausfall von (ÖV-)Verbindungen, Pannen oder Unfällen (im Individualverkehr)
b) Gedränge zu Fuss oder Überbelegung im Zug, Tram oder Bus sowie damit einhergehende mangelende Sitzgelegenheit
c) Keine Gelegenheit, in öffentlichen Verkehrsmitteln zu lesen (Zeitung, Tablet- oder Smartphone-Infos) oder zu arbeiten
d) Einschränkung des Soziallebens infolge Zeitverlusts durch das Pendeln

Nehmen Sie bei der Umfrage zum Pendler-Ablöscher (rechts oben) schlechthin teil.
Die Reihenfolge entspricht keiner Gewichtung. Zwischen Erstklass- und Zweitklass-Abteil im Zug bestand nur für längere Arbeitswege ein wahrnehmbarer Unterschied
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Mehr Infos zur Sudie: www.kalaidos-research.ch
Daten des Bundesamtes für Statistik BfS zur Verkehrsmittelwahl nach Region
Pendeln macht krank: Eine deutsche Studie (Link zur Publikation auf der Wirtschafts-Woche-Website) untersuchte die negativen Auswirkungen von langjährigem Pendeln bei längeren Distanzen. Sie kam so zu einem deutlich pessimistischeren Bild als die Schweizer Kalaidos-Studie, die auf 1600 Interviews und damit der Selbsteinschätzung der Teilnehmenden beruht.

Autor: Reto Meisser

Fotograf: Ruben Wyttenbach